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Totes Theater

1945 1960 1980 2000 2020

"Der Schwierige" von Hugo von Hofmannsthal in Reichenau.

1945 1960 1980 2000 2020

"Der Schwierige" von Hugo von Hofmannsthal in Reichenau.

Mit der schon vor dem Ersten Weltkrieg begonnenen, aber erst 1921 in die gültige Form gebrachten Charakterkomödie Der Schwierige wollte Hugo von Hofmannsthal der esoterischen Kunst seiner Zeit eine Art, Gebrauchskunst' entgegensetzen. Er versprach sich damit Anschluss an die reale Welt. So hat das Stück ungeachtet seiner zeitlosen philosophischen Grundierung - die Problematik von Sprache und Handeln, Erkennen und Tun, Zufall und Notwendigkeit - auch einen zeitkritischen Hintergrund. Das Stück spielt mitten im Ersten Weltkrieg, im vorletzten Jahr der Donaumonarchie.

Ungeachtet des historischen Geschehens fokussiert sich aber das Interesse der aristokratischen Salongesellschaft selbstvergessen um Heiratsangelegenheiten. Das Misstrauen gegenüber dem eitlen Treiben der Aristokratie, die Sprach- und Absichtslosigkeit und melancholische Einsamkeit des Helden Graf Bühl setzt die Erfahrung der Katastrophe voraus. Erst die Einsicht in die unhintergehbare Evidenz der geschichtlichen Wahrheit hat ihn zum "Schwierigen" geformt. Nur wenn es gelingt, das zu zeigen, wird die Geschichte seiner Seele fassbar.

Regisseur Christopher Widauer gelingt das im Südbahnhotel Semmering nicht. Er erweist sich leider als etwas denkfauler Spielleiter. Statt einer Inszenierung, die sich auch dem zeitgenössischen Auftrag des Theaters verpflichtet fühlte, beschränkt er sich auf museale Literaturpflege. Immerhin bekommt man ganz gute Darsteller zu sehen: Joseph Lorenz als Graf "Kari" Bühl glaubt man aristokratische Vornehmheit, weniger allerdings die traumatischen Kriegserlebnisse. Eva Herzig spielt Helene, die Frau, die ihn als einzige versteht, als personifizierte Reinheit, Dorothee Hartinger die verschmähte Antoinette mit viel Temperament.

Weniger glücklich ist die Besetzung der männlichen Rollen: während Ludwig Blochberger als "Stani" kaum zu überzeugen weiß, ist Markus Meyers Darstellung des Willensmenschen "Neuhoff" ein Totalausfall. Statt als schneidiger preußischen Prahlhans spielt er ihn als pathetische Tunte. Die dem Eventcharakter von Sommertheater geschuldete Inszenierung in zwei verschiedenen Räumen des Südbahnhotels spielt großartige Literatur, ist aber totes Theater, das sich allzu bruchlos in die Patina des altehrwürdigen, vom Verfall bedrohten Hotels einfügt.

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