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Alleingelassene Seelsorge

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Christsein und Kriegführen, Militärseelsorge und Zivildienst: ein delikates, ein schmerzhaftes, ein verdrängtes Thema. Vergangene Woche stieg die FURCHE kritisch in eine Veranstaltung der Militärseelsorge der Steiermark ein. Das Echo kam rasch und vielfach. Bischof Johann Weber hat uns zu einem „großangelegten publizistischen Gespräch" über diesen Problemkreis ermuntert. Wir danken für die Anregung und fangen an. Weitere Beiträge werden folgen.

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Christsein und Kriegführen, Militärseelsorge und Zivildienst: ein delikates, ein schmerzhaftes, ein verdrängtes Thema. Vergangene Woche stieg die FURCHE kritisch in eine Veranstaltung der Militärseelsorge der Steiermark ein. Das Echo kam rasch und vielfach. Bischof Johann Weber hat uns zu einem „großangelegten publizistischen Gespräch" über diesen Problemkreis ermuntert. Wir danken für die Anregung und fangen an. Weitere Beiträge werden folgen.

Zugegeben, die Aussprüche zweier Militärseelsorger bei einer Tagung in Graz sind hart ausgefallen. Der unvoreingenommene Beobachter wird aber sagen müssen, daß manche Bitterkeit, die daraus spricht, der realen Erfahrung entspricht, die nun einmal Priester in einem ebenso unverzichtbaren wie entscheidenden Verkün-digungsanftrag innerhalb des Bundesheeres machen müssen.

Österreichs Militärseelsorge steht oft nicht einmal mehr am Rande des Volkes Gottes. Sie steht oft vor den Toren dieser Gemeinschaft, Mißverstehen bis Geringschätzung ist es, was ihr häufig gerade von Christen her begegnet. Die alleingelassene Seelsorge - das ist ein Faktum!

Wo bleibt die Unterstützung von seiten der katholischen Organisationen, vor allem der Jugendorganisationen für diese Priester? Wo bleibt die materielle und idelle Partnerschaft, die diese Seelsorger in Uniform erhalten müßten? Wer einigermaßen die Situation ehrlich betrachtet, wird auch von seiten der kirchli-

chen Medien kaum eine echt publizistische Hilfe für die Müitärseelsorge erkennen können. Zu sehr sind auch die christlichen Meinungsmacher einseitig fixiert. Dies scheint mir Bewußtseinsstörungen zu signalisieren, die dann eben bei gegebenem Anlaß Worte der Bitterkeit und der traurigen Erfahrung auslösen.

Ich glaube, daß es um Grundhaltungen geht, die innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft gewisse Einseitigkeiten signalisieren. So kann kein Zweifel darüber bestehen, daß etwa der Zivildienst Liebkind Nr. 1 geworden ist, während nationale Sicherheit, Verteidigungsvorsorge im Sinne unserer beschworenen Neutralität und damit auch der militärische Dienst längst zu Stiefkindern unseres Denkens und Verhaltens geworden sind.

Es sei hier mit diesen Zeilen weder dramatisiert noch ein Pauschalurteil abgegeben. Was not tut, ist Gewissenserforschung! Gewissenserforschung, wo die Existenzerhaltung und die Freiheitsgarantie unseres Staates unmittelbar betroffen sind, wo auch der unserer Zeit voll atta-chierte Christ unmittelbare persönliche Verantwortung zu verspüren hätte. Doch geistige Landesverteidigung scheint eben bewußt oder unbewußt aus unserem Denken gefährlich verdrängt zu sein.

