Woyzeck - © Foto: Reinhard Werner  /Burgtheater
Theater

Die Gleichgültigkeit des Triebes

1945 1960 1980 2000 2020

Am Wiener Akademietheater montieren Johan Simons und Koen Tachelet Georg Büchners Drama-Fragment „Woyzeck“ zu einer circensischen Was-ist-der-Mensch-Nummer, wobei sie frei aus allen Entwurfsstufen des Manuskriptes schöpfen.

1945 1960 1980 2000 2020

Am Wiener Akademietheater montieren Johan Simons und Koen Tachelet Georg Büchners Drama-Fragment „Woyzeck“ zu einer circensischen Was-ist-der-Mensch-Nummer, wobei sie frei aus allen Entwurfsstufen des Manuskriptes schöpfen.

Georg Büchners Drama „Woyzeck“ ist nicht nur das vermutlich berühmteste Fragment gebliebene Drama der deutschen Literatur, es ist gleichzeitig auch das meistgespielte. Als Büchner im Februar 1837 nur gerade 23-jährig in Zürich einer Typhuserkrankung erlag, hat er in vier Handschriften nur verschiedene Entwurfsstufen des Woyzeck-Stoffes hinterlassen.

Georg Büchners Drama „Woyzeck“ ist nicht nur das vermutlich berühmteste Fragment gebliebene Drama der deutschen Literatur, es ist gleichzeitig auch das meistgespielte. Als Büchner im Februar 1837 nur gerade 23-jährig in Zürich einer Typhuserkrankung erlag, hat er in vier Handschriften nur verschiedene Entwurfsstufen des Woyzeck-Stoffes hinterlassen.

Trotzdem wird das Stück sehr oft gespielt. Warum? Wie kaum ein Drama, erscheint „Woyzeck“ trotz des bloß Angelegten, trotz seiner Vorläufigkeit vollkommen. Man kann Friedrich Schlegel bemühen, der um 1800 eine Theorie des Fragments entworfen hat. Nach ihm ist das Fragment nämlich nicht bloß Spur eines nicht vorhandenen Ganzen, sondern könne als Projekt vollendet sein, weil es alle wesentlichen Züge des zu schaffenden Werks schon enthalte.

So gesehen habe das Fragment – und das kann für den „Woyzeck“ geltend gemacht werden – einen eigenständigen Wert, sei also nicht bloß Bruchstück eines fehlenden Ganzen, sondern Skizze eines zukünftigen Werks, dessen Einlösung dem Leser überantwortet werde. So mag auch Johan Simons denken, der sich in seinem Theaterleben schon mehrfach als „Woyzeck“-Leser
hervorgetan hat. Nun lässt der Intendant des Schauspielhauses Bochum am Wiener Akademietheater eine weitere, sehr anspruchsvolle Lesart folgen, wobei er sich frei bei allen Handschriften bedient.

Was ist der Mensch?

Auffällig ist, wie er zusammen mit dem Dramaturgen Koen Tachelet das Drama diesmal kräftig gegen den Strich der Schullektüre bürstet. Da wird Woyzeck auf der Basis einer materialistischen Gesellschaftstheorie gewöhnlich erst als Opfer ungerechter Verhältnisse zum Mörder seiner Geliebten: „Weil wir durch gleiche Umstände wohl gleich würden“.

Vom Hauptmann wird er schikaniert, als gemeiner Soldat ohne Besitz und ohne Rechte darf er seine Marie nicht heiraten, um das Kind zu erhalten, stellt der Fürsorgliche sich einem sadistischen Arzt zu fragwürdigen medizinischen Experimenten zur Verfügung, was ihn physisch und psychisch zerrüttet. Woyzeck wird vorgestellt als der Mensch, auf dem alle herumtrampeln. Und als die Liebe auch keinen Halt mehr gibt und Marie ihn mit dem Tambourmajor, dem „schönen Mann“, betrügt, wird Woyzeck zum Mörder, der nichts dafür kann. In Simons/Tachelets jüngster Lesart ist davon nur noch wenig zu sehen. Sie versenken sich kaum ins „Leben der Geringsten“, sondern interessieren sich für das Drama der Vereinzelung und Entfremdung in einem ganz anderen Sinn, auf der Basis der Frage – die auch Büchners anthropologisches Interesse umtrieb – was ist der Mensch?

