Festwochen Slagmuylder - <strong>Hetze und Wut</strong><br />
Bei der Tanz-Performance „Fúria“ der brasilianischen Choreografin Lia Rodrigues handelt es sich um ­eine politisch brisante ­Produktion, um ein Plädoyer für Solidarität und Selbstermächtigung. - © Sammi Landweer
Theater

Künstlerische Gegenwelten

1945 1960 1980 2000 2020

In diesen Tagen gehen die ersten Festwochen unter der neuen Intendanz von Christophe Slagmuylder zu Ende. Die FURCHE zieht nach fünf ereignisreichen Wochen Bilanz.

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In diesen Tagen gehen die ersten Festwochen unter der neuen Intendanz von Christophe Slagmuylder zu Ende. Die FURCHE zieht nach fünf ereignisreichen Wochen Bilanz.

Nach dem vorzeitigen Ausscheiden des erfolglosen Tomas Zierhofer-Kin sprang der belgische Kurator und Kulturmanager Christophe Slagmuylder im Juni 2018 kurzfristig ein. Damit stand ihm nur ein knappes Jahr zur Verfügung, um die durch Zierhofer-Kin in die Krise geratenen Festwochen neu aufzustellen.

Slagmuylder hat vieles richtig gemacht. Denn es gelang ihm einerseits der Spagat zwischen bewährtem Festwochen-Kurs, also Publikumserwartungen zu erfüllen und hochkarätige internationale Produktionen nach Wien zu bringen, und gleichzeitig Theater zu präsentieren, das die Konfliktlinien und Brennpunkte unserer Welt widerspiegelt, also über sich hinausweist und eine dezidiert gesellschaftspolitische Agenda verfolgt.

Zugleich war der Neo-Intendant bestrebt, jene Entwicklung voranzutreiben, die die Stadt mit der Berufung Zierhofer-Kins intendiert hatte, nämlich das Festival breiter in der Stadt zu verankern und mit niederschwelligen Spielorten – auch in den Außenbezirken – neues, jüngeres Publikum zu gewinnen. Vor allem die Donau­stadt wurde heuer vielseitig bespielt. Neben der zwar spektakulären, aber inhaltlich doch recht bescheidenen Eröffnungspremiere „Diamante“ – ein fast sechsstündiger Theatermarathon über den Niedergang einer Stadt – ging Slagmuylder mit neuen Formaten an Orte, die bereits mit Kultur und Wissen „besetzt“ sind. So konnte man etwa die Lese-Performance „Time has fallen ­asleep in the afternoon sunshine“ der Norwegerin Mette Edvardsen sowohl in der „Erste Bank Arena“ im 22. Bezirk als auch in der Hauptbücherei besuchen. Und auch die eindrückliche Tanz-Performance „­Corbeaux“ aus Marrakesch konnte an mehreren gut gewählten Spielorten kostenfrei gesehen werden. Ob es so allerdings gelingt, ein aus vielen Gründen eher kunstfernes Publikum nachhaltig zu erreichen, wird die Zukunft weisen.

Publikumslieblinge

Wie erwähnt „bediente“ Slagmuylder auch Sehgewohnheiten und Erwartungen des langjährigen, treuen Festwochen-Publikums: Für hohe Auslastung sorgten etwa Robert Wilsons „Mary Said What She Said“ mit der famosen Isabelle Huppert. Der Monolog der weltberühmten Filmschauspielerin in der Regie eines ebenso weltberühmten Meisterregisseurs mit Avantgardenimbus zählte schon im Vorfeld zu den am stärksten nachgefragten Abenden. Ähnlich ist die Einladung von Anne Teresa De Keersmaeker zu werten. Ihre Choreografie von Bachs „Die sechs Brandenburgischen Konzerte“ war unmittelbar nach der Veröffentlichung des Programms ausverkauft. Mit der Kombination Bach/De Keersmaeker und ihrer Kompagnie „Rosas“ kann man nur gewinnen. Obwohl künstlerisch fraglos gerechtfertigt, stellt sich hier allenfalls die Frage, wohin sich die Festwochen entwickeln, denn eigentlich würde man die Produktion eher im Programm des sommerlichen „ImPulsTanz“-Festivals erwarten. Dieselbe Frage lässt sich auch bezüglich der brasilianischen Tanz-Performance „Fúria“ der international viel beachteten Choreografin Lia Rodrigues stellen. Allerdings rechtfertigt die politische Brisanz der Produktion die Einladung. „Fúria“ bedeutet Hetze, aber auch Wut. Lia Rodrigues, die unter anderem auch eine Tanzschule in einer der größten Favelas nördlich von Rio de Janeiro leitet, thematisiert darin die faschistische Politik des 2018 gewählten Präsidenten Jair Bolsonaro. Rodrigues’ künstlerisches Statement bietet Gegenwelten an, „Fúria“ versteht sich als Plädoyer für Solidarität und Selbstermächtigung. Rodrigues’ Performance setzt bei der Kraft und Schwäche der menschlichen Physis an. Während sich Bolsonaro wie ein Gotterlöser feiern lässt, werden Menschen in seinem Auftrag sys­tematisch vergewaltigt, ermordet und gefoltert. In ihrer Arbeit verbindet die Choreografin Kunst und soziale Prozesse, am Ende träumt ein schwarzer Akteur (in Brasilien auf vielfache Weise diskriminiert) von der EU als einem der größten Friedensprojekte.

