Faust - © Matthias Horn / Burgtheater
Theater

Goethe, dekonstruiert

1945 1960 1980 2000 2020

Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung als Wiener Premiere: Die bereits vor fünf Jahren in München entstandene Produktion hat nichts an Intensität eingebüßt.

1945 1960 1980 2000 2020

Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung als Wiener Premiere: Die bereits vor fünf Jahren in München entstandene Produktion hat nichts an Intensität eingebüßt.

Diese „Faust“-Interpretation entspricht weder den üblichen Sehgewohnheiten noch bekannten Szenenfolgen. Der deutsche Autor Albert Ostermaier hat einen Mix aus beiden Teilen von Goethes Drama zusammengestellt, der sich in Kušejs Regie als dystopischer Gesellschaftsbefund präsentiert. „Faust“ spielt hier auf einem heruntergekommenen Fabriksgelände (Bühne: Aleksandar Denić). Hohe Zäune umgeben ­leere Plätze. Ein riesiger Kran ragt in dunkle Höhen, der Spruch „Honi soit qui mal y pense“ steht über einer Frauensilhouette. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, lassen sich die berühmten Worte übersetzen. In der überwachten Zone kann es nur Gut und Böse, Richtig und Falsch geben. Hierin liegt der zentrale Konflikt der Tragödie: In der Dualität, im Schwarz-Weiß-Denken sind die Katastrophen begründet.

In Kušejs Inszenierung ist Mephisto ein Teufel, der viele Seiten offenbart und der das „Böse“ in zahlreiche Aspekte auffächert. Bibiana Beglau, neu im Burgtheater-­Ensemble, ist die ideale Besetzung für diesen Mephisto, der aus Verzweiflung, Angst, Demütigung, Hass und unstillbarer Gier agiert. Bereits im ersten Auftritt wird ­Mephisto klar als die andere Seite des Gottesgesichtes vorgestellt. Er ist der ins ewige Nichts gestürzte Engel Luzifer, selbst handlungsunfähig. Bibiana Beglau tritt im eleganten schwarzen Anzug auf, legt das Sakko ab und fasst sich an die dunklen Narben am Rücken, an jene Stellen, an denen einst die Engelsflügel wuchsen. Der Phantomschmerz plagt diese geschundene Kreatur. Geradezu akrobatisch windet sich Beglau, ihr Spiel ist von außergewöhnlicher Durchlässigkeit und geradezu perfekter Körperbeherrschung.

Diese „Faust“-Interpretation entspricht weder den üblichen Sehgewohnheiten noch bekannten Szenenfolgen. Der deutsche Autor Albert Ostermaier hat einen Mix aus beiden Teilen von Goethes Drama zusammengestellt, der sich in Kušejs Regie als dystopischer Gesellschaftsbefund präsentiert. „Faust“ spielt hier auf einem heruntergekommenen Fabriksgelände (Bühne: Aleksandar Denić). Hohe Zäune umgeben ­leere Plätze. Ein riesiger Kran ragt in dunkle Höhen, der Spruch „Honi soit qui mal y pense“ steht über einer Frauensilhouette. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, lassen sich die berühmten Worte übersetzen. In der überwachten Zone kann es nur Gut und Böse, Richtig und Falsch geben. Hierin liegt der zentrale Konflikt der Tragödie: In der Dualität, im Schwarz-Weiß-Denken sind die Katastrophen begründet.

In Kušejs Inszenierung ist Mephisto ein Teufel, der viele Seiten offenbart und der das „Böse“ in zahlreiche Aspekte auffächert. Bibiana Beglau, neu im Burgtheater-­Ensemble, ist die ideale Besetzung für diesen Mephisto, der aus Verzweiflung, Angst, Demütigung, Hass und unstillbarer Gier agiert. Bereits im ersten Auftritt wird ­Mephisto klar als die andere Seite des Gottesgesichtes vorgestellt. Er ist der ins ewige Nichts gestürzte Engel Luzifer, selbst handlungsunfähig. Bibiana Beglau tritt im eleganten schwarzen Anzug auf, legt das Sakko ab und fasst sich an die dunklen Narben am Rücken, an jene Stellen, an denen einst die Engelsflügel wuchsen. Der Phantomschmerz plagt diese geschundene Kreatur. Geradezu akrobatisch windet sich Beglau, ihr Spiel ist von außergewöhnlicher Durchlässigkeit und geradezu perfekter Körperbeherrschung.

