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Neue Töne am Bodensee

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Musikalisches Volkstheater mit künstlerischem Anspruch - das ist das Credo für die Bregenzer Festspiele.

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Musikalisches Volkstheater mit künstlerischem Anspruch - das ist das Credo für die Bregenzer Festspiele.

Rund 170.000 Besucher aus zahlreichen europäischen Ländern und zunehmend auch aus Übersee haben im vergangenen Festspielsommer die Bregenzer „See-Inszenierung" von Verdis „Nabucco" erlebt.

In diesem Jahr werden es nochmals so viele sein. Die 26 Aufführungen auf der „Seebühne" mit 6.500 Tribünenplätzen sind bereits jetzt ausverkauft. V^'ie gelingt es, Hunderttausende Menschen, von denen ein großer Teil noch nie eine Oper „live" erlebt hat, für ein Musiktheater zu begeistern? Zudem für eine Oper, die einen biblischen Stoff behandelt, der im 19. Jahrhundert, politisch „umgemünzt", als Fanal des ita-ienischen Risorgimento geschrieben und komponiert wurde und von dem die meisten nur den Gefangenenchor als Wunschkonzert-Schnulze kennen?

Was macht das Besondere der Bregenzer Festspiele aus,

die sich - neben dem Publikumsmagneten „Seeaufführung" - im Festspielhau| an vergessene oder kaum gespielte Opern wie heuer „Frances-ca da Rimini" (Zandonai), zuvor „Fedora" (Giordano),, „La Damnation de Faust" (Berlioz), „Mazeppa" (Tschai-kowsky), „La Walli" (Ca-talani), „Samson et Daliiah" (Saint-Saens) wagen, damit Erfolg haben und sich unter den großen europäischen Festivals einen festen Platz erobert haben?

Intendant Alfred Wop-mann will nicht irgend ein Musikfestival machen. „Bregenz* hat eine ganz eigene Funktion zu erfüllen. Festspiele können nur in einer ganz begrenzten Zeit des Jahres versuchen, im Kontext und in Konkurrenz mit anderen großen Festivals Europas, ein unverwechselbares und originäres Programm zu bieten, das an den ,Genius loci', in Bregenz an die Lage am Bodensee, gebunden ist."

Wopmann hat seit der Mitte der achtziger Jaįre Bregenz nicht nur durch die Programmwahl künstlerisch geprägt. Der „Unikatscharakter' , den Wopmann mehrfach anspricht, hat zunächst mit der weltweit einzigartigen Bühne im See zu tun. Auf dieser Seebühne aber passiert nicht oberflächliches Show-Spektakel, sondern Begegnung mit großen und bekannten Werken des Musiktheaters: „Im letzten Jahrzehnt haben wir versucht, ein eigenes szenisches und ästhetisches Vokabular zu entwickeln, das die Unverwechselbarkeit der Bregenzer Festspiele steigert. Unser Ziel ist ein Musiktheater für das Volk, das den Anspruch erhebt, künstlerische Kriterien zu verwirklichen. Wir machen\nicht\vordergründigtouristisch interessantes Oberflächentheater der leichten Kost, sondern bieten Herausforderung, Diskussion, nicht immer mit ,pflegeleichter' Interpretation. Wir wollen ein großes Publikum, unabhängig von Herkunft, Alter, Bildung erreichen durch eine Sprache, die jeder versteht."

Das künstlerische Mittel dabei ist „die Sprache des Visuellen, die Bilddramaturgie, die durch Überhöhung der Vorgänge auf der Bühne unmittelbar verständlich macht. Selbst wenn wir komplizierte Ideen transportieren wie etwa beim Fliegenden Holländer (1989/90), war jedem verständlich, daß es um die Traumwelt der Senta ging und nicht um die unlösbare Aufgabe, ein Segelschiff in einem künstlichen Sturm des Bodensees erscheinen zu lassen".

