Schuld und Söhne - © www.lupispuma.com / Volkstheater
Theater

"Schuld und Sühne" am Volkstheater: Schwall und Rauch

1945 1960 1980 2000 2020

Evi Kehrstephan, Christoph Rothenbuchner, Dominik Warta, Claudia Sabitzer, Katharina Klar, Nils Hohenhövel und Bernhard Dechant in „Schuld und Söhne“ am Wiener Volkstheater.

1945 1960 1980 2000 2020

Evi Kehrstephan, Christoph Rothenbuchner, Dominik Warta, Claudia Sabitzer, Katharina Klar, Nils Hohenhövel und Bernhard Dechant in „Schuld und Söhne“ am Wiener Volkstheater.

Das Duo Christine Eder (Text, Regie) und Eva Jantschitsch (Musik) legt mit seinen Stückentwicklungen jeweils den Finger an den Puls der Zeit. Nach „Verteidigung der Demokratie“, in dem es um die Freiheitsrechte des Einzelnen im Spannungsfeld von Mehrheit und Minderheit ging, erstaunt es nun kaum, dass sich der jüngste, wiederum für das Volkstheater entwickelte Theaterabend der beiden dem dringlichsten der vielen aktuellen Probleme widmet, der Klimakrise. Das Stück heißt etwas irreführend „Schuld und Söhne“. Die „Klimatragödie mit Musik“, wie es im Untertitel schon treffender genannt wird, handelt von einer dystopischen Zukunft.

Eine Gruppe Menschen hat sich weit weg von der überhitzten Stadt in eine Art Kommune zurückgezogen, um dort nach selbst auferlegten Regeln zu leben: Alle haben die gleichen Rechte – kein Fernsehen, kaum Internet, nur einmal pro Woche duschen, wenig Fleisch, kein Sex (Reproduktionsstreik!) etc. In so einem „Schutzhaus zur Zukunft“ mit kleiner Landwirtschaft und eigener Energieversorgung möchten wir vielleicht alle gerne einmal unterkommen. Dass aber das klimaneutrale, autarke Refugium keine dauerhafte Insel der Seligen bleiben kann, zeigt auch die Handlung des Stücks, die durchaus als Metapher für das Haus Europa zu lesen ist. Zuerst muss ein neues Mitglied aufgenommen werden, dass das fragile Gleichgewicht der Gruppe und die Verteilung der Ressourcen empfindlich aus der Balance zu kippen droht.

Die Reflexe sind zur Genüge bekannt: Wir sind zu viele, es reicht nicht für alle! Vorerst hilft das allmorgendliche Verlesen der Bilanz und das regelmäßig beschworene Mantra der Gruppe: „Schonen und Teilen“. Als aber immer mehr Hitzeflüchtlinge Einlass in die Kommune begehren, das Haus schließlich umlagern und sich mit Gewalt an die Vorräte machen, ist die Katastrophe nicht mehr abzuwenden. So gut gemeint und dringlich das Anliegen der Autorinnen auch ist, so untauglich ist die Art und Weise der Vermittlung. Denn die Handlung ist etwas arg konstruiert, sie endet in einem Mord, und die Figuren sind keine Menschen aus Fleisch und Blut, sondern agieren nur als Deklamatoren hinlänglich bekannter Thesen.

Mit einem eigens gecasteten 20-­köpfigen Chor werden die unvereinbaren Positionen gegeneinander in Stellung gebracht: Alte gegen Junge, Klimawandelleugner gegen Warner. In Redeschwällen mit horrendem Tempo werden keine differenzierten Analysen oder Diskussionen geführt, sondern statistische Daten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Thesen verlautbart, dass einem schon vom Zuhören schwindlig wird.