Mit starken Bildern und einem hervorragenden ­Ensemble spielt Kušej mit dem dualen Verständnis von Gut und Böse.

Mephisto ist hier ein androgynes Wesen zwischen eiskalter Berechnung und verzweifelter Gier nach Zuwendung. Er ist aber auch depressiv und empathielos, aggressiv und verloren. In Beglaus Darstellung wirkt Mephisto manchmal wie ein harmloser Kobold, dann wie ein blutrüns­tiger Schlächter, ein Vampir, lüs­tern und geil, der keine Grenzen kennt, wenn es um die Befriedigung seiner Gelüste geht. Während Beglau ihre – immer in Schwarz gehaltenen – ­Kostüme wechselt und einmal in Strapsen, einmal im Anzug und dann halbnackt auftritt, ist Werner Wölbern in weißem Hemd und grauem Anzug kein gelehrter Doktor Faust, sondern ein unzufriedener Manager auf der Suche nach neuen Reizen.

Er ist der expansionswütige Faust, der skrupellos immer mehr Land für sich schaffen möchte und den selbst das Überleben des alten Paares Philemon und Baucis nicht davon abhält. Fausts Zuhause ist kein Studierzimmer, sondern die Nasszelle in seinem Loft. Aus dem Spiegel blickt schon Mephisto, der Dämon, der in ihm den idealen Gesellen findet.

Sensationsgier, Gewalt und Begierden

Wölberns Faust ist klar in seiner verzweifelten Sinnsuche, voller Lebenslust und doch zögerlich, neugierig und dann wieder feig, und das alles durchgängig. Zusammen mit Beglau bildet er ein außergewöhnliches Paar, das sich rasant ins wilde Geschehen wirft. Statt der Studenten in Auerbachs Keller wird ein Schlägertrupp am eingezäunten Sportplatz gezeigt, und der Verjüngungs-Zaubertrank der Hexe ist nichts anderes als des Teufels Ejakulat. Kušej malt ein düsteres Bild einer sensationsgierigen Gesellschaft voller Gewalt und ungezähmter Begierden. Dazu gehören Bombenexplosionen und Terroranschläge. In Kušejs finsterer Prognose schnallt Mephisto einem Kind einen Sprengstoffgürtel um. Wenig später erfolgt die Detonation inmitten einer Menschenmenge.

Nur Gretchen scheint in der Lage, der Hassspirale etwas entgegenzusetzen. In ihrer Stube ist es ruhig und gleißend hell. Im unschuldigen weißen Hemd tritt Andrea Wenzl als Gretchen auf und wälzt sich in einem Strauß langstieliger roter Rosen. Sehnsucht und Begierde sind geweckt, die Liebestragödie nimmt ihren Lauf, bis Gretchen schlussendlich wieder am Boden liegt. Das Rot, in dem sie nun badet, ist jedoch das eigene Blut, nachdem sie ihr und Fausts Kind geboren und getötet hat.

Mit starken Bildern, vordergründiger Farbsymbolik und einem hervorragenden Ensemble spielt Kušej mit dem dualen Verständnis von Gut und Böse, das er etabliert, um es sogleich wieder aufzubrechen. Hierfür dekonstruiert er Goethes „Faust“ und entlässt Gott als zentrale Macht. Dementsprechend verwirrt, überrascht, aber auch begeistert zeigte sich das Publikum über diese verstörende Gesellschaftsdiagnose.

Theater

Faust

Burgtheater, 7., 13., 20. Okt.