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Theater als Diktatur?

Wenn es nur mehr 'nicht Ich' gibt, weil das Ich auf Proben gebrochen wird, ist das uninteressant. Ein starkes Ensemble ist der einzig demokratische Weg.

Wir sind immer selbst der Gegenstand und das Thema. Das bedeutet, dass die gewachsenen Rituale der gesunden Entfernung viel schwieriger anzuwenden sind als in jedem anderen Beruf.

Veranlasst durch die #MeToo-Debatte gaben Anfang Februar 60 Mitglieder des Wiener Burgtheaters die geschmacklosen Witzeleien, Schimpfworte und Berührungsrituale des vormaligen und vor vier Jahren entlassenen Burgchefs Mat thias Hartmann der Öffentlichkeit bekannt. Er habe eine Atmosphäre der "Angst und Verunsicherung" geschaffen, beschuldigten ihn Schauspielerinnen wie Regina Fritsch und Elisabeth Orth, Schauspieler wie Nicholas Ofczarek und Branko Samarovski und zahlreiche Mitglieder des Bühnenpersonals. Es folgte eine längst nicht mehr auf Österreich beschränkte Diskussion über die autoritären Verhaltensweisen so mancher Intendanten und Regisseure und die Forderung nach einer demokratischeren Führung der Theater. Damit hat sich die erfolgreiche Thalhof-Intendantin, Regisseurin und Universitätsprofessorin für Regie am Wiener Reinhardt-Seminar, Anna Maria Krassnigg, auseinandergesetzt.

FURCHE: Wie schwer ist es, die Herrschaftsfrage in den Theatern neu zu verhandeln?

Anna Maria Krassnigg: Im Grunde glaube ich, dass Fragen von Macht und Machtstrukturen ständig auf dem Prüfstand zu stehen haben, wenn es so etwas wie eine zivilisatorische Vorwärtsbewegung geben soll. Das muss es im Theater geben, wenn wir es als Spiegel der Gesellschaft halbwegs ernst nehmen. Natürlich sind große, neue Überlegungen zu Fragen, wie Macht überhaupt funktionieren kann, was sie überhaupt ist, in Zeiten des Umbruchs besonders virulent. Wir leben weltweit auf gebrochenen Erdschollen, tektonischen Umbrüchen und der schwarze Punkt kommt, wie Bertha von Suttner gesagt hat, immer näher. Ich möchte aber um Gottes willen keine Kriegsvisionärin sein. Die Tatsache, dass wir in Zeiten der Unruhe leben, lässt sich auch in Österreich nicht mehr verleugnen, und das kommt jetzt auch im Theater an. Die Machtfragen lassen sich immer an ganz paradigmatischen Strukturen festmachen. Die Frage Mann - Frau, König -Vasall ist die Urfrage, die sich modellhaft kaum irgendwo besser darstellt als im Theater.

FURCHE: Wie kann man sich erklären, dass das Ensemble erst vor Kurzem seine Vorwürfe der Öffentlichkeit bekannt gab?

Wollte man etwa einen Warnschuss an Martin Kuˇsej abfeuern, der die Nachfolge von Intendantin Karin Bergmann 2019 antreten wird? Krassnigg: Man will jedem die Fahne ins Fenster stellen, der glaubt, solche Strukturen auf Menschen anwenden zu können, ohne sie zu hinterfragen und anzuzweifeln. Ich bin übrigens der Meinung, dass das für Frauen ebenso gilt. Warum aber erst so spät? Es gibt ein Gesetz, dass Machtmissbrauch oft in einem Zeitraum von vier bis vierzig Jahren hindurch einen Tunnel des Schweigens nach sich zieht. Machtmissbrauch erzeugt Starre und in der Starre kann nicht gesprochen werden. Auch wenn in der Kantine oder im Wirtshaus teilweise Risse aufgehen, bleibt dieser Schweigetunnel. Wenn der tatsächlich platzt, hat das mit äußeren Zuständen wie mit der sehr ambivalent zu sehenden #MeToo-Debatte zu tun. Es ist eine Nachwehe dieses globalen Ereignisses. Das gibt es in jeglicher Art von Struktur, die mit der Organisation von Verantwortung zu tun hat.

FURCHE: Warum können sich Machtmenschen im Theater leichter und unkontrollierter ausbreiten als in anderen Institutionen? Verleitet Theater zu Demütigung und Herabwürdigung?

