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Und wo kein Pudel, da kein Kern!

Die Frage nach dem Glauben stellt sich in dieser Spielsaison das Grazer Schauspielhaus unter Iris Laufenberg. Wer glaubt, wird also selig?

Ja, zumindest jene, die (noch) an Theatergötter glauben! So dämmerte uns ein großartiger Auftakt mit Werner Schwab. Jenem Literaturgiganten, der sich 1992 auf der Höhe seines Ruhms mehrere Theaterklassiker antat und sie bis zum Abwinken mit seiner Schwabschen Sprache überfiel. Darunter "Faust :: Mein Brustkorb :Mein Helm", welches nun 25 Jahre nach seinem frühen Tod erstmals in seiner Heimatstadt aufgeführt wurde.

Schwabs Scheußlichkeitsvokabeln

Schwab war ein Genie, ein ekeliges Monster, in Wahrheit aber ein geschundenes Kind, das mit seiner kindlichen Geheimsprache die Welt erschrecken wollte. Unentwegt erfand er seine Scheußlichkeitsvokabeln, wie "Krempelmenschentum" oder "Weiberverkehrskörper" und legte sie seinen Figuren wie Sprengfallen in den Mund. Seither fliegen sie uns um die Ohren, riechen nach göttlichem Wahnwitz.

Sein Fauststück folgt im Aufbau ziemlich genau Goethes "Faust", auch wenn dieser nicht dauernd mit seinen Ausscheidungsprodukten spielt. So schmeckt Schwabs Sprache gewaltig nach Verwesung und Zerfall des menschlichen Körpers. Gerade dort, wo zum Takt eines Metronoms gesprochen wird.

Schwabs Faust hat sich längst mit dem Versagen jeglichen Wissens abgefunden. Er ist in einem Zustand, in dem ihm jeglicher Sinn in die Hosen ging. Das zeigt sich auch auf der Bühne (Patricia Talacko), die irgendwie an die Form eines halboffenen Schädels erinnert, dem man ein Gehirnzimmer eingerichtet hat, einen hölzernen Wohnkäfig, der sich als geniale Studierkammer entpuppt.

Hier vegetiert Schwabs Kunstfaust (grandios: Florian Köhler) im eigenen Zetteldreck, kugelt im fein gerippten Unterhemd am Boden herum und säuft sich wie sein Alter Ego Werner in höhere Sphären. Das alles wird per Video auf die Außenwand übertragen (Livekamera: OchoReSotto), wo die übrigen fünf Mitspieler darauf warten, von ihm zur Welt gebracht zu werden. Bis dahin aber geben sie den Parolenchor ab, der gnadenlos mit Wortketten auf ihn eindrischt: "Philosophie, Megalomanie, Hypochondrie, Geriatrie!"

Selbst das Böse und die Liebe existieren nur mehr in seinem gemarterten Kopf. Der Schwabsche Geist hält sich auch keinen Hund mehr. Und wo kein Pudel, da kein Kern! Mephisto (Benedikt Greiner) wird etwa von Faust erschissen.

Mephisto ist auch die wendigste Erscheinung dieser Aufführung, auch weil Regisseurin Claudia Bauer ihm die spritzigsten Momente zubilligt: vom rot angemalten Teufel über eine Transvestitenfigur bis hin zum Sensenmann im Glitzerkleid. Sogar Margarethes Liebhaber darf er sein, die bei Schwab nur mehr marginal an Goethes bigotte und frömmelnde Gretel erinnert. Henriette Blumenau spielt gekonnt diese unbeteiligte und herzlose Margarethe, die höchstens noch an ihrer eigenen makellosen Schönheit erstickt, während sie puppengleich (Kostüme: Dirk Thiele) auf alles Menschliche starrt. Während Julia Gräfner als Frau Marthe souverän den Famulus Wagner (Fredrik Jan Hofmann) ebenso wie den Popanz Valentin (Raphael Muff) erledigt. Mit ihrem kleinen grünen Schminkköfferchen wird sie zur Mutter aller Urlüste.

Am Schauspielhaus vegetiert Schwabs Kunstfaust -grandios: Florian Köhler - im eigenen Zetteldreck und säuft sich wie sein Alter Ego Werner in höhere Sphären.

Windungen des Internets

Bauer nimmt Schwab so ernst wie nur möglich, lässt sogar die Souffleuse vom Haus (Rosemarie Brenner) seine szenischen Anweisungen vorlesen, die meistens auch befolgt werden. Und wenn nicht, ist es für einen Augenblick so, als würde ein schwabischer Geistesblitz durch die Szene fahren und Funken sprühen. Am Ende aber hockt der alte, mit einer weißen Maske überzogene Faust im Kreise einer morbiden Tischgesellschaft: "Wir sind des Lebens und des Todes müde, wir wollen bloß noch Spaß." Und den haben sie ja auch in ihrer lachhaften "Suppenhaftigkeit", bis Faust sie allesamt um die Ecke seines Gehirns bringt.

Auch der zweite Abend am Eröffnungswochenende hatte mit Windungen zu tun. Da allerdings standen die (un)tiefen Windungen des Internets im Vordergrund, in die der Grazer Autor Clemens J. Setz seinen hellsichtigen Blick wirft. Souverän führt er uns mit "Vereinte Nationen" vor, wie die sozialen Netzwerke nicht nur unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit, sondern unser Leben selbst verändern. Dabei geht es ihm scheinbar "nur" darum zu zeigen, was ein bisschen Internet-Ruhm mit einer Familie alles machen kann.

Der Grazer ist bekannt für seinen literarischen Kippstil, der zum Einsturztor für alles Wirkliche wie Unwirkliche wird. Und nun ist da ein Elternpaar (Mathias Lodd, Evamaria Salcher), das heimlich Filme davon dreht, wie Tochter Martina (Tamara Semzov) zurechtgewiesen wird: "Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!" Die Videos stellen die beiden ins Netz und verdienen damit Geld. Folgerichtig dürfen die Kunden ihre Wünsche äußern, die das Paar dann an der Tochter durchexerziert. Denn: "Geld wird erst da interessant, wo's um konkrete Wünsche geht." Der Existenzpreis dafür ist enorm hoch. Leider entwertet Regisseur Mathias Schönsee bei der österreichischen Erstaufführung diesen durch einen völlig unambitionierten Abend - schade: Da dämmerte uns kein Götterjüngling Setz.

Faust :: Mein Brustkorb :Mein Helm Schauspielhaus Graz 11., 13., 14. Okt.

Vereinte Nationen Schauspielhaus Graz, 10., 19., 24. Okt.

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