Eine Umkehr und eine Abkehr von dieser Einseitigkeit und von diesem verschobenen Bewußtsein ist Aufgabe der Christen. Dies würde auch das sogenannte Dilemma der Seelsorgebemühungen in unserem Bundesheer lösen. Dazu einige grundsätzliche Bemerkungen:

Christliche Haltung fordert ohne Zweifel in unserer Zeit eine eindeutige Friedensgesinnung heraus. Aus eigener Erfahrung darf ich sagen: Gerade- der Staatsbürger, der einmal Soldat war und der die Schrecken des Krieges kennt, wird den Frieden über alles lieben. Aber er wird auch alles tun, um denkbare und mögliche Konflikte von vornherein zu vermeiden. Und hier gibt es ein Gesetz der Erfahrung: nämlich, daß es nicht zuletzt die' militärischen Anstrengungen sind, die von einem Land auch Konflikte und Bedrohungen abzuhalten vermögen. Die verhinderten

Kriege sind eine wahrhaft humane Aufgabe!

Geistige Landesverteidigung aus christlicher Sicht hat daher ohne Zweifel ehrliches und wirkliches Friedensdenken mit Selbstbehauptungsstreben in Einklang zu bringen. Die bloß zivile Verteidigung, der nur gewaltlose Widerstand, sind nicht nur Utopie, sie sind Leugnung der gestörten, der - theologisch gesprochen - gefallenen Welt.

Nicht alle, die Frieden sagen, meinen den wirklichen Frieden. Die Weltgeschichte gerade unserer Tage ist eine einzige traurige und blutige Beweisführung dafür. Der veränderte Spruch der Antike „Si vis pa-cem, para pacem" (Wenn du den Frieden liebst, rüste zum Frieden) hat wie nie zuvor seinen moralisch verpflichtenden Charakter - auch wenn er, wie ein Hohn, auf jener Feder eingraviert worden war, mit der die Verträge von Versailles, von St. Germain und Trianon unterzeichnet worden sind.

Dem Theologen Bernhard Häring

ist voll zuzustimmen, wenn er sagt, daß wir Christen zunächst immer nur vom Frieden reden müssen und nicht vom Krieg und seiner Erlaubtheit. Wir müssen dankbar sein für die Verurteilung des Krieges durch alle kirchlichen Äußerungen der letzten Zeit.

Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes" spricht eine deutliche Sprache dafür. Sie sagt aber - im Einklang mit der Wirklichkeit - auch wörtlich:

„Allerdings - der Krieg ist nicht aus der Welt geschafft. So lange die Gefahr von Kriegen besteht und solange es noch keine zuständige internationale Autorität gibt, die mit entsprechenden Mitteln ausgestattet ist, kann man, wenn alle Möglichkeiten einer friedlichen Vermittlung erschöpft sind, einer Regierung das Recht auf sittlich erlaubte Verteidigung nicht absprechen. Die Regierenden und alle, die Verantwortung für den Staat tragen, sind verpflichtet, das Wohl der ihnen anvertrauten Völker zu schützen... Der Einsatz militärischer Mittel, um ein Volk rechtmäßig zu verteidigen, hat jedoch nichts zu tun mit dem Bestreben, andere Nationen zu unterjochen ... Wer als Soldat im Dienste des Vaterlandes steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker. Indem der Soldat diese Aufgabe erfüllt, trägt er wahrhaft zur Festigung des Friedens bei."

Moderne, christliche Lehre unverkürzt in die Wirren unserer Zeit einbringen, wäre daher ein ebenfalls gerade von christlicher Seite noch allzuhäufig ausstehender Beitrag zur geistigen Landesverteidigung. Der verlorene Einklang zwischen verschiedenen Wahrheiten und Wirklichkeiten ist nicht nur in dieser Hinsicht ein Unglück in unserer Kirche, es ist das eigentliche Unglück auch unserer Welt.

Heuer sind es 25 Jahre, daß wir unseren Staatsvertrag und mit ihm die Freiheit haben. Zugleich ist es auch das Silberjubiläum des neuen, dem Schutz, dem Frieden und der Sicherheit Österreichs dienenden Bundesheeres.

Die christliche Liebe endet nicht vor den Toren unserer Kasernen.

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