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Als Hiroshimas Die Atombombe Himmel brannte : und die Folgen

1945 1960 1980 2000 2020

Am 6. August 1945 wurde über der japanischen Stadt Hiroshima die erste Atombombe gezündet, drei Tage darauf über Nagasaki die zweite. Wenig später kapitulierte das Kaiserreich Japan, US-Präsident Truman hatte mit dem Einsatz der Vernichtungswaffe sein Ziel erreicht: die Abkürzung des Krieges. Was bisher wenig bekannt war: Auch die Japaner hatten fieberhaft ein Atombomben-Projekt vorangetrieben. Der 6. und 9. August 1945 bedeutete gerade auch für die Militärplaner eine Zäsur. Allmählich begannen sie, die Nuklearwaffen in ihre Kriegsführungs-Strategien mitein-zubeziehen. Die Entwicklung der strategischen Konzepte schildert der folgende Beitrag.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 6. August 1945 wurde über der japanischen Stadt Hiroshima die erste Atombombe gezündet, drei Tage darauf über Nagasaki die zweite. Wenig später kapitulierte das Kaiserreich Japan, US-Präsident Truman hatte mit dem Einsatz der Vernichtungswaffe sein Ziel erreicht: die Abkürzung des Krieges. Was bisher wenig bekannt war: Auch die Japaner hatten fieberhaft ein Atombomben-Projekt vorangetrieben. Der 6. und 9. August 1945 bedeutete gerade auch für die Militärplaner eine Zäsur. Allmählich begannen sie, die Nuklearwaffen in ihre Kriegsführungs-Strategien mitein-zubeziehen. Die Entwicklung der strategischen Konzepte schildert der folgende Beitrag.

Am 16. Juli 1945 überreichte ein Mitarbeiter des Stabes der amerikanischen Delegation Präsident Harry S. Truman im Schloß Cäci-lienhof, wo eben die Potsdamer Konferenz stattfand, ein Telegramm. Es bestand aus drei Wörtern, die nur für Eingeweihte einen Sinn ergaben: „Babies satis-factorily born” (Geburt der Kinder zufriedenstellend verlaufen). Im Klartext hieß das: Der Atombombenversuch ist erfolgreich durchgeführt worden.

Tatsächlich waren am frühen Morgen dieses Tages an der Nordwestecke des Flugplatzes von

Alamogordo, etwa 200 Kilometer südöstlich der Stadt Albuquerque in der Wüste von New Mexico im Südwesten der USA, alle Vorbereitungen für die Zündung der ersten Atombombe abgeschlossen worden.

Um 5.30 Uhr (amerikanischer Zeit) löste man die Explosion aus. Der riesige Feuerball, der Bruchteile von Sekunden danach in den morgendlichen Himmel stieg, gab dem amerikanischen Präsidenten eine Waffe in die Hand, mit der er dank ihrer ungeheueren Zerstörungskraft militärische Auseinandersetzungen innerhalb kürzester Zeit zu seinen Gunsten entscheiden konnte.

Präsident Truman fiel die zweifelhafte Ehre zu, als erster Staatsmann in der Geschichte der Menschheit die Atombombe gegen eine gegnerische Macht (in diesem Fall Japan) einzusetzen. In seinen 1955 auch in deutscher Sprache erschienenen Memoiren beschreibt Truman das Dilemma, in dem sich die Amerikaner nach dem Sieg über Hitler befanden.

Noch im Juni 1945 glaubten die Militärs im Washingtoner Pentagon, den japanischen Widerstand erst im Spätherbst 1946 brechen zu können. Die Invasion Japans sollte zweigeteilt werden. Die erste Landung sollte im Herbst 1945 auf Kiuschu, der südlichsten der japanischen Inseln, erfolgen. Die zweite große Invasionswelle war für etwa vier Monate später, also für Jänner 1946, vorgesehen.

Angesichts des bekannten Fanatismus und der steigenden Opferbereitschaft der kaiserlichen Truppen — die den US-Truppen bei der Eroberung von Iwo Jima vom 19. Februar bis 16. März 1945 eine fürchterliche Lektion erteilt hatten - rechnete General Marshall, der Stabschef der US-Armee, bei den bevorstehenden zehn bis vierzehn Monate dauernden Schlachten realistisch mit dem Verlust von „mindestens” 500.000 amerikanischen Soldaten.

