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Ein Crashkurs in Staatsrecht

Die österreichische Regisseurin und Autorin Christine Eder ist Spezialistin für theatralen Geschichtsunterricht. Das zeigte sie schon im Werk X mit der "Proletenpassion 2015 ff.", einer Über-und Weiterschreibung des legendären Stückes von Heinz R. Unger und der Musikband "Schmetterlinge" aus dem Jahr 1976, in der die Geschichte der Klassenkämpfe aus der Sicht der Unterdrückten und von deren revolutionärer Hoffnung erzählt wird. Am Volkstheater zeigte Eder vor zwei Jahren die "Untergangsrevue" "Alles Walzer, alles brennt!" Gemeinsam mit der Wiener Musikerin Eva Jantschitsch alias Gustav zeichnete sie anhand von Biografien und Originaldokumenten die Ära des roten Wien nach .

Biografisches und Theoretisches

Nun haben Eder und Jantschitsch wiederum am Volkstheater ihre jüngste Politshow zur Uraufführung gebracht. Nach bewährtem Rezept collagiert Eder biografisches und viel theoretisches Material, Gustav und Band begleiten mit mechanischem Elektrosound den Crashkurs in Sachen Geschichte und Staatskunde. Als "dystopische Echokammer" will Gustav den Sound und die (zu wenigen) Lieder verstanden wissen.

Im Zentrum steht der österreichische Völkerrechtler, Rechtstheoretiker und Mitautor der österreichischen Verfassung von 1920 Hans Kelsen (1881-1973). Christoph Rothenbuchner spielt den 1929 aus Österreich nach Deutschland Vertriebenen, von wo er als Jude 1933 zunächst in die Schweiz, Frankreich und schließlich in die USA emigrierte, weniger mit professoraler Veranlagung, denn als glühenden Verteidiger der Demokratie. Als solcher hat er sich vor allem in seinem berühmten Aufsatz offenbart, den er nur wenige Monate vor der Machtergreifung Hitlers und der NSDAP publizierte und dem auch der Titel für Eders Politshow entlehnt ist.

Entlang von Kelsens (intellektueller) Biografie werden Wendemarken der Ideengeschichte "Demokratie" im Schnelldurchlauf abgespielt. Eine Mauer aus Kartonklötzen nimmt die ganze Bühnenbreite ein. Sie lässt Assoziationen zu -Geschenk, Koffer und Care-Paket - will aber auch metaphorisch für die Fragilität der Demokratie gelesen werden. Im Laufe des Stückes wird sie nicht nur löchrig, sondern gewaltsam zum Einsturz gebracht, - bis am Ende nur noch eine Trümmerlandschaft übrig bleibt.

Vor dieser Mauer haben die bewundernswerten Darsteller (neben Rothenbuchner Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar und Birgit Stöger) einer schier unübersichtlichen Anzahl von politischen Philosophen, Wirtschaftswissenschaftlern und Staatsmännern mehr Stimme als Körper zu geben. Und darin liegt auch ein wenig das Problem des Abends. In knapp eindreiviertel Stunden werden hastig markante und gewiss bedenkenswerte Sätze unterschiedlichster Autoren ins Publikum geschleudert, wobei die Parallelen zur Gegenwart oder die ungebrochene Aktualität der Fragen erschreckend deutlich werden: von John Lockes "die Erde wurde dem Menschen in Gemeinschaft übergeben" über die antagonistischen Staatsideen von Kelsens Widersacher Carl Schmitt bis hin zu Äußerungen von den Ökonomen Joseph Schumpeter, Ludwig von Mises, John Maynard Keynes oder Friedrich von Hayek, dem von linker Seite viel gehassten Urvater wirtschaftsliberaler Ideen.

Zum Denken ist keine Zeit

Viel Bedenkenswertes wird an dem Abend (allzu schnell) dahingesagt, aber zum Denken ist keine Zeit: nicht über die Rolle der Arbeit oder den Zusammenhang von Eigentum und Freiheit, nicht über die Gründe der autokratischen Wende in vielen Demokratien oder der Hinwendung zu Metaphysik und Irrrationalismus und auch nicht über die Frage, wie sich Demokratie gegen ihren Rückbau verteidigen könne. Unterbrochen werden die historischen Exkurse durch die großartigen parodistischen Anrufe bei der Terrorhotline des hier ironisch genannten "Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie".

In der angeblichen Terrorismusbekämpfung sehen die Autorinnen die Gründe für die zunehmende Schwächung des Verfassungsrechts. Weil jeder als potenzieller Terrorist gelten und damit der Staat auf die Bedrohung flexibler reagieren kann, werden Bürgerrechte eingeschränkt und umgekehrt Macht und Befugnisse des Staates sukzessive erweitert. Diese aber, so legt der Zusammenhang, den Eder stiftet, nahe, dient aber vor allem der Verteidigung einer neoliberalen Wirtschaftsordnung. Kelsen sagt im Stück einmal, Demokratie könne sich nicht dadurch verteidigen, indem sie sich aufgibt. Der Protest, den das Stück grundiert, eilt ihr zu Hilfe. Das ist schon was.

Verteidigung der Demokratie Volkstheater Wien 3., 4., 12. Nov.

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