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1983-Erbe und Auftrag?

Die FURCHE veröffentlichte am 9. Februar einen nichtau-torisierten Auszug aus einem von mir in einer Fachzeitschrift publizierten Artikel, in dem ich mich auf der Grundlage der bisherigen Türkenjubiläen mit Gefahren befasse, die bei der Aktualisierung von Geschichte bei Jubiläen entstehen können.

Die zitierten Stellen sind so ausgewählt, daß sie die Basis für eine kritische Glosse des Chefredakteurs abgeben. Die verstümmelte Textfassung macht einige Erläuterungen notwendig, der kritische Kommentar’ einige Entgegnungen. Die zur Gänze gestrichenen Hauptthesen des Artikels können hier freilich nicht wiederholt wer-

den. Der interessierte Leser sei diesbezüglich auf die Originalfassung verwiesen: „Beiträge zur historischen Sozialkunde" Dezember 1982 (Verein für Geschichte und Sozialkunde, 1090 Wien, Währinger Straße 17).

Feichtlbauer stellt die rhetorische Frage: „Aber Distanzierung vom geschichtsträchtigen Jahr 1683?" Er antwortet: „Dreimal nein! Ein Volk ohne Geschichte verkümmert". Nun, eine Abschaffung der Geschichte Österreichs -was immer das überhaupt bedeuten sollte — hat wirklich niemand gefordert, schon gar nicht ein Historiker. Und auch von einem Schweigen über 1683 war nirgends die Rede. Wie es zu diesem Mißverständnis kommen konnte, ist schwer verständlich. Die Art der Zugangsweise wurde problemati-siert, nicht die Beschäftigung mit dem Ereignis überhaupt.

Daß die herjcömmliche Art des Umgangs mit den Türkenjubiläen bedenkliche Züge an sich hat, wird jeden Leser des im Originalbeitrag zusammengestellten Materials wohl überzeugen. Wie alternative Zugangsweisen aussehen könnten, das wird ansatzweise in anderen Artikeln des Türkenjubiläumsheftes formuliert.

Von Distanzierung war in meinem Aufsatz nicht im Sinne von Verschweigen, sondern als Gegensatz von Identifikation die Rede. Konkret ging es dabei um die Friedensproblematik. Solange Jubiläenfeiern Identifikation mit einem historischen Ereignis bedeuten und das gefeierte Ereignis eine Schlacht darstellt, ist doch kaum ein Anlaß gegeben, über Frieden zu sprechen.

Tatsächlich ist mir in den zahlreichen Festreden und Predigten, die aus Anlaß der bisherigen Tür-

kenjubiläen gehalten wurden, nur ein einziger Satz begegnet, in dem das Wort Friede vorkommt. Wem der Friede ein Anliegen ist, der wird sich doch wohl wünschen dürfen, daß beim Katholikentag das Schlachtenjubiläum nicht zu sehr in den Vordergrund tritt.

Eines der Anliegen meines Artikels war es, aufzuzeigen, wie die traditionelle Art der Jubiläumsfeiern den Aufbau von Feindbildern fördert. Die Analyse der bisherigen Türkenjubiläen veranschaulicht diese Tendenz deutlich. Eine solche Linie führt vom „Erbfeind der Christenheit" zum „Ausländer raus", 1683-1983 (Aufschrift eines derzeit kursierenden Klebers). Aber nicht nur Türken sind die Bezugsgruppe. Die Feindbildübertragung hat historisch über Aufklärer und Liberale bis zu Sozialisten und Kommunisten geführt. Ich halte das -genauso wie das Gerede von Österreichs „historischer Mission" als „Bollwerk gegen den Osten" — für irrationales Denken und für einen Mißbrauch von Geschichte.

Wenn ich in diesem Zusammenhang den Satz formulierte: „Anti-kommunismus muß sich von der Gegenwart her legitimieren", ^ so hätte ich wohl gleich ein entsprechendes politisches Bekenntnis hinzufügen sollen. Ich hätte mir dann vielleicht Herrn Feichtlbau-ers Frage erspart: „Ein Nein zu totalitären Herrschaftssystemen wird man doch auch 1983 formulieren können, ohne in Völkeroder Kriegshetze zu verfallen?" Selbstverständlich darf man das! Nur — mit der Türkenabwehr von 1683 soll man solche politische Bekenntnisse nicht begründen.

