Menschenfeind - © Jan Friese
Theater

Wahrheit will in Wahrheit keiner – Molières „Menschenfeind“

1945 1960 1980 2000 2020

Das Schauspielhaus Salzburg bringt ein gut 350 Jahre altes Sittenbild der Gegenwart auf die Bühne – mit Erfolg.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Schauspielhaus Salzburg bringt ein gut 350 Jahre altes Sittenbild der Gegenwart auf die Bühne – mit Erfolg.

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau war empört darüber, dass am Ende Alceste dem Gelächter preisgegeben wird: Die hart an der Grenze zur Tragödie angesiedelte Komödie „Der Menschenfeind“ von Jean­Baptiste Poquelin, alias Molière, jetzt am Spielplan des Schauspielhauses Salzburg, sieht den Misanthropen als Feind einer verlogenen Gesellschaft, deren widerliche Züge Alceste ständig mit der harten Wahrheit zu verändern sucht. Im Text sagt die ihn verehrende Éliante über ihn: „Die Ehrlichkeit, die er sich abverlangt, hat etwas Edles, etwas Unerschrockenes; das ist doch heute eine seltene Tugend.“ Molière spielte die Rolle des Menschenfeindes 1666 selbst und er spielte sie, wie man berichtete, „mit markierter Gestik und forcierter Stimme“. Und dies war in der Schauspielhaus-Aufführung der Punkt der einzigen Kritik: Antony Connor als Alceste unter der Regie von Peter Raffalt drehte seine Stimme um einige Phon zu laut auf, manchmal bis zur Unverständlichkeit. Und er nimmt sich in den zwei Stunden der Aufführung erst nach der Pause etwas zurück; die Rolle hätte aber schon in der ersten Hälfte einer stärkeren stimmlichen Differenzierung bedurft. Denn der „Menschenfeind“ ist ein ans Wort geschmiedetes argumentatives Stück. Alceste gehört nach Erziehung und Stand zu dem von ihm verachteten Milieu, in dessen Mainstream Küsschen-Küsschen verlangt werden und hinterher das Messer des bösen Gerüchts in den Rücken gestochen wird. Die von vielen angebetete zwanzigjährige Célimène, Kristina Kahlert, erweist sich als ungeeignete Partnerin für den unleidlichen Alceste, dessen Wesen sie nicht verstehen oder akzeptieren kann.


Das „Verbieg’ dich nicht!“ und „In unserer Gesellschaft will in Wahrheit keiner Wahrheit“ sind Bonmots, die in den heutigen Gesellschaften ebenso gültig sind wie die „Diktatur der Moral“, die Alceste vertritt: Ein gut 350 Jahre altes Sittenbild der Gegenwart, das Molière entworfen hat. Deshalb das schwankende Quadrat des Bühnenbodens (Ausstattung: Agnes Hamvas). Eine Célimène, die als scheinbares Dummchen die Männer wie Marionetten an ihren Fäden herumführt, ein ehrlicher Freund Philinte (auch Acaste), Simon Jaritz-Rudle, eine intrigante Arsinoé, Ulrike Arp, ein von Alceste verachteter Dichter Oronte (auch Clitandre), Bülent Özdil, der auch zu Célimènes Liebhabern gehört, und eine Éliante, Tilla Rath, die zwei Augen auf Alceste geworfen hat und mit Philinte glücklich wird: Dieses Ensemble garantiert den Erfolg dieser Inszenierung. Der Schluss mit dem Versuch, Alceste in der Gesellschaft zu halten und nicht in die Einöde zu entlassen, „fern, allein, wo man die Freiheit hat, ein Ehrenmann zu sein“, war stark.