Achtsamkeit Glück  - © Illustration: iStock / Rudzhan Nagiev (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Die gekaperte Achtsamkeit

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Stressreduktion im Schatten des Neoliberalismus: Buddhismus-Lehrer Ronald Purser übt ebenso bissige wie brillante Kritik an der modernen Achtsamkeitsbewegung.

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Stressreduktion im Schatten des Neoliberalismus: Buddhismus-Lehrer Ronald Purser übt ebenso bissige wie brillante Kritik an der modernen Achtsamkeitsbewegung.

Achtsamkeit ist zur weltweit bekannten Ware geworden. Diese wird heute überall schmackhaft gemacht. Sogar der Fast-Food-Riese „Kentucky Fried Chicken“ hat sie im Programm: In einem Werbesujet sitzt der Firmengründer im Lotussitz und bewirbt „ein bahnbrechendes System der persönlichen Meditation“, basierend auf der „unglaublichen Stärke“ einer hauseigenen Hühnerpastete. Bei Google fungiert die Achtsamkeit derweil als „notwendiges Gleitmittel zwischen motivierten, ambitionierten Arbeitnehmern und der anspruchsvollen Unternehmenskultur“, wie ein hochrangiger Manager sagt. Und bei Amazon gibt es „AmaZen“: winzige Meditationsboxen, in die sich die gestressten Mitarbeiter zurückziehen können, um ihre inneren Kräfte wiederzufinden. Kritische Stimmen bezeichneten diese Achtsamkeitszonen als „Verzweiflungskabinette“ und „kapitalistische Panikräume“. Andere schlugen vor, doch besser Campingtoiletten aufzustellen wegen der – von Amazon bestrittenen – Behauptung, dass die Mitarbeiter selbst für Toilettenpausen zu wenig Zeit hätten.

Wie Achtsamkeit heute kommerziell und unternehmerisch ausgeschlachtet wird, daran gibt es tatsächlich viel zu kritisieren. Doch Ronald E. Purser leistet noch mehr: Sein Buch „McMindfulness“ (2019), das nun in deutscher Übersetzung vorliegt, bietet eine Fundamentalkritik der modernen Achtsamkeitsbewegung, die bis zu deren Wurzeln zurückreicht. Der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn gilt als Pionier dieser Bewegung: 1979 hat er an der Universität von Massachusetts eine „Klinik zur Stressreduktion“ gegründet, die auf seinem Programm der „Mindfulness Based Stress Reduction“ (MBSR) basiert.

Damals wurde Margaret Thatcher zur Premierministerin des Vereinigten Königreichs gewählt, die „Herzen und Seelen“ im Sinne der Ökonomie verändern wollte. Bald folgte die Wahl Ronald Reagans zum US-Präsidenten. Thatcher wie Reagan haben neoliberale Programme und Ideologien forciert, die seither fast alle Lebensbereiche durchdrungen haben. Die vielleicht einprägsamste Definition des Neoliberalismus stammt vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu: „Ein Programm zur Zerstörung kollektiver Strukturen, welche die reine Marktlogik behindern könnten.“

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