Truman wollte begreiflicherweise diesen Blutzoll der amerikanischen Nation ersparen. Im Besitze der neuen Waffen — der Atombomben—war er fähig dazu. Er beschloß jedoch, Japan vorerst in einem Ultimatum zur Waffen-niederlegung aufzufordern.

In dieser, in aller Öffentlichkeit verkündeten Proklamation wurde den Japanern nach ihrer Kapitulation das Fortbestehen des Kaiserhauses (ein nationales Heiligtum) mit dem Tenno zugesichert. Auch die Vertreter von Großbritannien und China unterzeichneten das Ultimatum.

Am 28. Juli 1945 wurde das Tru-man-Ultimatum vom staatlichen japanischen Rundfunk zurückgewiesen und die Fortsetzung des Kampfes verkündet. Nun wußte Truman, daß er handeln mußte. Während der Konferenz von Potsdam wurden dafür zwei wichtige und günstige Voraussetzungen geschaffen: Die Atombombe wurde einsatzbereit, und Stalin versicherte, er bleibe bei seinem in Jalta gegebenen Wort, daß die Rote Armee „baldmöglichst” ihre Fernost-Offensive gegen Japan antreten werde.

Truman in seinen Memoiren:

„Mir war natürlich klar, daß eine Atomexplosion eine jede Vorstellung übertreffende Zerstörung und gewaltige Verluste an Menschenleben zur Folge haben mußte. Andererseits führten die wissenschaftlichen Berater unseres Ausschusses aus: ,Wir sind nicht in der Lage, eine Demonstration vorzuschlagen, die den Krieg beenden würde, und sehen daher keine andere Möglichkeit als den direkten militärischen Einsatz.'”

Die letzte Entscheidung, wo und wann die Atombombe einzusetzen war, lag nun bei Truman. „Ich hielt die Atombombe für ein Kampfmittel und zweifelte nie daran, daß es eingesetzt werden müsse. Meine höchsten militärischen Berater empfahlen den Einsatz, und auch Churchill befürwortete ohne jedes Zögern die Verwendung der Bombe, sofern dies zur Abkürzung des Krieges beitrage...”, schrieb der Präsident später.

So kam es, daß am 6. August 1945 ein amerikanisches Flugzeug vom Typ B-29, die „Enola Gay”, die erste Atombombe der Menschheit auf die Stadt Hiroshima im südlichen Teü des japanischen Mutterlandes abwarf und innerhalb von wenigen Minuten nicht nur die Stadt selbst vernichtete, sondern mindestens 92.167 Menschen tötete und weitere etwa 40.000 verletzte.

Da die japanische Regierung auch jetzt nicht bereit war, sich „bedingungslos” zu ergeben, und die Mehrheit der Kabinettsmitglieder die Meinung vertraten, von der „neuen Bombe” existiere allem Anschein nach nur ein Exemplar, sah sich Truman gezwungen, das neue Kampfmittel (jetzt als Plutoniumbombe) ein zweites Mal einzusetzen.

Am 9. August warf ein B-29-Bomber die Bombe über Nagasaki ab; sie war hauptsächlich für die großen Werftanlagen der japanischen Kriegsmarine gedacht, aber die Besatzung des US-Flugzeugs hatte Navigationsschwierigkeiten und löste die Bombe über dem Stadtkern aus. Die Folgen: 40.000 Tote und etwa 60.000 Verwundete.

Gleichzeitig war auch Stalins Rote Armee seit 24 Stunden in der Mandschurei aktiv geworden: über 1,5 Millionen Sowjetsoldaten mit 5.500 Panzern und Sturmgeschützen sowie 3.446 Kampfflugzeugen hatten begonnen, die — ihnen zahlenmäßig weit unterlegene - japanische Kwantung-Armee zu überrennen und mit den Chinesen zusammen das bisher von den Japanern beherrschte ostasiatische Festland im Kampf zu erobern.

In Tokio nahm daraufhin Kaiser Hirohito - der noch heute als Staatsoberhaupt amtiert — die Geschäfte in die Hand. Er sah ein, daß der Krieg, der für Japan bereits 1937 begonnen hatte, endgültig verloren war.

Um sein Volk vor weiteren Ver-nichtungsschlägen zu retten, zwang er die Regierung Suzuki abzutreten und ließ die Alliierten Mächte durch die Schweizer Botschaft in Tokio wissen, die neue, am 11. August gebildete Regierung unter Prinz Higaskihuni mit Shigemitsu als Außenminister akzeptiere Trumans Juli-Ultimatum.

