"Die große Show" - © Foto:Gerhard Breitwieser

„Die große Show": Kalte Brause statt eine Sause

1945 1960 1980 2000 2020

"Die große Show“ des „aktionstheater ensemble“ im Werk X erkundet gesellschaftliche Stimmungen und österreichische Gegenwart. Die Beiläufigkeit, mit der große und aktuelle Themen angeschnitten werden, ist dabei Programm. Mit dabei: Elias Hirschl.

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"Die große Show“ des „aktionstheater ensemble“ im Werk X erkundet gesellschaftliche Stimmungen und österreichische Gegenwart. Die Beiläufigkeit, mit der große und aktuelle Themen angeschnitten werden, ist dabei Programm. Mit dabei: Elias Hirschl.

Seit mehr als 30 Jahren gibt es das in Vorarlberg beheimatete „aktionstheater „ensemble“. Und fast ebenso lange gehört die Truppe um Impresario Martin Gruber zu den aufregendsten freien Gruppen Österreichs. Sie sind mit ihren Stückentwicklungen so bekannt geworden, dass ein deutscher Kritiker sie auf einer Ebene mit dem Künstlerkollektiv She She Pop und gar mit dem Vielschreiber und Regisseur René Pollesch sieht – und in dieser Art Theater eine veritable Alternative zu so manch dahinsiechendem Stadttheater. Kein Wunder also, dass dem „aktionstheater“ das Ländle schon längst zu klein geworden ist und ihre Produktionen neben Bregenz und Dornbirn auch regelmäßig in Wien zu sehen sind.

Mit dem Werk X im zwölften Wiener Gemeindebezirk hat die Truppe so etwas wie eine zweite Heimat gefunden. Dort ist nun die jüngste Kreation mit dem vielversprechenden Titel „Die große Show“ uraufgeführt worden, bevor das im Kollektiv entwickelte Stück auch in Dornbirn zu sehen sein wird.

Einen Schritt zur Seite treten

Eine große Show, das ist das Abschiedsgeschenk, das Michaela – dahinter verbirgt sich die Schauspielerin Michaela Bilgeri, denn wie fast immer verschmelzen in den Produktionen des „aktionstheaters“, den postdramatischen Gepflogenheiten folgend, die Grenzen von Rolle und Darstellerin – der Freundin und dem bewunderten Vorbild Susanne (Susanne Brandt) bereiten will. Denn diese feiert nicht nur einen runden Geburtstag. Sie möchte nach einer „fulminanten Karriere“, der sie ihr ganzes Leben nach den „strengsten Maßstäben ihres persönlichen moralischen Rüstzeugs“ untergeordnet hat, nun „einen Schritt zur Seite treten“.

Kurz nachdem die beiden in ihren roten, festlichen Abendkleidern die Spielfläche betreten haben, dämmert einem, was der seit Beginn auf die schwarze Rückwand projizierte, knapp über dem Boden schwebende weiße Luftballon zu bedeuten hatte. Er ist nicht nur Dekoration, die bei keiner Party fehlen darf, sondern vielmehr Sinnbild für einen allgemeinen Zustand: Die Luft ist eigentlich raus. Da nützt es wenig, dass Michaela Gäste eingeladen hat, wie etwa den Magier Raphael (Macho), der den ganzen Abend erstaunliche Zaubertricks demonstriert und Susanne ein Moment Hoffnung schenken möchte. Denn das sei es, was er an seiner Kunst so liebe: die Leute glauben zu machen, „dass mehr möglich ist, als man glaubt“.

Susanne soll noch einmal, ein letztes Mal, im Mittelpunkt stehen. Wenn Michaela am Ende aber resümiert, dass die ganz auf die Person ausgerichtete Show voll aufgegangen sei und sie sich darüber freue, in diesem Fall einen Schritt zur Seite gemacht zu haben, wissen wir längst, dass das eine steile Behauptung ist. Denn Michaela stellt sich immer wieder vor die Jubilarin, belehrt sie mit Halbwissen, schwadroniert über dies und jenes – wie den Vorteil, als Schönheit geboren worden zu sein. Dann verschwindet sie kurz, um gleich darauf mit einem neuen Kleid Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Susanne steht meist im Abseits und lässt sich mit Prosecco, den Raphael immer wieder herzaubert, langsam volllaufen. Als sie endlich dran ist und ihre Selfies aus Venedig präsentiert, die eigentlich der Höhepunkt ihrer Feier hätten werden sollen, geht auch das vollends schief. Schließlich werden die Freundinnen sogar handgreiflich. Als Susanne Worte des Abschieds ans Publikum richten soll, kotzt sie stattdessen auf die offene Bühne.

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