Nach dem vorzeitigen Ausscheiden des erfolglosen Tomas Zierhofer-Kin sprang der belgische Kurator und Kulturmanager Christophe Slagmuylder im Juni 2018 kurzfristig ein. Damit stand ihm nur ein knappes Jahr zur Verfügung, um die durch Zierhofer-Kin in die Krise geratenen Festwochen neu aufzustellen.

Slagmuylder hat vieles richtig gemacht. Denn es gelang ihm einerseits der Spagat zwischen bewährtem Festwochen-Kurs, also Publikumserwartungen zu erfüllen und hochkarätige internationale Produktionen nach Wien zu bringen, und gleichzeitig Theater zu präsentieren, das die Konfliktlinien und Brennpunkte unserer Welt widerspiegelt, also über sich hinausweist und eine dezidiert gesellschaftspolitische Agenda verfolgt.

Zugleich war der Neo-Intendant bestrebt, jene Entwicklung voranzutreiben, die die Stadt mit der Berufung Zierhofer-Kins intendiert hatte, nämlich das Festival breiter in der Stadt zu verankern und mit niederschwelligen Spielorten – auch in den Außenbezirken – neues, jüngeres Publikum zu gewinnen. Vor allem die Donau­stadt wurde heuer vielseitig bespielt. Neben der zwar spektakulären, aber inhaltlich doch recht bescheidenen Eröffnungspremiere „Diamante“ – ein fast sechsstündiger Theatermarathon über den Niedergang einer Stadt – ging Slagmuylder mit neuen Formaten an Orte, die bereits mit Kultur und Wissen „besetzt“ sind. So konnte man etwa die Lese-Performance „Time has fallen ­asleep in the afternoon sunshine“ der Norwegerin Mette Edvardsen sowohl in der „Erste Bank Arena“ im 22. Bezirk als auch in der Hauptbücherei besuchen. Und auch die eindrückliche Tanz-Performance „­Corbeaux“ aus Marrakesch konnte an mehreren gut gewählten Spielorten kostenfrei gesehen werden. Ob es so allerdings gelingt, ein aus vielen Gründen eher kunstfernes Publikum nachhaltig zu erreichen, wird die Zukunft weisen.

Publikumslieblinge

Wie erwähnt „bediente“ Slagmuylder auch Sehgewohnheiten und Erwartungen des langjährigen, treuen Festwochen-Publikums: Für hohe Auslastung sorgten etwa Robert Wilsons „Mary Said What She Said“ mit der famosen Isabelle Huppert. Der Monolog der weltberühmten Filmschauspielerin in der Regie eines ebenso weltberühmten Meisterregisseurs mit Avantgardenimbus zählte schon im Vorfeld zu den am stärksten nachgefragten Abenden. Ähnlich ist die Einladung von Anne Teresa De Keersmaeker zu werten. Ihre Choreografie von Bachs „Die sechs Brandenburgischen Konzerte“ war unmittelbar nach der Veröffentlichung des Programms ausverkauft. Mit der Kombination Bach/De Keersmaeker und ihrer Kompagnie „Rosas“ kann man nur gewinnen. Obwohl künstlerisch fraglos gerechtfertigt, stellt sich hier allenfalls die Frage, wohin sich die Festwochen entwickeln, denn eigentlich würde man die Produktion eher im Programm des sommerlichen „ImPulsTanz“-Festivals erwarten. Dieselbe Frage lässt sich auch bezüglich der brasilianischen Tanz-Performance „Fúria“ der international viel beachteten Choreografin Lia Rodrigues stellen. Allerdings rechtfertigt die politische Brisanz der Produktion die Einladung. „Fúria“ bedeutet Hetze, aber auch Wut. Lia Rodrigues, die unter anderem auch eine Tanzschule in einer der größten Favelas nördlich von Rio de Janeiro leitet, thematisiert darin die faschistische Politik des 2018 gewählten Präsidenten Jair Bolsonaro. Rodrigues’ künstlerisches Statement bietet Gegenwelten an, „Fúria“ versteht sich als Plädoyer für Solidarität und Selbstermächtigung. Rodrigues’ Performance setzt bei der Kraft und Schwäche der menschlichen Physis an. Während sich Bolsonaro wie ein Gotterlöser feiern lässt, werden Menschen in seinem Auftrag sys­tematisch vergewaltigt, ermordet und gefoltert. In ihrer Arbeit verbindet die Choreografin Kunst und soziale Prozesse, am Ende träumt ein schwarzer Akteur (in Brasilien auf vielfache Weise diskriminiert) von der EU als einem der größten Friedensprojekte.

