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Der Weg eines russischen Gelehrten

München, Ende Februar Das große Kunstereignis dieser Wochen ist die Kandinsky-Ausstellung in München. Sie gibt allen, die der absoluten Malerei feindlich gegenüberstehen, die Chance des Vei stehens. Wer den Weg diese! russischen Gelehrten von seinen ersten tastenden Versuchen bis zuni überwältigenden Gelingen seiner Reifezeit verfolgt, dem offenbart sich ein unumgänglich notwendiges Geschehen in der Kunst.

ln der Periode des ersten Suchens, obwohl noch von konventionellen Vorstellungen gefesselt, leuchten bereits die Grundakkorde des späteren Schaffenl auf, die in der darauffolgenden impressionistischen Periode eine erste Erfüllung finden. Mancher gute Maler hätte sich mit so starken Oelgemälden wie „Rapallo” oder „Im Park Von St. Cloud” (1906) zufriedengegeben. Doch Kandinsky trieb es weiter, er wußte, er war noch nicht am Ziel.

In der Periode der Abstrahierungen nach der Natur entbindet sich sein Geist machtvoll alter Fesseln. Hier schneidet sich sein Weg mit dem einei Marc Chagall, dessen Mystik den Elementen del Diesseits impliziert wird. Bei aller Tiefe der neu gewonnenen metaphysischen Dimensionen ist das für Kandinsky noch nicht genug. Aus tief religiösem Anliegen jagt es ihn zu mystisch-ekstatischem Welt empfinden, das, durch einen klaren Intellekt gebändigt, gültige Zeichen aus der Uebernatur inj Diei- seiti transponiert.

In der vierten und letzten Periode, der reinen Abstraktion und gegenstandslosen Malerei, wird Kandinskys Wirken zum Ausdruck unerhörter Weltgeheimnisse. Völlig entselbstet ist der Künstler zum Mittler vulkanisch drängender Kräfte geworden. Eine Begegnung mit Arnold Schönberg bestätigt ihn glücklich: was Schönberg in der Musik anstrebt, gelingt ihm in der Malerei, in beiden erfüllt sich die Zeit. Kandinsky wird zum seismographischen Griffel für kosmische Harmonien. Rührend ist dabei, wie er nicht umhin kann, eine „russische Palette mit starken rot-weiß-blauen Akkorden immer wieder zu verwenden.

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