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Ach, dieses Theater!

Wenn man vom Theater spricht, beginnt man am besten mit dessen Krise. Bleiben die Einnahmen eines Theaters konstant hinter den Ausgaben zurück, so nennt man diesen Zustand eine Krise. Das ist eine Feststellung, aber keine Erklärung. Nur das letzte Glied einer Kette.

Ihr Rasseln ist immer schon früher zu hören. Wer es zu früh hört oder von seiner Wahrnehmung spricht, gilt als Feind des Theaters. Ist er an einem solchen tätig oder bedienstet, so wird er als böser Geist betrachtet und mit Entlassung bedroht.

Schuld an der Krise hat alles, ausgenommen der Direktor. Gäbe es keine Direktoren, es gäbe auch keine Theater. Vielleicht auch keine Krisen. Ein Gedanke, den es sich empfiehlt, vertraulich zu behandeln. Aber es wäre ungerecht, ausschließlich Direktoren für die Krisen ihrer Unternehmen verantwortlich zu machen. Häufig sind ihre Fähigkeiten weit bescheidener. Ihr Anteil an der Krise besteht darin, daß sie ein Theater zu dem Zeitpunkt leiten, an dem das Publikum gerade ausbleibt.

Der Direktor ist jene Figur am Theater, ohne die e nicht geht. Er verdankt seiner Stellung hartnäckige Feinde und wankelmütige Freunde, und er vergilt-Gleiches mit Gleichem. Seine Entscheidungen sind prinzipiell immer richtig. Er ist in den meisten Fällen überzeugt davon, alles zu wissen. Sein Erfolg bei Frauen ist unbestritten. Er schreibt ihn seiner Persönlichkeit zu.

Ein geschickter Direktor versteht es so einzurichten, daß Erfolge sein Verdienst und Mißerfolge das Werk anderer sind. Das ist häufig die einzige Eigenschaft, die ein Direktor nachweisbar ins Geschäft bringt.

Künstlerische Neigungen sind bei einem Direktor immer gefährlich. Sie färben auf das beste Ensemble ab. Was bisher mißfiel, soll plötzlich gefallen. Zum Glück sind Künstler keine starken Charaktere. Es gäbe sonst nur überzeugtes oder überhaupt kein Theater.

Direktoren haben es sich zum Prinzip gemacht, alles zu versprechen und nichts zu halten. Sie täten gut daran, entweder nichts zu versprechen oder jedes Versprechen zu halten. Man soll indes von Menschen nichts Ubermenschliches verlangen. Direktoren sind Sterbliche wie wir alle. Wüßten sie, wie durchsichtig ihre Gloriole ist, sie wären vielleicht bessere Menschen. Aber gerade das ist das einzige, was jedem zu sein am schwersten fällt. Direktoren sind immer ein Zufall. Wenn sie Glück haben, merkt es niemand.

Der Dramaturg ist die sagenhafte Person des Theaters. Er schlägt Stücke vor, die gespielt werden sollen. Er hat die Ausrede, daß seine Vorschläge niemals angenommen werden. Ihm obliegt die Aufgabe, die eingereichten Stücke auf ihre Möglichkeiten hin zu untersuchen. Diese Untersuchungen sind mit den Diagnosen eines Landarztes zu vergleichen, der seine Studienzeit verschlafen hat.

Der Dramaturg trägt meistens Brille und gibt sich ein würdiges Aussehen. Er ist entweder glücklich verheiratet oder in verschiedene Schauspielerinnen unglücklich verliebt. Unvorsichtige Autoren lassen sich mit ihm ein. Verleger grüßen ihn kaum. Der Dramaturg ist ein Mensch, der nicht ans Ziel gelangt ist. Er träumt von Dingen, die es nicht gibt. Am liebsten von Stücken, die von ihm ganz allein entdeckt worden und ein Jahr lang ausverkauft sind.

Der Dramaturg ist der standhafte Zinnsoldat des Theaters. Er weiß ganz genau, warum alles schlecht ist, erhält aber nie Gelegenheit, es besser zu machen. Der Dramaturg ist irgendwie eine tragische Figur. Er ist um alles bemüht, und alle seine Bemühungen sind umsonst. Das Schönste in seinem Leben ist die Ehrfurcht, mit der eine Anfängerin seinen Gruß erwidert. Wie schnell ist diese Ehrfurcht dahin!

