Vom wütenden Tabubrecher ZUM preisgekrönten Schriftsteller: Josef Winklers literarischer Weg

Winklers Werk sei "Blut-, Sperma- und Todesliteratur", so "extrem einseitig-subjektiv, dass sie nie Literatur werden konnte", hieß es in der deutschen "Tagespost", nachdem bekannt wurde, dass Josef Winkler den Georg-Büchner-Preis erhalten wird. Solche Aussagen erzählen mehr über das eigenartige Literaturverständnis des Rezipienten denn über die Texte. Dass die Winkler'schen Werke nicht gefallen wollen, ist eine andere und völlig unbestrittene Tatsache, und Winkler selbst fragt schreibend: "wenn mir nicht ein Satz wie ein Mühlstein um den Hals hängt, wozu soll ich ihn dann loswerden?" Mühlsteine mutet der Autor auch seinen Lesern zu. Er schreibt nicht für ein Publikum, sondern um sein Leben. Er ringt nicht um Leser, sondern um Sprache.

Sätze wie Mühlsteine

Winklers öffentlicher Auftritt als Romanautor beginnt 1979 mit "Menschenkind", dem die Romane der später "Das wilde Kärnten" benannten Trilogie folgen: "Der Ackermann aus Kärnten" (1980) und "Muttersprache" (1982). Die Texte dieser Jahre erzählen von am Hanfstrick aufgeknüpften jugendlichen Selbstmördern, von homoerotischen Fantasien und sexuellen Praktiken, Hass auf den Vater und ödipaler Liebe zur Mutter. "So unangenehm war mir lange kein Buch. Josef Winklers Roman Der Ackermann aus Kärnten ist ein Exzeß der Metaphern, ein Abszeß der Sprache", gab seinerzeit Ulrich Greiner zu. Er "verstößt, wo er nur kann, gegen den guten Geschmack". In drastische Bilder gebracht wird mit vielen farbigen Adjektiven auch der bäuerliche Alltag. Immer wieder baumelt der berühmt gewordene Winkler'sche Kalbstrick in den Texten, mit dem man ins Leben helfen kann oder in den Tod. Mit ihm werden die Kälber aus dem Bauch der Mutter gezogen, mit ihm werden Kinder geschlagen, an ihm hängen sich die beiden Jungen auf, die ihre Liebesbeziehung nicht leben konnten.

Dieser Doppelselbstmord zweier junger Burschen im heimatlichen Kärntner Dorf Kamering - der 1953 geborene Winkler lebt in Klagenfurt - stößt das Schreiben an. Wütend bricht die Sprache aus ihm heraus und Verbotenes wird nicht mehr verschwiegen, es wird im Gegenteil herausgeschrien. Gebete und Gebote schreibt Winkler provokant um, Heiligenbilder fallen in seinen Texten brennend zu Boden. Als "nekrophile(n) Hymniker und Blasphemiker aus katholisch-barocker Tradition, besessen autobiographisch, schwankend zwischen Sakrament und Sakrileg", bezeichnete Sigrid Löffler den Autor. Klaus Amann, der am 9. Oktober 2008 anlässlich der Verleihung des Großen Staatspreises an Josef Winkler die Laudatio hält, betitelte einen Beitrag über Winkler passend mit "Allerheiligenhistoriker, Karfreitagspsychologe, Christihimmelfahrtsphilosoph, Mariaempfängnisneurotiker".

Auch wenn Winkler heute in Interviews vor allem von "Beschädigungen" spricht, erzählen seine Werke mehr: Abneigung und Faszination prägen nämlich sein Schreiben über die kirchliche Sozialisation und Kultur. Winkler erinnert sich schreibend etwa auch daran, wie er als Ministrant mit dem Kirchenblatt von Haus zu Haus gegangen ist und wie er im Pfarrhaus seine Karl-May-Bände geschenkt bekam: "Auch eine Gottes- und Himmelserfahrung."