Die Betonung von „Erbe und Auftrag" im Gedenken an 1683 stellt eine Kontinuitätslinie dar, die eine Großveranstaltung des kommenden Katholikentags mit den bisherigen Türkenjubiläen verbindet. Meine Sorge ist, daß dabei Geschichte als Legitimationsideologie für Gegenwartsforderungen benützt werden könnte. Daß das in der Geschichte der

Türkenjubiläen sehr häufig und in sehr bedenklicher Weise geschehen ist, habe ich ausreichend belegt.

Feichtlbauer meint dazu: „Weil 1933 von ,Erbe und Auftrag’ in für heutige Begriffe unerträglicher Weise geredet wurde, soll man diese beiden Wörter heute nicht mehr verwenden dürfen? Europa hat ein Erbe, das es sehr wohl zu wahren gilt: Von diesem Kontinent ging die Proklamation fundamentaler Menschenrechte aus, hier wurden die Prinzipien der Demokratie formuliert. Das soll man aus lauter Betulichkeit nicht sagen dürfen?"

Auch hier scheinen Mißverständnisse vorzuliegen. Nirgends wurde gesagt, man solle von Menschenrechten und Demokratie nicht reden. Nur — was hat das alles mit 1683 zu tun? Um die Verteidigung von Menschenrechten und Demokratie ging es bei der Türkenabwehr sicher nicht. Das Menschenrecht der Religionsfreiheit etwa war damals in der Habsburgermonarchie gewiß kein verbindlicher Grundwert. Die Härte in der Durchsetzung der Gegenreformation in Ungarn hat viel mit der Vorgeschichte der Türkenbe-

lagerung zu tun (worüber man freilich in unseren Geschichtsbüchern wenig liest), und auch die kriegerische Expansion des Reiches nach Südosten in Anschluß an 1683 war — gelinde gesagt — nicht gerade von religiöser Toleranz begleitet.

Ebensowenig wirdinan für die Prinzipien der Demokratie in der Zeit der Türkenbelagerung Anknüpfungspunkte finden. Im Gegenteil — die Entscheidungsschlacht vor Wien war eine richtige wichtige Voraussetzung für die Ausbildung des habsburgischen Absolutismus. Auch in der Geschichte der Türkenjubiläen spielte der Demokratiegedanke keine rühmliche Rolle.

Es darf daran erinnert werden, daß Engelbert Dollfuß das Programm des Ständestaates in der berühmten Trabrennplatzrede voni 1. September 1933 bei einem Türkenjubiläum in bewußter Berufung auf den historischen Anlaß formuliert hat. In den Reden des gleichzeitig abgehaltenen Katholikentags zeigen sich analoge Tendenzeri.

Das autoritäre Regime des Ständestaates war wesentlich vom politischen Katholizismus geprägt. Das ist „Erbe", aber doch wohl kaum „Auftrag"! Man wird mit diesen beiden Begriffen insgesamt vorsichtig umzugehen haben, vor allem mit ihrer Verbindung. Historisches „Erbe" kann nicht schlechthin als „Auftrag" interpretiert werden. Was von der Tradition erhaltenswert ist, bestimmt sich ausschließlich aus der Gegenwart, überkommenes um seiner selbst willen generell bewahren zu wollen, ist unkritischer Konservativismus.

Ausgewählt wurde aus dem langen Artikel natürlich, was die Basis für meine Glosse abgab. Die heutige Klarstellung ist dankenswert, doch bleibe ich dabei: Im ursprünglichen Beitrag forderte Prof. Mitterauer, daß man sich „vom geschichtlichen Anlaß distanziert" (nicht nur von der „Art der Zugangsweise"). Und oberes wollte oder nicht: Gleich nach Erscheinen seines Artikels wurde der Untertitel einer Katholikentagsveranstaltung („Erbe und Auftrag") fallengelassen. Daß der aus einem Erbe kommende Auftrag zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich interpretiert werden muß, ist wohl klar, die Andeutungen im obigen Schlußabsatz sind ivirklich unaktuell. Und woß Demokratie mit 1683 zu tun hat? Daß wir sie wohl kaum hätten, wären die Dinge damals anders gelaufen…

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