utopia - © Foto: Bettina Frenzel

"Utopia. Schöne Neue Welt(en)"

1945 1960 1980 2000 2020

Julia Danielczyk über eine satirische Exkursion in die Zukunft

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Julia Danielczyk über eine satirische Exkursion in die Zukunft

„Natürlich kümmere ich mich um die Zukunft. Ich habe vor, den Rest meines Lebens darin zu verbringen.“ Bruno Max, Intendant des „Theaters zum Fürchten“, hat dieses Zitat von Mark Twain als Motto für seine Szenen-­Collage „Utopia“ herangezogen. „Wir werden zur Ruhe gekommen sein. All das wird der Vergangenheit angehört haben“, prognostiziert ein an reale Vorbilder angelehnter Zukunftsforscher schönfärberisch auf die Coronakrise bezogen, während zwei in Lumpen gehüllte, hungernde Kreaturen schon auf ihn als Leckerbissen spitzen.

Im Mödlinger Bunker spielt Bruno Max’ Stationendrama als dystopische Satire rund um Heilsversprechen, stets die Pandemie inhaltlich flankierend. In Kleingruppen durchwandern die Zuschauer die Stollen und werden in 18 Szenen mit variantenreichen Bildern konfrontiert (Bühne: Marcus Ganser), die von klassischen Science-Fiction­-Erwartungen über sich in Preppy-­Manier gebärdende Oberdöblinger Damen bis hin zum Urwald in der Großstadt reichen.

Auch die Kostüme (Sigrid Dreger) stehen diesem weitgefächerten Bogen in nichts nach und unterstützen die Inszenierung großartig, sei es in zerstörten Straßenschluchten, wo Verwahrloste ums bloße Überleben kämpfen, oder in einer Fernsehshow im Stile der 1970er Jahre. Wie kann eine „schöne neue Welt“ mit Corona aussehen? Zuerst einmal werden Plastik-­Visiere ausgegeben, die im kühl­feuchten Bunker Schutz bieten sollen. Drei Androiden messen die Körpertemperatur der Zuschauer und desinfizieren deren Hände.

„Brave New World“­-Erfinder Aldous Huxley kommt ebenso zu Wort wie George Orwell, der mit „1984“ eine kongenial verstörende Zukunftsvision ablieferte. Während Orwell die Überwachung durch den Staat in den Vordergrund stellt, lässt Huxley die Bürger durch Einnahme der Droge „Soma“ in einem permanenten Zustand von kritiklosem Glücksgefühl, das Sex und Konsum als Basis nimmt, während „Alpha-Plus­-Menschen“ die Bevölkerung kontrollieren.

Immer wieder bricht Bruno Max die Szenenfolge, etwa durch eine „kleine Hommage auf ein Brecht­-Gedicht“, in dem „überholte Utopisten“ wie Thomas Morus, Jules Verne, Lenin oder Bertha von Suttner gemeinsam an einer Bar sitzen und ihre Vorstellungen für eine Welt in Frieden und Freiheit benennen. Dann wieder konfrontiert eine verstörende Szene aus Lukas Jüligers Graphic Novel „Unfollow“ das Publikum mit dem Internetphänomen eines Öko­Influencers. Denn neben Corona sind da auch noch der Klimawandel und die schwer einschätzbare Macht der sozialen Medien.

Kennt wenigstens Gott die Zukunft, fragt ein Religionsfanatiker kurz vor dem Ende. Und was macht den Menschen zum Menschen, setzt die vorletzte Szene aus Philip K. Dicks „Blade Runner“ nach. Die Zitate sind klug gewählt und verstörend­aktuell komponiert; beeindruckend ist auch die Qualität des großen Ensembles (ca. 50 Schauspieler). Mit dieser satirischen Exkursion in die Gegenwart einer utopischen Vergangenheit ist Bruno Max eine äußerst sehenswerte aktuelle Inszenierung gelungen.

Julia Danielczyk ist freie Theaterkritikerin.

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