Winkler ist auch der Schöpfer jener Bilder, in denen das Leben den Tod umarmt. Seine Beschreibungen von "wandelnden Pietàs" sind überaus zärtlich: trauernde Menschen, die ihre Liebsten - ihr Kind, ihren Freund - als Toten auf den Armen tragen, wie in der Novelle "Natura morta". In Gebete oder Lieder schreibt sich Sehnsucht ein, etwa die nach der Zärtlichkeit der Mutter: "War nicht ich es, der die Mutter bat, in einer Nacht, wenn der Vater in Klagenfurt bei seinem Bruder schlief, neben ihr liegen zu dürfen? Ich schlief mehr in der Mitte, näher, meine Mutter, zu mir, näher zu mir." ("Muttersprache")

Interesse an Religion

In der Kindheit entsteht das existenzielle Interesse an religiöser Sprache, Riten und Bräuchen. In Winklers Schreibweise ist das "Liturgische" zu erkennen, etwa in den Wiederholungen: Bekannte Bilder kehren immer wieder, stets neu komponiert. Schreiben ist Wandlung. "Alles, was ich beschreibe, wird neu." ("Der Ackermann aus Kärnten")

Das Interesse an religiöser Kultur ist in den ersten Romanen, die erkennbar "aus Zorn und Eifer" geschrieben und stark autobiographisch und surrealistisch sind, auf den Kärntner Katholizismus beschränkt. Es bleibt aber nicht dabei. Zunächst schaut sich Winkler in Rom um, später beobachtet und schreibt er im indischen Benares (Varanasi), wo er an der Leichenverbrennungsstätte am Ganges auf eine andere, fremde Religion trifft. Hier gehören Tod und Leben sehr augenscheinlich zusammen, Bestattungsrituale werden nicht abgeschirmt vom Spektakel des Alltags. Ein Junge uriniert in den Aschehaufen, ein Mann zündet sich "an einem heißen weißen, feinlöchrigen Knochenstück des eingeäscherten Toten seine Zigarette an", Kinder fangen Fische mit einem Kunststoffleichentuch. Winkler füllt Notizbuch um Notizbuch mit seinen Beschreibungen, Tausende von Seiten, aus denen "Domra. Am Ufer des Ganges" (1996) entsteht.

Im Zeichen des Kreuzes

Josef Winklers Literatur verstört. Sie ist eine Literatur "im Zeichen des Kreuzes". So formulierte es Wendelin Schmidt-Dengler sehr treffend, der in Winklers Werken immer wieder in Erscheinung treten durfte und anlässlich der Büchner-Preis-Verleihung die Laudatio auf Josef Winkler hätte halten sollen, aber am 7. September 2008 gestorben ist. Das Kreuz schreibt sich auch in das heimatliche Dorf ein: In seinem zweiten Roman "Der Ackermann aus Kärnten" widmet Winkler jedem Haus seines Dorfes ein Kapitel, wobei diese Häuser den zwei sich kreuzenden Straßen entlang ein Kreuz, das Dorfkreuz bilden.

Winkler stört die Totenruhe, wo er nur kann. Er greift auch den Selbstmord der beiden Freunde immer wieder auf. Er schreibt über all die unglücklich zu Tode Gekommenen, über die nicht nur Friedhofserde, sondern vor allem Schweigen geworfen wird. Um Winklers eigenes Bild aus "Wenn es soweit ist" (1998) aufzugreifen: Der Erzähler sammelt als Knochensammler die Knochen, das heißt: die Geschichten der Verstorbenen, holt sie aus dem Vergessen, erzählt sie, obwohl man "über diese und jene Dinge nicht reden soll" und ordnet sie in seinem Tonkrug neu. Dass Josef Winkler der Georg-Büchner-Preis gerade am 1. November, zu Allerheiligen, verliehen wird, ist verdient und passend.

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