Der Leichenverbrenner - © Foto: Matthias Horn
Theater

Ein Mann mit flexiblen Prinzipien

1945 1960 1980 2000 2020

Julia Danielczyk über Franzobels "Leichenverbrenner" im Wiener Akademietheater.

1945 1960 1980 2000 2020

Julia Danielczyk über Franzobels "Leichenverbrenner" im Wiener Akademietheater.

Wehe, man kratzt am Selbstbild der Spießer! Der Leichenverbrenner, Abstinenzler und Tierliebhaber Karel Kopfrkingl (kein Tippfehler) hält sich für einen guten und sensiblen Menschen. In „schrecklicher Zärtlichkeit“ ist er seiner Frau Marie zugetan, die er – ganz von der buddhistischen Heilslehre eingenommen – Lakmé ruft. Von ihr möchte er Roman genannt werden, denn er ist furchtbar romantisch. Noch scheint das kleine Glück der Familie Curda, wie Karel eigentlich heißt, in Sicherheit. Um es nicht in Gefahr zu bringen, wiederholt er das Mantra von der „Wichtigkeit der Familie“, der „Keimzelle des Glücks“, in einem fort; schließlich gilt es seine Bequemlichkeit zu sichern. Diese wird auch von seinem Selbstbild als leidenschaftlicher Kremierer unterstützt. Die Einäscherung ist die reinste Art, gepflegt im Nirwana anzukommen.

Dazwischen gönnt er sich Powidldatschgerln, Pofesen und Palatschinken und einen regelmäßigen Besuch im Puff. Konditorei und Krematorium, bürgerliches Wohnzimmer und Bordell, Rummelplatz und Irrenhaus, das geht sich im tabernakelförmigen Raum der von Jakob Brossmann gestalteten Bühne am Akademietheater aus. Dort ist seit letztem Donnerstag die Uraufführung des Stücks „Der Leichenverbrenner“ zu sehen. Franzobel hat den 1967 verfassten Roman des tschechischen Schriftstellers Ladislav Fuks (1923–1994) dramatisiert, im Zentrum stehen Opportunismus, Scheinheiligkeit und Konformismus, die sich in der Figur des Karel stellvertretend für den Durchschnittsbürger präsentieren. Die Empfindsamkeit des „verweichlichten“ Sohnes Milivoj (herrlich androgyn: Sabine Haupt) ist Spiegel seiner verdrängten Ängste. An diese appelliert der Ex­-Kamerad Willi Reinke, der ihm „ruhiges Glück und Frieden“ verspricht, wenn er sich in den Dienst des NS-­Regimes stellt.

Eiskalt denunziert Karel seine Kollegen, verrät Nachbarn, und sogar die eigene Familie bekommt es zu spüren, schließlich soll er Direktor des Krematoriums werden. In Nikolaus Habjans Inszenierung spielt Michael Maertens den Karel betont beherrscht. Hinter seiner sanften Stimme blitzt eiskalte Brutalität durch, vor allem wenn man seine Prinzipien infrage stellt. Diese sind aber flexibel, denn „wenn man die Perspektive wechselt, dann ändern sich die Wahrheiten“, gibt der typische Mitläufer von sich. Für die Darstellung der Nebenfiguren setzt Habjan seine Klappmaulpuppen ein. Er selbst führt, als Tod geschminkt, den hetzenden Nazi Willi Reinke. Der Einsatz der Puppen ist beeindruckend, aber auch zweischneidig: Einerseits wird der Gefährlichkeit des Mitläufertums und der Hetze etliche Schärfe genommen, andererseits zeigt gerade die Überhöhung durch die Puppen gleichsam wie ein Vergrößerungsglas auf, wie einfach und treffsicher populistisch gefährliches Gedankengut transportiert werden kann. Das Publikum quittiert den kurzweiligen Abend mit viel Applaus.

Die Autorin ist freie Theaterkritikerin.