GEGENWELTEN

Musikalisches Volkstheater mit künstlerischem Anspruch ist Wopmanns Credo für das Spiel auf dem See. Dafür müssen Stückwahl und die Wahl der Interpreten stimmen und sich die hohen Kosten rechnen, weshalb die aufwendigen See-Inzenierungen auf zwei Saisonen ausgelegt sind. Bisher sei das Publikum dieser eigenen Form des Freilichttheaters gefolgt, bei dem die Anforderung des Verwandlungstheaters „durch eine ins Bild integrierte Technik" erfüllt wird. Denn beim Freilichttheater gibt es keinen Vorhang, keine Schnürboden, keine versenkbare Bühne. Der Szenen- und Ortswechsel muß durch eine ins Bild integrierte Technik geschehen.

Wopmann illustriert dies am Beispiel des „Nabucco" (1993 und 1994) mit den bühnenbeherrschenden gigantischen Wänden, der „White Wall" oder „Jerusalem-Wand" und der protzig-gold-prangenden „Babylon-Wall", Sinnbild und Schauplatz der Gegenwelt Nabuccos und der Macht der Babylonier. Mit diesen insgesamt 380 Tonnen schweren, ausgeklügelten Konstruktionen aus Stahl, Aluminium und Holz gelingt es der Technik, die Zuschauer in Sekundenschnelle vom alten Jerusalem nach Babylon zu versetzen. Die beiden 16 mal 21 Meter großen Wände können wie riesige Buchdeckel dank Hydraulik innerhalb weniger Sekunden von der Waagrechten in die Senkrechte gehoben und abgesenkt, die „Babylon Wall" zudem in zwei Teile verschoben werden.

Die bedrohlich schräg über den Hebräern hängende Babylon-Wand macht jedem Zuschauer die dräuende Gefahr unmittelbar begreifbar, ebenso, wenn ein riesiger Kranarm mit Nabucco und seinen Soldaten in die Welt der Hebräer eindringt.

„Der Cid": Gastspiel des Deutschen Theaters 1994 KKACHWH/.

Wenn ein Blitz die Palastwand in dem Augenblick zum Bersten bringt, da sich Nabucco zum Gott erhebt, ei^^ennt jeder die strafende Hand des einzigen, wahren Gottes der Israeliten, der die Gefangenen befreit. Die aus dem Dunkel unmittelbar vor dem Publikum auftauchenden ausgemergelten und zerlumpten Gestalten stimmen den berühmten Chor an, der durch die Intensität des Bildes eine ungeheure Dramatik erhält und die Zuschauer spürbar betroffen macht.

Ähnlich für den Zuschauer unmittelbar begreifbar war das Geschehen bei der „Zauberflöte" (1985/86) durch den Zauberberg, bei „Hoffmanns Erzählungen" durch die Glasspiegelwelt (1987/88), beim „Fliegenden Holländer" (1989/90) durch das maschinenstampfende, schwankende Schiff und bei „Carmen" (1991/92) mit der Arena als Sinn-Bild des Kampfes.

SPANNUNGSVERHÄLTNIS

Die ünverwechselbarkeit der Bregenzer Festspiele setzt sich „im Versuch fort, durch Aufführungen von Opernraritäten selten gespielte Stücke wieder zu entdecken, aber auch in der besonderen Art der Interpretation. Das Spannungsverhältnis zwischen dem speziellen Freilichttheater und dem sehr speziellen l'heater im Festspielhaus offenbart sich in der Bregenzer Dramaturgie."

In den letzten Jahren unternahm es Wopmann, trotz beschränkter finanzieller Mittel die Wertigkeit des Schauspiels durch die Hereinnahme klassischer Aufführungen (Deutsches Theater, Berlin), sowie durch die Uraufführung von Werken zeitgenössischer Autoren zu steigern.

Ein besonders Anliegen Wopmanns sind dabei die thematischen Querverbindungen des Schauspiels zum Musiktheater. Im Konzertprogramm erhebe Bregenz den Anspruch, auch die Musik des 20. Jahrhunderts zu pflegen und durch Kompositionsaufträge zeitgenössisches Musikschaffen zu fördern. Mit „Neue Töne" werde es künftig „eine sehr konsequente Konzertreihe geben", die heuer mit dem Klangforum Wien startet. Damit soll zugleich der Weg in Richtung Experiment beschritten werden, „weil es einfach notwendig ist, daß Innovatives, Neues, die Kunst des Jetzt ebenso eine Rolle spielen muß wie die nicht museal dargebotene Kunst der Vergangenheit".

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