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Todesstöße im Gedenkjahr

Vor 100 Jahren starb am 11. April einer der bedeutendsten österreichischen Städteplaner und Architekten, der Visionär und Erneuerer Wiens, Otto Wagner. Im Wien Museum wird aus diesem Anlass eine Ausstellung gezeigt.

Die Geringschätzung von Wagners Werken in den 50er und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts wird nur am Rand erwähnt - einige Stationsbauten seiner einzigartigen Stadtbahnkonzeption wurden noch vor dem U-Bahnbau durch keineswegs zweckmäßigere Bauten ersetzt. Und wie geht die Stadtregierung mit dem Erbe des großen Architekten heute um? Sind doch Prestigebauten wie der Hauptbahnhof oder die bereits zur Farce verkommene Baustelle Spital Wien-Nord Symbole für das, was heute mit dem Wort "bauen" assoziiert wird: abkassieren, Ensemble und Landschaftsschutz, vor allem die Bedürfnisse der Nutzer missachten. Otto Wagner hat das Gegenteil verkündet. Er war undiplomatisch, mutig und konsequent. Vor allem aber war "Menschsein" für ihn mit dem "Architekt-sein" untrennbar verbunden. Vielleicht sind gerade deshalb seine wichtigsten Bauten in Gefahr. Für das 1912 fertiggestellte Meisterwerk der Postsparkasse mit seiner grandiosen Kassenhalle und dem einzigartigen Mobiliar ist nach dem Auszug der Bawag noch immer kein sinnvoller Nutzer gefunden. Banken müssen offenbar den Bau des Viertels um den Hauptbahnhof rechtfertigen. Ein Todesstoß wird auch der Nervenheilanstalt am Steinhof versetzt. Wagner wusste, wie wichtig eine von Natur-und Gartenarchitektur geprägte Spitalslandschaft zur Heilung der Patienten ist. Vieles ist verfallen, Bäume wurden gefällt, hässliche Bauklötze hinzugefügt. Ein Drittel des Areals soll der Privatuniversität des Milliardärs George Soros vermietet werden, der Rest dürfte für lukrative Wohnbauten Verwendung finden und um das einzigartige Theater ist es verdächtig still geworden. So geht eine Stadtverwaltung mit dem Familiensilber um.

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