Auffällig ist, wie Johan Simons zusammen mit dem Dramaturgen Koen Tachelet das Drama diesmal kräftig gegen den Strich der Schullektüre bürstet.

Steven Scharf in der Rolle des Woyzeck spielt ihn als melancholischen Grübler, der weniger mit dem Armutselend im Leben oder den Schikanen als vielmehr mit dem Sosein des Menschen hadert. Woyzecks bedrückende Innenwelt, die Scharf in eine präzise, intensive Körpersprache übersetzt, ergibt sich im Konflikt von Kultur und Natur. Denn der Mensch „ist nicht mehr als ein dressiertes Pferd“, also ein abgerichtetes Tier, dem Vernunft und Tugend eingeimpft werden. Aber Woyzeck ist kein richtiger Mensch, wie er bei Simons (anders als bei Büchner) von sich selbst sagt, als er wie ein Esel mit den Ohren wackelt. Er „hat sein Fleisch und Blut“, weshalb er in Konflikt mit den Ordnungsmächten (Medizin, Militär und Kirche) gerät. Denn wie soll einer wie er, ein Gemeiner, ein armer Schlucker, tugendhaft sein, das heißt auf „moralische Art“ Kinder in die Welt set
zen? Aber „es kommt einem nur so die Natur […]. Es muss was Schönes sein um die Tugend. Aber ich bin ein armer Kerl.“

Woyzeck steht bei Simons für die Re-Naturierung des Menschen. Der Konflikt ergibt sich im immerzu drohenden Umschlag von Kultur in Natur. Was ist der Mensch, Kopf oder Unterleib, Wille oder Nervus vagus?

Fortschritte der Zivilisation

Der Mensch „ist nicht mehr als ein dressiertes Pferd“, also ein abgerichtetes Tier, in dem sich Kultur- und Naturprozesse verschränken. Aus diesem Grund ist der Schauplatz von Simons’ Existenzdrama eine Zirkusmanege (Bühne: Stéphane Laimé). Hin und wieder ist die ganze Szenerie unterlegt mit Projektionen von Zirkusnummern, geschmückten, im Kreis galoppierenden und Pirouetten drehenden Pferden, seilspringenden Affen etc., währenddessen der von seiner prächtigen Uniform entkleidete Tambourmajor (Guy Clemens), in bis über den Bauchnabel hochgezogenen Unterhosen, wie ein Pferd trabend seine Runden dreht. „Sehn Sie die Fortschritte der Civilisation. Alles schreitet fort, ein Pferd, ein Aff, ein Canaillevogel!“, heißt dazu Büchners ironischer Kommentar.

Die Marie der wunderbaren Anna Drexler fühlt sich nicht wegen seiner Potenz und Männlichkeit angezogen, sondern weil sie ein im ursprünglichen Wortsinn naives Geschöpf ist. Ein Weib von vitaler Sexualität, sie „guckt sieben paar lederne Hosen durch“ und ist frei von jenen Zweifeln, wie sie Woyzeck im Schädel dröhnen. Bei Simons’ Lesart avanciert das Tier (im Menschen) zur kritischen Instanz gegen den Menschen, weil es frei ist, aufgrund seiner unverdorbenen Naturgeschichte. Die „fixe Idee“, die der Doktor bei Woyzeck diagnostiziert, ist der Trieb, jener menschliche Abgrund, vor dem es Woyzeck bekanntlich schwindelt, wenn er hinab sieht. Denn der Trieb ist moralisch gleichgültig. Das ist das Dilemma. Aber liebe und tue was du willst, geht leider nicht. Das ist die Tragödie. Kein Theatrum mundi, sondern ein Theatrum vitae humanae.

Woyzeck - © Foto: Reinhard Werner  / Burgtheater
© Foto: Reinhard Werner / Burgtheater
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Woyzeck

Akademietheater

24., 28. April, 16. Mai 2019