Meister und Margarita - © Matthias Horn
Theater

Teuflische Wahrheiten

1945 1960 1980 2000 2020

Michail Bulgakows epochaler Roman „Der Meister und Margarita“ ist nun im Wiener Akademietheater zu sehen – in einer Bühnenfassung, die sich zu sehr auf existentialphilosophische Fragen konzentriert.

1945 1960 1980 2000 2020

Michail Bulgakows epochaler Roman „Der Meister und Margarita“ ist nun im Wiener Akademietheater zu sehen – in einer Bühnenfassung, die sich zu sehr auf existentialphilosophische Fragen konzentriert.

Unter all den Romanen, die dramatisiert den Weg auf die Thea­terbühnen finden, gehört Michail Bulgakows Opus magnum „Der Meister und Margarita“, an dem der Autor von 1928 bis kurz vor seinem Tod 1940 geschrieben hat, wohl zu den beliebtesten.

Dies obwohl die labyrinthische Komposition mit einer Vielzahl von Erzählebenen und Stilformen, die von der beißenden Satire über lyrische Formen, den magischen Realismus bis zum schwarzen Humor und der poetischen Halluzination reichen, dem eigentlich entgegenzustehen scheint. Aber Bulgakov selbst hat, um nach seinem fast vollständigen Publikationsverbot 1925 in der Sowjetunion unter Stalin ein Auskommen zu finden, so manchen Roman für das Theater dramatisiert, darunter Gogols „Tote Seelen“ und „Don Quichotte“. So betrachtet hätte das estnische Regie-Duo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo für die Bearbeitung des Romans zu einem, wie sie es nennen, „gesellschaftlichen Poem“ gewiss mit der Zustimmung des Maestros selbst rechnen dürfen.

Ihre Adaption, die sie am Wiener Akademietheater auch selbst in Szene setzten, wird dem selbst gesetzten Anspruch allerdings kaum gerecht, denn Hiebe auf aktuelle Zustände, wie sie die Vorlage zuhauf enthält, oder gar ein Sittenbild unserer Gegenwart fehlen. Auf das Groteske, Satirische und Phantastische des handlungsprallen Romans wird weitgehend verzichtet.

Unter all den Romanen, die dramatisiert den Weg auf die Thea­terbühnen finden, gehört Michail Bulgakows Opus magnum „Der Meister und Margarita“, an dem der Autor von 1928 bis kurz vor seinem Tod 1940 geschrieben hat, wohl zu den beliebtesten.

Dies obwohl die labyrinthische Komposition mit einer Vielzahl von Erzählebenen und Stilformen, die von der beißenden Satire über lyrische Formen, den magischen Realismus bis zum schwarzen Humor und der poetischen Halluzination reichen, dem eigentlich entgegenzustehen scheint. Aber Bulgakov selbst hat, um nach seinem fast vollständigen Publikationsverbot 1925 in der Sowjetunion unter Stalin ein Auskommen zu finden, so manchen Roman für das Theater dramatisiert, darunter Gogols „Tote Seelen“ und „Don Quichotte“. So betrachtet hätte das estnische Regie-Duo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo für die Bearbeitung des Romans zu einem, wie sie es nennen, „gesellschaftlichen Poem“ gewiss mit der Zustimmung des Maestros selbst rechnen dürfen.

Ihre Adaption, die sie am Wiener Akademietheater auch selbst in Szene setzten, wird dem selbst gesetzten Anspruch allerdings kaum gerecht, denn Hiebe auf aktuelle Zustände, wie sie die Vorlage zuhauf enthält, oder gar ein Sittenbild unserer Gegenwart fehlen. Auf das Groteske, Satirische und Phantastische des handlungsprallen Romans wird weitgehend verzichtet.

Die Engführung auf den philosophischen Gehalt macht die Inszenierung ohne Kenntnis der Vorlage teilweise nur schwer verständlich.

Stattdessen konzentriert sich das Regieduo unmittelbar auf dessen innere Handlung mit den existentialphilosophischen Fragen nach der menschlichen Freiheit und der Selbstverantwortung des Menschengeschlechts. Die Engführung auf den philosophischen Gehalt allerdings macht die Inszenierung ohne Kenntnis der Vorlage teilweise nur schwer verständlich, und sie bleibt auch, weil es kaum gelingt, den Figuren eine greifbare Menschlichkeit einzuhauchen, weit hinter dem Vergnügen zurück, das die Roman-Lektüre bereitet.

Duckmäuser und Opportunisten

Semper / Ojasoo verschachteln zwei Erzählebenen miteinander, die auch in der Inszenierung ihre Entsprechung finden. Immer wieder wird vom Bühnenhimmel bis zur Hälfte eine cinemascopebreite Leinwand heruntergelassen, auf der das darunter live gefilmte Bühnengeschehen in Vergrößerung zu beobachten ist. Was bei Bulgakov das stalinistische Moskau der 1930er Jahre ist, dem der Teufel – getarnt als „Professor der schwarzen Magie“ namens Woland (sehenswert: Norman Hacker) – mit seinem höllischen Gefolge Hella (Stefanie Dvorak) und Behemoth (Felix Kammerer), der immerhin an die sprechende und aufrecht gehende, mannshohe Katze mit funkelnd roten Augen des Romans erinnert) einen Besuch abstattet und „Wunder“ vollbringt, was unter den angepassten Duckmäusern und heuchlerischen Opportunisten der Stadt zu Sinnesverwirrungen führt und ein Chaos anrichtet, ist auf der Bühne der hässliche Einheitsredaktionsraum eines offenbar auf religiöse Themen spezialisierten Magazins.

In einer der vier Bürokojen entspinnt sich am Anfang gleich der zentrale Disput zwischen Berlioz (Philipp Hauß) und Iwan Unbehaust (Marcel Heuperman) über Religion, die Frage nach der Existenz von Jesus sowie der Möglichkeit von Gottesbeweisen, dessen Zeuge der sonderbare Fremde Woland wird. Während ein blutüberströmter Jesus als Reinigungskraft über die Bühne schleicht, stellt Woland die Frage, wer denn, wenn es keinen Gott gebe, eigentlich das menschliche Leben und überhaupt die ganze Ordnung auf der Erde lenke? Die darüber abgeschlossene Wette wird Berlioz ganz buchstäblich den Kopf kosten und das weitere Geschehen in Gang setzen.

Die andere zentrale Handlungsebene, zu der die Inszenierung leichthändig switcht, indem die Figuren meist auf einem Bürosessel in die Szene rollen, bildet die melodramatische Liebe zwischen dem Schriftsteller Meister (Rainer Galke) und Margarita (Annamária Láng) sowie der historische Erzählstrang des Romans im Roman. Meis­ter schildert darin die Begegnung zwischen Pontius Pilatus und Jesus Christus, die die Frage erörtern, ob der Mensch gut oder schlecht sei. Weil der Roman nie hat erscheinen können, verbrennt er das Manuskript und landet mit einem Nervenzusammenbruch in der psychiatrischen Klinik, wo er von der liebenden, madonnenhaften Margarita gerettet wird. Allerdings bleibt gerade diese Liebesbeziehung in der Inszenierung so flüchtig, dass sich ihr kapitaler Sinn ohne Kenntnisse des Romans so recht einfach nicht erschließen will. Existenzphilosophie ist ein schweres Terrain fürs Theater.

Theater

Meister und Margarita

Akademietheater, 27., 28. Okt., 1. Nov.