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Kommt ein neuer Hollnder?

Am 2. Jänner 1843 wurde Richard Wagners romantische Oper „Der fliegende Holländer“ in Dresden uraufgeführt. Erst gegen Ende des Jahres 1860 kam das Werk auch nach Wien, ans Kärntnertortheater, wo es — trotz negativer Beurteilung durch die Kritik — rund fünfzigmal gegeben wurde. 1871 zog der „Fliegende Holländer“ ins neue Haus am Ring ein. Theodor Reichmann sang die Titelpartie, und vor genau siebzig Jahren sang er sie wieder. Doch stand diesmal Gustav Mahler zum erstenmal am Pult der k. u. k. Hofoper ...

Noch zwei andere „Holländer“-Jubiläen gilt es heuer zu feiern: vor 45 Jahren* am 18. Februar 1922, dirigierte Richard Strauss das Werk in Alfred Rollers Ausstattung (mit Emil Schippers in der Titelrolle); und vor 20 Jahren wurde die zweite Neuinszenierung der Staatsoper, diesmal am Theater an der Wien, gegeben (Regie: O. F. Schuh, Dekorationen: Kautsky, am Pult: Hans Knapperts-busch, in der Titelrolle: Hans Hotter). Die dritte und letzte Neuinszenierung fand am 6. März 1959 statt (Rott, Kautsky, Böhm). Und nun sollen Wir einen neuen „Holländer“ erleben.

Die für den 2. und 4. März angekündigte Doppelpremiere hat auf unser besonderes Interesse Anspruch, denn es handelt sich gewissermaßen um eine posthume Inszenierung Wieland Wagners. Die Bühnenbilder waren von ihm noch eigenhändig im Modell fertiggestellt worden, die Kostüme entworfen, als der Tod ihn von der Bühne rief. Seine Witwe, Frau Gertrud Wagner, die seit 1951 in Bayreuth mitarbeitete, vornehmlich als Choreographin, wird die beiden Wiener Premieren betreuen. Sie sagt hierzu: „Ich habe jede Bayreuther Inszenierung meines Mannes von der Grundidee bis zur Ausführung der Details mit ihm gemeinsam entwickelt und realisiert. Deshalb halte Ich mich für berufen, sein künstlerisches Erbe in lebendiger Weise fortzuführen, das heißt, seine Inszenierungen auf Grund neuer Gegebenheiten, wie etwa neuer Sängerpersönlichkeiten, neu zu formen, ohne mich starr an die Rekonstruktion des ersten Entwurfes zu binden. In diesem Sinn fühle ich mich auch als geistige Sachwalterin dieser Wiener Inszenierung.“

Wir können diese Erklärung vorläufig nur zur Kenntnis nehmen, zumal die rechtliche Lage eindeutig ist, und auch die Verwaltung des Erbes durch die Witwen ist in Bayreuth Tradition. Ob auf künstlerischer Ebene — worauf es ja vor allem ankommt — die Realisierung und Fortführung eines Regiekonzepts möglich und inwieweit Frau Gertrud Wagner hierzu imstande ist, kann erst die Aufführung selbst erweisen. — Auf Wunsch Wieland Wagners wird der Chor auf 280 Sänger erweitert und von Walter Hagen-Groll, seinem bewährten Mitarbeiter in Bayreuth, einstudiert. Dirigent der Aufführung wird Heinrich Hollreiser sein, der schon in Berlin zwei von Wieland Wagner inszenierte Werke („Lohengrin“ und „Meistersinger“) musikalisch betreut hat. — Wieland Wagner wollte das Werk pausenlos durchspielen lassen. Davon ist man aus praktischen Erwägungen abgekommen, dagegen wird ein von ihm empfohlener Strich (am Beginn des zweiten Aufzuges) respektiert werden. Die Titelpartie singen alternierend Otto Wiener und Theo Adam, die Senta: Leonde Rysanek und Anja Silja, Daland: Oskar Czerwenka und Karl Ridderbusch, Erik: James King und Waldemar Kmentt, Mary: Martha Modi und Hilde Konetzni, Steuermann: Gerhard Unger und Murray Dickte.

So lautete die Besetzung bis vor einigen Tagen. Aber bei einer der letzten Proben gab es Differenzen zwischen der Wagner-Witwe, die sich nicht an ihre oben wiedergegebenen Grundsätze gehalten zu haben scheint, und der Hauptdarstellerin der II. Premiere — woraufhin Anja Silja gebeten hat, aus ihrem Vertrag entlassen zu werden und abgereist ist. Als Ersatz wurde sofort Ingeborg Felderer herbeigeholt, eine Inns-bruckerin, die in Basel und Wuppertal, aber auch in Bayreuth tätig war. Doch ist die „Holländer“-Premiere noch von einer anderen Schwierigkeit bedroht: die 180 Mitglieder des Zusatzchores, bisher als „Externisten“ behandelt, verlangen einen „Stückvertrag“. Wenn dieser — oder ein Kompromiß — nicht rechtzeitig zustande kommt, so ist der neue „Holländer“ gefährdet. Zur Zeit, da diese Zeilen zum Druck befördert werden, wird zwischen Bundestheaterverwaltung, Fmanzmänisterium und Bundeskanzleramt verhandelt.

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