Slagmuylder gelang es, Theater zu präsentieren, das die Konfliktlinien und Brennpunkte unserer Welt widerspiegelt, also eine dezidiert gesellschaftspolitische Agenda verfolgt.

Von einer Welt ohne Vorurteile und einer offenen, sozial gerechten Politik träumen auch der Regisseur Joris Lacoste und Musiker Pierre-Yves Macé in ihrer „Suite n˚3 – Europe“, die am Pfingstmontag Premiere feierte. Die Beziehung zwischen Wort und Musik gewinnt anhand des Selbstverständnisses verschiedener europäischer Politiker als EU-Bürger, als „global citizens“, neue, bisweilen groteske Bedeutung. Die Sänger Bianca Iannuzzi und Laurent Deleuil sprechen und singen zu Klavierbegleitung Auszüge aus einer Wahlkampfkampagne eines spanischen Politikers, die Rede einer ungarischen Abgeordneten vor dem EU-Parlament, aber auch Teile eines YouTube-Kanals einer portugiesischen Konsumentin oder ein luxemburgisches Tutorial zur Steueroptimierung. In dieser „Encyclopédie de la parole“ werden antisemitische, frauenfeindliche, rassistische Haltungen vor der Idee eines vereinten Europa präsentiert, die Vielsprachigkeit der Sänger verblüfft, der Abend schafft ein widersprüchliches Bild, ein musikalisches Mosaik eines heutigen Europa.

Den Finger auf die Wunde legt auch Milo Raus „Orest in Mossul“. Er verbindet – in seinem ihm eigenen dokumentarisch-fiktionalen Zugang – die jüngste Gewaltgeschichte des Irak mit der griechischen Trilogie „Orestie“ des Aischylos. Rau reiste mit seinem Team nach Mossul, um einerseits vor Ort Recherchen über die Gräuel des IS und den unter der Oberfläche weiterschwelenden Bürgerkrieg durchzuführen und Videos zu drehen, und um andererseits seine Forderung nach globaler künstlerischer Solidarität Ausdruck zu verleihen. Entstanden ist eine dreisprachige Inszenierung, in der Rau auf berückende Weise Mythos, Wirklichkeit und Fiktion vermengt. Figuren und Rollen wechseln in einem fort mit realen Personen. Auch die Schauplätze changieren zwischen Troja um 12 v. Chr., der griechischen Stadt Argos und Mossul heute. So dupliziert und konterkariert er den Mythos mit den Verfolgungen, Massenexekutionen und Ereignissen der ­Gegenwart, wobei Raus drängendste ­Frage die ist, wie der Zyklus der Gewalt durch­brochen werden könnte.

Anständiges Volk, korrupte Eliten

Es gab auch Theater, das weniger offensichtlich weltpolitischen Bezug hatte, aber trotzdem zum Zeugen unserer Zeit taugt. So war Toshiki Okadas Kultstatus erlangt habende Inszenierung „Five Days in ­March“ endlich wieder zu sehen. Okada zeigt auf virtuose Weise, wie sich geschichtliche Ereignisse ins private Leben und die Körper einschreiben. Das gilt auch für „This Song Father Used to Sing (Three Days in May)“ des thailändischen Regisseurs Wichaya Artamat, in der ein Geschwisterpaar scheinbar unbehelligt von politischen Erschütterungen die Erinnerung an seinen Vater hochhält. Und schließlich feiert der portugiesische Regisseur Tiago Rodrigues in „Sopro“ das unsichtbare Leben. In dem fabelhaften Stück wird die ephemerste Figur des Theaters riesengroß: die Souffleuse. Rodrigues zeigt sie als emotionales und moralisches Zentrum, zugleich fragt er anhand ihrer Funktion nach der Position des „Ich“ in der Welt. Eine Liebeserklärung an das Theater und an das Leben.

Vor dem Hintergrund der heimischen politischen Ereignisse gewann Slagmuylders Vorhaben, mit den Festwochen einen „vielschichtigen subtilen Raum zwischen dem anständigen ,gewöhnlichen‘ Volk und einer korrupten Elite“ zu schaffen, zusätzliche Kraft und Dimensionen ungeahnten Ausmaßes.