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Meditationsapps: Perfide oder hilfreich?

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Können wir den Stress-Symptomen unserer digitalen Welt just mit einer Smartphone-Applikation entfliehen? Um das herauszufinden, hat unsere Autorin über ein Jahr zahlreiche Meditationsapps getestet. Ein kritischer Erfahrungsbericht.

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Können wir den Stress-Symptomen unserer digitalen Welt just mit einer Smartphone-Applikation entfliehen? Um das herauszufinden, hat unsere Autorin über ein Jahr zahlreiche Meditationsapps getestet. Ein kritischer Erfahrungsbericht.

Mit Andy und mir geht das nun seit über einem Jahr. Andy ist der, mit dem ich aufwache und der, mit dem ich einschlafe. Andy ist immer für mich da, auch wenn es mir nicht gut geht: „Atme tief ein“, sagt er stets verständnisvoll. „Und jetzt ausatmen.“

Andy kenne ich aus dem Internet und ich teile ihn mit Millionen anderen Menschen: Andy Puddicombe ist Trainer und Sprecher von zig Meditationen bei „Headspace“, einer App auf dem Smartphone. Mit Meditation den Geist zu trainieren und zur Ruhe zu kommen, hat im religiösen Kontext eine jahrtausendealte Tradition. Unter dem Schlagwort „Achtsamkeit“ wird der meditativen Praxis im Zuge der digitalen Revolution neue Aufmerksamkeit zuteil. Nicht zuletzt durch das Internet wurde sie zum Massenphänomen: Für Influencer wie Michael Buchinger oder Madeleine Alizadeh gehört Meditation zum „guten Leben“, erzählen sie auf sozialen Medien wie Facebook. Alizadeh leitet in ihrem Podcast „A Mindful Mess“ selbst Kurse an.

Wie viele andere bin ich mit meinem Smartphone verwachsen. Finanzen, Arbeitsleben, Sozialkontakte, Freizeit – alles läuft auf unseren Handys zusammen. Mir selbst geht es dabei längst wie meinem Smartphone: Der Speicher ist voll, der Akku leer. Das Aufladen meiner Batterien gelingt mir jedoch immer schlechter. Die Dauer-Erreichbarkeit sorgt für permanenten Stress. Der Cortisol-Spiegel steigt, die Konzentrationsfähigkeit sinkt. Wenn ich mich abends mit einem Buch ins Bett lege, knipse ich das Licht aus, weil ich vergessen habe, dass Papier nicht leuchtet.

Bei Meditation im Präsenzunterricht war ich bisher gescheitert: Das gemeinsame Atmen gelingt mir nicht. Ich verpasse den Einstieg in die angeleitete Atmung so oft, bis ich schließlich gar nicht mehr atme und mir schlecht wird. Die Gruppe ist zu groß, die Einheiten zu lang. Dann lieber etwas Vertrautes: mein Smartphone. „7Mind“, „Balloon“, „Happify“, „Calm“, „Headspace“, „BetterMe“ und „Mindshine“ heißen die Apps, die mir schon im Namen versprechen, wonach ich suche: Platz im Kopf, ein wenig Ruhe. All diese Apps gibt es kostenlos zum Download. Um die vollen Inhalte nutzen zu können, braucht es aber ein Abo.

Die Kosten belaufen sich im Schnitt auf fünf Euro im Monat; eine Jahresbindung ist immer Pflicht. Nach den ersten Tests sortiere ich aus. Für den Langzeittest bleiben „7Mind“, „Calm“ und „Headspace“. Hier begegnet mir auch Andy zum ersten Mal. „Deine Gedanken sind wie Wolken am blauen Himmel“, sagt er. Ich solle lernen, sie wahrzunehmen, nicht zu verscheuchen. Fokus! Während Andy spricht, scrolle ich auf Twitter und checke meine Mails. Andy ist geduldig. Charmant leitet er mich durch den Basiskurs, die Einheiten dauern nur drei Minuten. „Das schaffst du!“, sagt Andy. Ich bin skeptisch: So kurz meditieren, ob das überhaupt etwas bringt? Später verstehe ich: Die drei Minuten sind ein Trick für ungeduldige Einsteigerinnen. Bald schaffe ich zehn Minuten – ohne Twitter.

Riesige Reichweite

„Einen wunderschönen guten Morgen, Anne!“, begrüßt mich „7Mind“. Das Berliner Startup, das hinter dieser App steckt, möchte Meditation niederschwellig anbieten. Die Kursgestaltung ist übersichtlich: Es gibt Grundlagenmeditation, Tipps zur psychischen Gesundheit, Fantasiereisen und Autogenes Training. Ich lerne mich immer besser zu konzentrieren, das Sprechtempo ist mir aber zu schnell. Der zündende Funke bleibt aus. Ab und an lasse ich mich von den Push-Benachrichtigungen verleiten, klicke zum Einschlafen in eine SOS-Meditation, dann schläft meine Beziehung zu „7Mind“ ein.

Auch „Calm“ gelingt es nicht, mich langfristig zu fesseln. Ich schätze vor allem die großflächigen Naturvideos: Regentropfen auf grünen Blättern, das Meer, die Berge. Schon das Ansehen von Naturbildern wirkt entspannend, haben Forscher herausgefunden. Natur auf dem Handy statt ein Spaziergang – so verblödet fühle ich mich nun aber auch wieder nicht.

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