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Das Oratorium als OpemrErsatz

... aber noch viel schönere Hoffnungen ...": Im 13. Jahr ihres Bestehens nimmt die styriarte ein Zitat aus Franz Gril lparzers Grabrede für Franz Schubert als Motto für musikalische Konfrontationen zwischen vollendeten Meisterwerken und Fragment oder Torso gebliebenen Kompositionen, und dies freilich unter ständiger Bezugnahme auf die beiden Jahresregenten Franz Schubert und Johannes Brahms. Bereits die Programmgestaltung des Eröffnungskonzerts in der Stainzer Pfarrkirche, einem Sakralraum mit phänomenaler Akustik, bezog ein Fragment auf eine im doppelten Sinn vollendete Komposition. Zunächst brachen Nikolaus Harnon-court und sein deutlich verjüngter Concentus musicus eine Lanze für Schuberts „Lazarus11, dieses so unterschätzte wie weitgehend unbekannte „Oratorium" aus dem Jahr 1820.

Die philologische Diskussion über die Gründe, warum das Werk mitten im zweiten Teil abrupt abbricht, ist bis heute nicht völlig abgeschlossen, alles scheint jedoch darauf hinzudeuten, daß das Werk vollendet vorlag und die uns fehlenden Teile einfach verlorengingen. Wie immer dem auch sei: Nikolaus Harnoncourt führte sein Originalklang-Ensemble souverän erstmals über die Schwelle vom 18. ins 19. Jahrhundert, hervorzuheben sind gewiß die raffinierten Klangmischungen der Bläser, allen voran die geschmeidig klingenden Klarinetten.

Das Werk, das in seiner Verwischung traditionellen Oratorienauf-baus in Richtung durchkomponiertes Drama überraschend weit auf Wagner vorauszuweisen scheint, erfordert auch eine neuartige Gesangs- bezie hungsweise Deklamationskultur, die vor allem von Herbert Lippert und in herausragender Weise vom jungen Bariton Raimund Nolte, der die erste Szene der „Zweiten Handlung" zu einem schauerlich-lugubren Grabta bleau gestaltete, eingelöst wurde. Direkt auf das plötzliche Ende ließ Har noncourt mit dem ihm eigenen ingeniös-dramatischen Instinkt Schuberts Vertonung von Goethes „Gesang der Geister über den Wassern" folgen: Die tiefen Streicher und das blendend disponierte Männerensemble des Arnold Schönberg Chors erzielten hier eine Meisterleistung der Interpretation, die nicht zuletzt erkennen ließ, wie suggestiv ein höchstgenialer Text auf einen Komponisten zu wirken vermag.

Hatte man beim „Lazarus" den Eindruck, daß Schubert mit seiner Musik dem Wort zu Hilfe gekommen war - mit wundervollen Ergebnissen freilich , ließen die Worte des Weltmeisters aus Weimar einmal mehr den himmelhohen Unterschied von

Textvorlagen zutage treten. Als Hörer war man jedenfalls vom Eindruck der musikalischen Gestaltung der Schlußstrophe „Seele des Menschen, / Wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, / Wie gleichst du dem Wind!" so tief berührt, daß man vergaß zu fragen, wer hier spricht: Schubert oder Goethe selbst... eine „unio mystica" jedenfalls.

Erstmals in Graz erklang im zweiten Konzert des Concentus musicus G. F. Handels allererstes Oratorium, das 1707 in Rom komponierte „II trionfo del tempo e del disinganno", der Triumph der Zeit und Wahrheit also. Da damals in Rom ein Verbot von Opernaufführungen herrschte, reicherte I ländel den moralisierenden Text mit opernhaft dramatischen Gesten und ans Bizarre grenzenden Anforderungen für die menschliche Stimme an: Mit den Worten des Dirigenten gesprochen, ein junges Genie „unter einer Dusche von Inspiration". Freilich ist hier der Concentus musicus in seinem ureigensten Element, die halsbrecherischen Passagen und die Dialoge zwischen Oboe, Blockflöte, laute, Orgel und Solocello gerieten zum zwingenden Beweis für die zeitlose Aktualität einer am Begriff der „Klangrede" orientierten Interpretationsauffassung.

Obwohl eine zwingende architektonische Dramaturgie des gesamten

Oratoriums, wie etwa bei „Jephta" oder dem „Alexanderfest" zumindest beim erstenmal Hören nicht erkennbar wurde, und das Werk mit der Dauer von zweieinhalb Stunden das Zeitgefühl eines Hörers im ausgehenden 20. Jahrhundert zeitweise in gewisse Anspannung versetzte, erklangen Momente allergrößter Musik: die „Urnenarie" der allegorischen „Zeit" (Scot Weir), ein fahler Dialog zwischen Cello und Orgel, betörende Klänge der Flöten in der „Schlafarie" der „Wahrheit" (Yvonne Naef), der Schlager des Stücks, die „Dornenarie" des „Vergnügens" (Elisabeth von Magnus), zur Musik von „Lascia ch' io pianga" und vor allem die im pianissimo verklingende Schlußarie der „Schönheit", interpretiert von der - es mag dem En semblegeist widersprechen oder nicht - alles überragenden amerika nischen Sopranistin Laura Aikin, deren Stimme barocke Süße mit unmittelbarer Erotik in singulärer Weise verschmelzen ließ.

Unter den zahlreichen anderen bis herigen Konzerten verdienen vor allem Valery Afanassievs parataktisch-grübelnde Interpretation der B-Dur-Sonate von Schubert sowie die hin-tergründig-strömende, unerhört klangschöne Darstellung des Klarinettentrios op. 114 von Brahms durch Francois Renda und das Haffner-Trio allerlobendste Erwähnung.

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