Krassnigg: Weil das Theater nicht über ein drittes Instrument arbeitet, sondern über sich selbst. In einem Unternehmen haben natürlich auch Menschen mit Menschen zu tun. Sie sind aber auch sehr stark mit Ritualen, Tools und mit Zahlen, also mit einem dritten Gegenstand beschäftigt. Selbst ein Orchestermusiker hat ein Instrument, was nicht heißt, dass er nicht auch mitunter der Gewalt des Dirigenten ausgeliefert ist. Das Besondere am Theater ist, dass der Schauspieler und der Regisseur selbst ihr Thema und ihr Instrument sind. Es gibt also keinen Filter und kein Ablenken. Man sagt nicht: Bleiben wir beim Gegenstand oder beim Thema. Das gibt es nie allein. Wir sind immer selbst der Gegenstand und das Thema. Das bedeutet, dass die Schutzlinien, die gewachsenen Rituale der gesunden Entfernung viel schwieriger anzuwenden sind als in jedem anderen Beruf.

FURCHE: Jetzt gab und gibt es zahlreiche Wölfe im Schafspelz. Die demokratischen 68er etwa, die ihre Naziväter verdammen und sich oft ebenso autoritär benehmen wie ihre Vorfahren?

Krassnigg: Selbstverständlich. Die sogenannte Demokratie kann eben eine der Masken der Schikane sein. Man muss sich die Skurrilität der alten Tante Theater nur einmal vorstellen. In einem Zeitraum von nur sechs bis acht Wochen hat man einen schwierigen Text zu bewerkstelligen. Man muss also in relativ kurzer Zeit ein komplexes Gebäude errichten, das einem realen Gebäude ähnelt. Wenn also das Tempo derart hoch ist und in dieser kurzen Zeitspanne derart gehobelt wird und Menschen selbst das Material sind, müssen Verantwortungen klar verteilt werden, sonst bringt man nichts zustande. Unter diesen Umständen auf eine menschliche Art und Weise arbeiten zu können, die im besten Sinn elektrisierend und nicht vernichtend ist, diese Aufgabe gilt es zu definieren und zu bewältigen.

FURCHE: Tun sich Frauen da leichter, sind sie feinfühliger?

Krassnigg: Ich meine das subjektiv als Frau und würde nach meinen empirischen Beobachtungen an Kolleginnen, an mir selbst und an Studierenden "ja" sagen. Das Interesse an einem verantwortungsvollen Führungsstil, der im ethisch-moralischen Sinn verführen soll, liegt Frauen tendenziell mehr. Vor allem haben sie weniger Interesse, frontal auf einem hohen Ross zu sitzen. Auch hier gibt es Ausnahmen. Der Regieberuf ist einer, der diesen Ausnahmen sehr liegt. Aber auch da ist ein Umbruch bemerkbar. Es gib eben auch Frauen, die sich einem männlichen Schema anpassen, um an die Futtertröge zu kommen. Das mussten sie in den letzten Jahren sehr stark und sie müssen es noch immer. Statistisch gesehen ist das Theater, trotz der einen oder anderen Intendantin, immer noch Männerdomäne. Es gibt nicht viele Frauen, die an wirklich gestaltenden Positionen sitzen.

FURCHE: Kann ein Schauspieler in einem Klima der Angst und Verunsicherung überhaupt Großes leisten?

Krassnigg: Da sind die Meinungen unterschiedlich. Eine existenzielle Befindlichkeit, ein sich Öffnen und tiefes Zu-sichselbst-Kommen ist beim Schauspieler durch Liebe zu erzeugen, aber leider auch durch Not und Qual. Es gibt Leute, die dadurch in existenzielle Verfassungen kommen und daraus Kunst schaffen. Das beschert mitunter große Werke und es ist durchaus interessant, dass Männer so denken. Ich halte nichts davon. Es ist eines der alten Klischees, die es zu überwinden gilt. Ich bin überzeugt davon, dass zeitgenössische Kunst ausschließlich nur in absoluter Freiheit entstehen kann und Freiheit bedingt Vertrauen und Vertrauen entsteht nicht durch Not und Angst.

FURCHE: Was muss nun geschehen, dass das Theater demokratischer wird und sich Intendanten und Regisseure nicht wie machiavellistische Fürsten benehmen?

Krassnigg: Es muss Grenzen geben. Das ist ja die Kunst des Schauspiels, dieser Seiltanz zwischen Ich und "nicht Ich". Wenn es nur mehr "nicht Ich" gibt, weil das Ich auf Proben gebrochen wird, dann ist das uninteressant. Ein starkes Ensemble ist der einzig demokratische Weg für das Theater. Wenn das nicht gepflegt wird, weil eine oder einer lieber im TV oder sonst wo mehr verdienen will, gibt es nur noch eine Phalanx von Egos. Theater kann, wie Max Reinhardt sagte, der schönste Beruf sein und die grässlichste Prostitution. Wir sollten den schönsten Beruf daraus machen.

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