Tschernobyl - © Odeon

„Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“: Super-GAU im Odeon

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 35. Jahrestag der Nuklearkatastrophe verwandelt Regisseur Alireza Daryanavard das Wiener Odeon Theater in eine Sperrzone – nach der Buchvorlage von Swetlana Alexijewitsch.

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Zum 35. Jahrestag der Nuklearkatastrophe verwandelt Regisseur Alireza Daryanavard das Wiener Odeon Theater in eine Sperrzone – nach der Buchvorlage von Swetlana Alexijewitsch.

Das Knacken der Geigerzähler ist allgegenwärtig. Menschen in Schutzanzügen untersuchen Bühne und Publikumsränge auf Radioaktivität. Für die Uraufführung von „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ lässt Regisseur Alireza Daryanavard das Wiener Odeon Theater in eine Sperrzone verwandeln. Zum 35. Jahrestag der Nuklearkatastrophe inszeniert das Theaterkollektiv Hybrid in Kooperation mit WERK X-Petersplatz und dem Theaterverein Odeon die gleichnamige Buchvorlage von Swetlana Alexijewitsch. Für ihre umfangreiche Dokumentation reiste die weißrussische Nobelpreisträgerin durch die Ukraine und führte hunderte Interviews mit Überlebenden aus der unmittelbaren Nähe des Reaktors.

Daryanavard bringt einige dieser Berichte als stark gespielte Miniaturszenen auf die Bühne. Zu sehen sind etwa der Erdäpfelbauer, dessen prächtige Ernten nicht verkauft werden dürfen, der fahrende Händler, der mit der Naivität der Leute gute Geschäfte macht, oder die verzweifelte Mutter, deren Sohn durch die schwerwiegenden Folgen der Verstrahlung bereits im Kindesalter zum Sterben verurteilt ist. „Die gerechteste Sache der Welt ist der Tod“, lautet denn auch die zentrale Botschaft ihrer Monologe. Es sind Geschichten vom Sterben und Leiden einer Bevölkerung, die nie vollständig über die Auswirkungen der Reaktorexplosion von 1986 aufgeklärt wurde.

In eindringlichen Bildern führt Daryanavard diese Erzählungen zum unheilvollen Ende. Alle Schauspieler und ihre Requisiten werden von der Bühne gefegt, und ein bedrohliches Zukunftsszenario mit spielenden Kindern unter einer riesigen Plastikfolienkuppel entsteht. Zu guter Letzt werden Flugzettel verteilt, und eine Anti-Atomkraft-Demo beginnt. Bei dieser Inszenierung wurde nicht an Pathos gespart, um der Forderung „Atomkraft? Nein danke!“ Nachdruck zu verleihen.

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