Schauspieler sind das seltsamste Volk unter den Sternen. Sie lieben sich so sehr, daß sie an ihr Talent blind glauben. Leider ist das Publikum zuweilen sehend. Schauspieler warten immer auf ihre Chance. Die meisten warten umsonst. Wenn die Chance dennoch kommt, kommt sie boshafterweise zu früh oder zu spät.

Wenn Schauspieler so zu spielen verstünden, wie sie es bei ihren Kollegen sehen, daß man es nicht tun darf — unsere Bühnen wären vollkommen. Es ist für einen Schauspieler unmöglich, so schlecht zu sein, wie andere Schauspieler es von ihm behaupten.

Wie die meisten Künstler leben Schauspieler von der Illusion, berühmt zu werden. Für diese Illusion wird jeder Preis bezahlt. Dieser Preis ist in Zahlen gar nicht auszudrücken. Schauspieler teilen ihr Leben nach den Rollen ein, in denen sie Erfolg gehabt haben. Ohne es zu merken, überspringen sie dabei immer Jahrzehnte. Ein Schauspieler, der nicht leichtsinnig ist, muß notwendig an Trübsinn sterben.

Schauspielerei ist ein einziger Kampf gegen Schatten. Gegen die Schatten der Vergangenheit und gegen die Schatten, die große Erfolge bei andern werfen. Dieser Kampf geht nie zu Ende. Man bezeichnet ihn als „das Leben”, und wir wissen, wie „es” die Menschen böse macht und verdirbt. Daraus ergäbe sich die größte Rolle, die ein Schauspieler im Leben zu spielen hätte, und er spielt sie meistens nicht besser als der ärgste Dilettant. Er spielt Helden und ist nur ein Mensch. Das ist Grund und Entschuldigung für vieles.

Der Kritiker ist die umstrittenste Figur des Theaters. Eine Autorität, wenn er lobt, und eine Mischung von Dummkopf und Lump, wenn er tadelt. Er hat keine Möglichkeit, Freunde zu erwerben. Einfältige Naturen überschätzen ihn, starke Charaktere nehmen ihn kaum wahr. Meistens ist der Kritiker der einzige, der für wahr und richtig hält, was er schreibt. Wenn es nach ihm ginge, er wäre der erste Mann in der Welt. In Wahrheit hat er oft genug kaum einen Leser. Dieses Mißverhältnis verdirbt den Charakter — falls Anspruch auf einen solchen erhoben wird.

Man soll den Kritiker nicht unterstützen, er nimmt sich ohnedies ernst genug. Er ist ein Held ohne Ruhm. Das ist seine Tragödie.

Der Autor ist die überflüssigste Person am Theater. Er liefert den Anzug, den andere tragen. An ihm hat jeder etwas auszusetzen. Daß es überhaupt noch Autoren gibt, ist ein Wunder.

Die wichtigste Aufgabe des Autors besteht darin, Ideen, die andere schon gehabt haben, für seine eigenen zu halten. Geschieht das unbewußt, so hat er Aussicht, für ein Genie angesehen zu werden.

Es gibt keinen Menschen, der nach den Angaben anderer seinen Beruf so schlecht versteht, wie der Bühnenautor. Der Direktor bezeichnet das Stück'als schlecht, der Dramaturg weist seine Fehler nach, der Schauspieler findet keine Rolle darin, und das Publikum fragt sicht warum es nicht zu Hause geblieben ist. Die letzte Chance bleibt der Kritiker. Er findet das Stück vielleicht „literarisch”. Gesund, wie es ist, hält das Publikum nichts von Literatur.

Jedes Stück wird von den Theaterleuten so lange „bearbeitet”, bis es unbrauchbar ist. Etwas anderes hat man mit dem Autor nicht vor. Autoren sind ein hoffnungsloser Fall.

Der Autor war Dramaturg am Volkstheater und Theaterkritiker, der Beitrag ist einem demnächst erscheinenden Theaterrückblick entnommen.

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