Die Eingeborenen von Maria Blut - © Foto: Susanne Hassler Smith

Maria Lazar im Akademietheater: Hilferuf an Mutter Gottes

19451960198020002020

Bildgewaltig zeigt das Akademietheater mit „Die Eingeborenen von Maria Blut“ die erste Uraufführung dieses Jahres. Das Stück adaptiert einen Roman der Wiener Autorin Maria Lazar (1895–1948), deren Werk seit Kurzem wieder aufgelegt wird.

19451960198020002020

Bildgewaltig zeigt das Akademietheater mit „Die Eingeborenen von Maria Blut“ die erste Uraufführung dieses Jahres. Das Stück adaptiert einen Roman der Wiener Autorin Maria Lazar (1895–1948), deren Werk seit Kurzem wieder aufgelegt wird.

Das vergessene Buch: So nannte der Germanist Albert C. Eibl seinen 2014 neu gegründeten Verlag mit Sitz in Wien und machte es sich seither zur Aufgabe, verfolgte und verfemte Autorinnen wiederzuentdecken. Dass es hier immer noch einiges zu leisten gibt, zeigt das Beispiel der 1895 in Wien geborenen Maria Lazar, die bis vor Kurzem vollkommen unbekannt war.

Zu den katastrophalen Auswirkungen des Nazi-Regimes zählen nicht nur Vertreibung und Verfolgung, sondern auch das Verschweigen und damit die endgültige Auslöschung jüdischer Künstler. Bis heute gibt es hier noch einiges wiederzuentdecken beziehungsweise gilt es, einen genauen Blick auf die Kultur- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts zu werfen. Welche Rolle dabei auch die Reformpädagogin und Autorin Eugenie Schwarzwald spielte, zeigen zahlreiche Initiativen zu ihrer Arbeit und ihren Schülerinnen, zu denen unter anderen Anna Freud, Vicki Baum und die Schriftstellerin Maria Lazar zählten.

Aus einer großbürgerlich-jüdischen Familie stammend besuchte Lazar Schwarzwalds Schule, die vor allem eigenständiges Denken, literarische Interessen und eine kritische Haltung förderte. Ähnlich wie andere, erst spät wiederentdeckte Autorinnen wie Veza Canetti, Mela Hartwig oder Else Feldmann war Lazar in den 1920er Jahren als Journalistin, Übersetzerin und Schriftstellerin aktiv. 1933 floh sie mit ihrer Tochter ins Exil nach Dänemark, 1937 verfasste sie den heute als ihr Hauptwerk wahrgenommenen Roman „Die Eingeborenen von Maria Blut“, der in der Exilzeitschrift Das Wort erschien (herausgegeben von Bertolt Brecht, Willy Bredel und Lion Feuchtwanger) und erst 2014 von Eibl, mit Unterstützung des Wiener Germanisten Johann Sonnleitner, wiederaufgelegt wurde.

Marienkult und Wunderglaube

Es zählt nun zu den Verdiensten des Burgtheaters, Autorinnen wie Maria Lazar weitere Aufmerksamkeit und Publizität zu verschaffen: Die deutsche Regisseurin Lucia Bihler (sie inszenierte 2021 Thomas Bernhards „Jagdgesellschaft“) hat den Roman dramatisiert und für die Uraufführung im Akademietheater gesorgt.

Im Zentrum der Bühne (Jessica Rockstroh) steht eine riesige Mutter-Gottes-Statue, flankiert von zwei Engeln. „Maria Blut“ heißt der (fiktive) Wallfahrtsort, auch als „das österreichische Lourdes“ bekannt, in dem Lazar diesen sozialen Mikrokosmos ansiedelt. Die Marienstatue wird zur Projektionsfigur, junge Frauen weinen bittere Tränen, arbeitslose Außenseiter beklagen ihr Schicksal, vor allem aber wird hier getratscht ohne Ende. Denn die Mutter Gottes ist diskret. Doch nicht nur das: Gegen die zunehmende Arbeitslosigkeit, Inflation und Wirtschaftskrise kann auch sie nichts machen, sodass die scheinbare Erlösung von einem gewissen Industriellen namens Schellbach kommt, der in der mittlerweile geschlossenen Konservenfabrik sogenannte Raumkraft produzieren will. Rätselhaft, aber umso vielversprechender scheint die Unternehmung zu sein, die Gerüchte zirkulieren, und mit dem Erwerb von Schellbach-Aktien übertrumpfen sich die „Maria Bluter“ wechselseitig.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau