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Alles nur Vorurteile ?

„Manche Leute betrachten naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt als eine Art Magie, einen Zauber“, sagte mit deutlichem Kummer der britische Physikprofessor Sir Nevill Francis Mott, der vor zehn Jahren den Nobelpreis für die Erforschung magnetischer Systeme erhalten hat. Jetzt saß er mit 14 anderen Nobelpreisträgern für Physik, Medizin und Chemie im Palazzo Chorsini in Rom, um über das Verhältnis der Wissenschaften zum „ganzheitlichen Menschen“ zu diskutieren.

Unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Kardinal Franz König, hatte die Stiftung „Nova Spes“

zum gemeinsamen Nachdenken versammelt, ob es denn „neue Hoffnung“ gibt, die Kluft zwischen technischem und humanem Fortschritt zu schließen und die moralischen Gefahren der scheinbar grenzenlosen Machbarkeit zu bannen.

Fast einig war man sich, daß die wissenschaftlichen Errungenschaften eine „seltsame Mischung aus Stabilität und Unstabilität“ hervorgerufen haben (so der belgische Chemieprofessor Ilya Pri-gogine). Trotz allem medizinischen Fortschritt erhalten nur zehn bis 25 Prozent aller Kinder der Dritten Welt die heute möglichen Impfungen, werden 23 der 25 größten Städte bis zum Jahr 2000 in chaotischem Elend versinken.

Wer ist verantwortlich, wenn Heilmittel zu gefährlichen Dro-

gen werden, wachstumsfördernde Chemie zu Umweltverseuchung und biologischen Katastrophen führt, Elektronik und Transistoren (von der Fernsehsucht bis zum Rüstungswahn) auch bedrohen? Nicht die Gelehrten, „die Gesellschaft“ und ihre Organe, zumal die Politiker, seien für die Anwendung der Wissenschaften verantwortlich, meinte der schwedische Medizinprofessor Samuelsson. Schlechte „Nebenprodukte“ dürften die Forschung nicht bremsen, „Ressentiments“ kämen aus Mangel an Wissen, meinten auch andere Gelehrte.

Natürlich gebe es „kein risikoloses Leben“, wichtig sei, abzuwägen - etwa zwischen der krebsfördernden Eigenschaft eines Stoffes und seiner wohltätigen Wirkung. Leider seien eben zu viele Entscheidungsträger, überhaupt zu viele gebildete Leute naturwissenschaftliche Analphabeten, klagte der amerikanische Professor Karle, während sein deutscher Kollege Ernst Otto Fischer aus München die Chemie verteidigte: Sie befinde sich mit der Natur in Harmonie „wie Verdi und Rossini in der Musik“.

Kein Nobelpreisträger konnte sich dem Fazit entziehen, daß es die „geistige Existenz“ des Menschen, also seine Transzendenz ist, was über die Wissenschaft hinausweist und dieser „keine moralische Neutralität“ erlaubt So steht es in der mit Kardinal König erarbeiteten Schlußerklärung. Religion und Kirche erwähnte man als förderliche Faktoren. Daß 15 „nobelitierte“ Geister so zusammenkommen konnten, war zwölf italienischen Banken zu danken. Sie werden für „Nova Spes“ ein Haus der Begegnung in Rom stiften.

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