Digital In Arbeit

Mozart ist kein Experimentierfeld

"Was hat das mit Mozarts tiefgründiger Parabel über Humanität und Toleranz zu tun, wenn beides in dieser Deutung ausgespart wird?"

Zuerst hat ihn die Stiftung Mozarteum zum Mozart-Botschafter gekürt, nun übernimmt Rolando Villazón die Intendanz der Mozartwoche. Ob er alle fünf Jahre bleiben wird, wie es sein Vertrag vorsieht? Kurz-Intendanzen scheinen, wie die jüngere Vergangenheit lehrt, an der Salzach in Mode zu kommen. Jedenfalls will er dieses Festival um Mozarts Geburtstag durch mehr Veranstaltungen, die Erweiterung von Veranstaltungsorten, vor allem durch eine ausschließliche Konzentrierung auf den genius loci gründlich umkrempeln.

Ob und wie das funktionieren kann, und er diese Ankündigung fünf Jahre durchhalten wird? Die Öffnung dieses Festivals, wie es von den letzten drei künstlerischen Leitern, Stephan Pauly, Matthias Schulz und Maren Hofmeister, realisiert wurde, hat sich nämlich bewährt. Immer wieder kamen Zeitgenossen zum Zug - dieses Jahr Jörg Widmann. Immer wieder gab es Gelegenheit, Mozart im Spannungsfeld mit anderen Komponisten zu präsentieren, etwa mit Bach, wie es dieser Tage András Schiff und seine Cappella Andra Barca eindrucksvoll demonstrierten.

Eröffnung mit "Entführung"

Perspektivisch präsentieren sich die Programme der traditionell drei Konzerte der Wiener Philharmoniker. Die dafür eingeladenen Dirigenten kombinierten Mozart jeweils mit einem Stück aus ihrer Heimat. So führte der Musikdirektor des Glyndebourne Festivals, Robin Ticciati, das Violinkonzert von Elgar in seinem Gepäck, der Musikdirektor der Brüsseler Oper, Alain Altinoglu, Bizets C-Dur-Symphonie. Der Chef des Mariinsky-Theaters, Valery Gergiev, wird Tschaikowskys Mozartiana-Suite dirigieren und erinnern, dass 2018 auch ein Tschaikowsky-Jahr ist.

Eröffnet wurde die Mozartwoche ausnahmsweise wieder mit einer Oper: Mozarts "Entführung aus dem Serail", der größte Erfolg, den Mozart als Opernkomponist einfahren konnte. Schließlich kreist die diesjährige Mozartwoche um Mozarts erste Wien-Jahre. In diese Zeit, 1782, fällt die Uraufführung dieses Singspiels.

Einfach ist die "Entführung" nicht zu besetzen, wie das Resultat dieses neuesten Salzburger Versuchs zeigte, der sich schließlich nur als eine halbe Sache herausstellte. Dabei hätte man damit uneingeschränkt Erfolg haben können -wenn man sich für eine konzertante oder eine bloß semiszenische Aufführung entschieden hätte. Denn die mit ansteckender Vitalität agierende Blonde von Nikola Hillebrand, die etwas durch Nervosität beeinträchtigte, gleichwohl koloraturensichere Konstanze von Robin Johannsen, der mustergültig kantable Belmonte von Sebastian Kohlhepp und der mindestens ebenso brillante Pedrillo von Julian Prégardien fügten sich zu einem exzellenten Sängerensemble. Dagegen fiel der in den Tiefe unterschiedlich profunde Osmin von David Steffens etwas ab.

Ein Clou auch, dass es gelungen war, René Jacobs als Dirigenten für diese Produktion zu gewinnen. Selbst wenn er auf seiner Einspielung -ebenfalls mit der mit seinen Intentionen bestens vertrauten Akademie für Alte Musik Berlin - diese Mozart-Oper noch inspirierter darbietet, garantierte er wesentlich das hohe musikalische Niveau dieses Premierenabends. Indem er die Texte mit Hammerklavierklängen unterlegte, zeigte er, dass es bloß einiger subtiler Mittel bedarf, will man die in der "Entführung" angestrebte Verbindung von Text und Musik noch vertiefen, ohne den Singspielcharakter des Werks auch nur im Mindesten anzutasten.

Genau das Gegenteil tat die Regie der Salzburg-Debütantin Andrea Moses. Sie transferierte das Geschehen in die Gegenwart, versuchte die Handlung als filmische Lebensrückschau des Bassa Selim, den sie zum Regisseur seines eigenen Films macht, ablaufen zu lassen. Ein Video gleich zu Beginn sollte den Ursprung des Hasses zwischen Bassa Selim und Belmontes Vater erklären. Folgt man Moses' Interpretation, hätten sich diese als Fotografen um das Titelfoto eines wichtigen Magazins und dieselbe Frau gestritten. Als Folge dieser Auseinandersetzung musste Bassa Selim, den Peter Lohmeyer unpassend als outrierten, selbstgefälligen, ehrlicher Humanitas offensichtlich unfähigen Monomanen mimt, fliehen. Er kann sich in seiner neuen Heimat eine neue Existenz als erfolgreicher Geschäftsmann aufbauen, gefällt sich schließlich in der Rolle eines Diplomaten, wenn er am Ende den von ihm in die Freiheit Entlassenen gönnerhaft die Pässe aushändigt.

Kraftausdrücke im Libretto

Was hat das mit Mozarts tiefgründiger Parabel über Humanität und Toleranz zu tun, wenn beides in dieser Deutung ausgespart, das Libretto zudem mit unpassenden Kraftausdrücken befrachtet wird? Aktualisierung um der Aktualisierung willen oder weil man offensichtlich mit einem Werk und seiner spezifischen Atmosphäre doch nichts anfangen mag? Da wäre es besser gewesen, diesen Regieauftrag nicht anzunehmen. Entsprechend heftig reagierte das verärgerte Auditorium.

Mozartwoche versch. Veranstaltungsorte in Salzburg bis 4. Februar, www.mozarteum.at

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau