Proces - Krystian Lupa gas­tiert mit seiner Interpretation von Kafkas „Prozess“ bei den Wiener Festwochen. - © Magda Hueckel
Theater

Albtraumhafte Vision eines totalitären bürokratischen Regimes

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der polnische Regiealtmeister und Spezialist für Romandramatisierungen Krystian Lupa verlangt dem Zuschauer einiges ab. Fünfeinviertel Stunden dauert seine Inszenierung „­Proces“, nach der Vorlage von Franz Kafkas im Herbst 1914 geschriebenem und Fragment gebliebenem Roman „Der ­Prozess“. Am Ende dieses langen, erschöpfenden Abends gilt dann aber, was einst Kurt Tucholsky vor dem unauslotbaren Rätsel des Romans notiert hat: Hier weißt du gar nichts.
Dabei ist der Plot eigentlich schnell erzählt: Eines Tages wird einem unbescholtenen, durch nichts auffälligen Prokuristen einer Bank mitgeteilt, er sei verhaftet. Er wird vor ein ziemlich sonderbares Gericht zitiert, bei dem ihm aber auch niemand sagen kann, welches Vergehen denn vorliegt. Der Roman schildert, wie dieser Mann, Joseph K., ohne daran gehindert zu werden, seinen „Fall“ erkundet, in der Hoffnung, ihn irgendwie geregelt zu bekommen. Da Kafka weithin als einer gilt, der gezeigt hat, wie eine totalitäre Gesellschaft mit ihrer beklemmenden Welt der bürokratischen Systeme funktioniert, ist es wenig überraschend, dass Lupa seine Warschauer Inszenierung mit der polnischen Realität verknüpft, wo bekanntlich die regierende nationalkonservative PiS-Partei die Demontage des Rechsstaates betreibt. Diesen Kontext macht Lupa gleich am Anfang deutlich: Als Joseph K. zu seiner Wirtin Frau Grubach ins Zimmer kommt, um nach Fräulein Bürstner zu fragen, läuft dort ein Fernsehgerät, auf dem in einer polnischen Talksendung ein Abgeordneter der PiS-Partei über Recht und Unrecht schwafelt, „ich stehe auf der Seite der Freiheit, insbesondere der Menschen“.
In drei Teilen, die jeweils durch eine Pause voneinander getrennt sind, erzählt Lupa (nicht nur) Joseph K.s Prozess gegen einen unsichtbaren Gegner, wobei er zunehmend dem folgt, was im Zusammenhang mit Kafkas Roman immer wieder betont wird: dessen Traumlogik. Lupa schiebt mittels vorgefertigter Filmprojektionen oder indem er Szenen live filmt und mehrere Perspektiven auf das Geschehen gleichzeitig zulässt, handwerklich gekonnt, Raum und Zeit ineinander.
Auch auf der Textebene überlagern sich verschiedene Stimmen. Lupa selbst spricht auf Deutsch immer wieder Kommentare ein. Dabei verschwimmen auch die ­Figuren: Hinter Fräulein Bürstner wird Felice Bauer, hinter Joseph K. Franz Kafka sichtbar und hinter diesem schließlich Krystian Lupa.
Es scheint, als vermische Lupa seine Erfahrungswelt mit der innersten Erfahrung des Schriftstellers. So ist „Proces“ letztendlich ein beklemmendes Porträt des Innenlebens des bald 76-jährigen Regisseurs, das geprägt wird von einem Staat, der sich die Gerichte, die Medien, die Kunst und (noch nicht vollständig) das Theater in erdrückende Abhängigkeit gebracht hat.

Der polnische Regiealtmeister und Spezialist für Romandramatisierungen Krystian Lupa verlangt dem Zuschauer einiges ab. Fünfeinviertel Stunden dauert seine Inszenierung „­Proces“, nach der Vorlage von Franz Kafkas im Herbst 1914 geschriebenem und Fragment gebliebenem Roman „Der ­Prozess“. Am Ende dieses langen, erschöpfenden Abends gilt dann aber, was einst Kurt Tucholsky vor dem unauslotbaren Rätsel des Romans notiert hat: Hier weißt du gar nichts.
Dabei ist der Plot eigentlich schnell erzählt: Eines Tages wird einem unbescholtenen, durch nichts auffälligen Prokuristen einer Bank mitgeteilt, er sei verhaftet. Er wird vor ein ziemlich sonderbares Gericht zitiert, bei dem ihm aber auch niemand sagen kann, welches Vergehen denn vorliegt. Der Roman schildert, wie dieser Mann, Joseph K., ohne daran gehindert zu werden, seinen „Fall“ erkundet, in der Hoffnung, ihn irgendwie geregelt zu bekommen. Da Kafka weithin als einer gilt, der gezeigt hat, wie eine totalitäre Gesellschaft mit ihrer beklemmenden Welt der bürokratischen Systeme funktioniert, ist es wenig überraschend, dass Lupa seine Warschauer Inszenierung mit der polnischen Realität verknüpft, wo bekanntlich die regierende nationalkonservative PiS-Partei die Demontage des Rechsstaates betreibt. Diesen Kontext macht Lupa gleich am Anfang deutlich: Als Joseph K. zu seiner Wirtin Frau Grubach ins Zimmer kommt, um nach Fräulein Bürstner zu fragen, läuft dort ein Fernsehgerät, auf dem in einer polnischen Talksendung ein Abgeordneter der PiS-Partei über Recht und Unrecht schwafelt, „ich stehe auf der Seite der Freiheit, insbesondere der Menschen“.
In drei Teilen, die jeweils durch eine Pause voneinander getrennt sind, erzählt Lupa (nicht nur) Joseph K.s Prozess gegen einen unsichtbaren Gegner, wobei er zunehmend dem folgt, was im Zusammenhang mit Kafkas Roman immer wieder betont wird: dessen Traumlogik. Lupa schiebt mittels vorgefertigter Filmprojektionen oder indem er Szenen live filmt und mehrere Perspektiven auf das Geschehen gleichzeitig zulässt, handwerklich gekonnt, Raum und Zeit ineinander.
Auch auf der Textebene überlagern sich verschiedene Stimmen. Lupa selbst spricht auf Deutsch immer wieder Kommentare ein. Dabei verschwimmen auch die ­Figuren: Hinter Fräulein Bürstner wird Felice Bauer, hinter Joseph K. Franz Kafka sichtbar und hinter diesem schließlich Krystian Lupa.
Es scheint, als vermische Lupa seine Erfahrungswelt mit der innersten Erfahrung des Schriftstellers. So ist „Proces“ letztendlich ein beklemmendes Porträt des Innenlebens des bald 76-jährigen Regisseurs, das geprägt wird von einem Staat, der sich die Gerichte, die Medien, die Kunst und (noch nicht vollständig) das Theater in erdrückende Abhängigkeit gebracht hat.