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Acht Kerzen aus Freude

In den Tagen, da die Christen Weihnachten feiern, zünden Juden acht Kerzen am Chanukka-Leuchter an und erinnern damit an die Zeit, als nach der Befreiung Jerusalems durch Judas Makka-bäus nichtentweihtes Tempelöl fürs „Ewige Licht“ nur für einen Tag noch vorhanden war. Die Lichter aber brannten acht Tage lang.

So lange dauert daher auch das Chanukka-Fest, das mit Weihnachten den Lichtkult (und damit wohl griechisch-mediterranen Kultureinfluß) und Geschenke gemeinsam hat.

In Peter Landesmanns Buch „Die Juden und ihr Glaube. Eine Gemeinschaft im Zeichen der Tora“ kann man über Bedeutung und Praxis jüdischer Feste genau so nachlesen wie über das rituelle Leben, Lehre und Praxis der jüdischen Gemeinden, Mystik und Weltbild: ein faszinierendes geistiges Panorama, das hier einfach, verständlich und unter bewundernswerter Bedachtnahme auf christliche Denkmuster geschildert wird.

Erkenntnisse werden wach: etwa, daß die meisten Juden gute elf Jahrhunderte lang in islamischer Welt lebten und acht erst in christlicher Umgebung - viel schlechter zumeist in der zweiten.

Judentum, Christentum und Islam haben als Abraham-Religionen die fünf Bücher Moses (jüdisch Tora, christlich Pentateuch) als Gotteswort gemeinsam und damit Schöpfungsgeschichte und Erlösungsverheißung. (Feinheit: Nichtalle Bücher, die wir zum Alten Testament zählen, werden von den Juden anerkannt, aber alle Bücher der „Hebräischen Bibel“ sind auch für Christen heilig.)

So mancher Kernsatz der Bibel, den wir als Ausfluß „höherer Ethik“ des Neuen Testamentes-wähnen, steht schon im Alten — auch der Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (genauer nach Pinchas Lapide: „denn er ist wie du“), nämlich in Leviticus 19, 18.

Wichtiger als der Inhalt des Glaubens sind für Juden die Regeln für praktische Lebensführung. Beschneidung und Speisegeböte, von der frühchristlichen Kirche nichtjüdischen Christen erlassen, sind der „Zaun um die Tora“, der unverwechselbare Identität sichert. Und Ablehnung wegen Andersartigkeit.

Der Autor geht dieser Erkenntnis nicht aus dem Weg. Er erspart auch den Christen keine Kritik an ihrem Anteü am Antisemitismus — aber er erklärt vor allem, verurteilt nicht gnadenlos, macht Güte spürbar und nicht nur ein Tribunal. Das macht ihn für (durchaus selbstkritische) Christen so sympathisch und für eifernde (oftmals nichtgläubige) Juden zum Spott- und Zornobjekt.

Peter Landesmann, einer der Vorsitzenden des christlich-jüdischen Koordinierungsausschusses in Osterreich, kann mit Anfeindungen leben. Die überzeugende Ehrlichkeit seines Bemühens hätte aber eine andere Reaktion verdient.

So bleibt Christen vor allem die Möglichkeit, durch ihr Verhalten zu zeigen, daß die Botschaft dieses Buches verstanden wird. Es ist ein Bekenntnis zu den gemeinsamen Wurzeln eines Glaubens, der zu sehr ähnlichen Auffassungen im Menschen-, Welt- und Geschichtsbild, in der Bewertung von Sünde und Buße, in Bejahung von Auferstehung und Gericht, im Nein zu Abtreibung und Euthanasie führt. Jesu Gottessohnschaft bleibt als Graben ohne Brücke.

In der Chanukka- und Weihnachtszeit sollten wir uns mit den Brüdern und Schwestern, auf die Gottes erste und bleibende Wahl gefallen ist, an die Regel aus Deu-teronomium 28, 47 erinnern, wonach wir Gott Dienst „aus Freude und Dankbarkeit“ schulden.

Feiertage sind Freudenfeste der Gemeinschaft des Herrn. Ein gutes Buch kann sie vertiefen.

DIE JUDEN UND IHR GLAUBE. Von Peter Landesmann. Nymphenburger Verlag. 296 Seiten, SS 294,-.

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