Damit war der Traum der japanischen Militärs, selbst eine Atombombe zu bauen und mög-

„Die Probleme, die sich dem japanischen Atomforscherkollektiv stellten, waren enorm” liehst noch vor den Amerikanern einzusetzen, endgültig ausgeträumt.

Im Westen wußte man lange Zeit nicht, daß japanische Wissenschaftler seit Mai 1941 an der Entwicklung einer eigenen Atombombe arbeiteten. Erst in den letzten Jahren sind in Tokio einige Publikationen erschienen, in denen die enormen Bemühungen des japanischen Oberkommandos, das Geheimnis der Atomwaffe zu lösen, dargestellt sind.

Hauptinitiator zur Herstellung der japanischen Atombombe war der Generalstabschef der japanischen Luftwaffe, General Takeo Jasuda. Den wissenschaftlichen Auftrag zur Forschung erhielt Professor Josio Nisina in Tokio, der in jüngeren Jahren in Kopenhagen Schüler des berühmten Kernphysikers Niels Bohr gewesen war. Nisina wurden 100 junge Wissenschafter zur Verfügung gestellt und ein Kredit zugesprochen. Im Militär-Flugtechnischen Institut in Tokio konnte er unter größter Geheimhaltung mit den theoretischen Arbeiten zur Herstellung der „Bombe” beginnen.

Die Militärs interessierten nur zwei Fragen: Kann man erstens die Atomenergie tatsächlich für militärische Zwecke einsetzen? Und wird es den Wissenschaftern zweitens gelingen, noch während des Krieges eine solche Waffe herzustellen?

Die Japaner erfuhren unterdessen auch, daß die Amerikaner bereits seit August 1942 an der Verwirklichung ihres „Manhattan-Projekts” (das heißt an der Herstellung der Atombombe) arbeiteten.

Damit war klar, daß der Bau einer Atombombe realisierbar war. Fraglich blieb nur noch, wann sie einsatzfähig sein würde. Zur Herstellung benötigte man einige Kilogramm Uran, die man sich in den von japanischen Truppen besetzten ost- und südostasiatischen Ländern beschaffen wollte.

Den Wissenschaftern waren zwei chemische Grundstoffe bekannt, deren Atomkerne sich mit Hilfe von eindringenden Neutronen spalten ließen: das Uran-235 und das Plutonium-239. Das leicht spaltbare Uranisotop, das im Natururan nur mit einem Anteil von 0,7 Prozent enthalten ist, war nirgends in reiner Form vorhanden. Und Plutonium war praktisch im japanischen Herrschaftsbereich nicht auffindbar. Trotzdem setzte Ministerpräsident Togo alles daran, dem „Ni-Plan” (Nisina-Plan) zum Erfolg zu verhelfen.

Die Probleme, die sich dem Arbeitskollektiv von Professor Nisina stellten, waren trotzdem enorm. Umsonst suchten sie in Korea und auf den japanischen Inseln das unentbehrliche hochwertige Uran. Nicht einmal die zwei Tonnen Uranoxid, mit denen sie schließlich zufrieden gewesen wären, ließen sich auftreiben. Als Folge davon steckte der „Ni-Plan” Anfang 1944 noch immer in den Kinderschuhen. Professor Nisinas Stab experimentierte lediglich in den Laboratorien.

Im Sommer 1944 erlitt die japanische kaiserliche Armee an den asiatischen Fronten eine Reihe von Niederlagen. Ministerpräsident Togo wurde ungeduldig. Jetzt benötigte er die neue Waffe dringend, um das Kriegsglück zu erzwingen. Als aber am 9. Juli 1944 die US-Truppen Saipan besetzten, dankte er ab.

Es folgte das Jahr 1945. Tokio erlebte einen strengen Winter, die Bewohner froren und hungerten. Trotzdem lief der „Ni-Plan” immer noch weiter und verschlang enorme Geldmittel — eigentlich für nichts. Im Frühjahr 1945 begann die regelmäßige Bombardierung der japanischen Hauptstadt durch die US-Luftwaffe.

Am 9. März 1945 griffen 279 US-Fernbomber Tokio an. Ein Viertel aller Gebäude der Stadt - und mit ihnen 84.000 Menschen - wurden vernichtet. Auch die Laboratorien Professor Nisinas wurden ein Raub der Flammen, und der „Ni-Plan” war damit praktisch am Ende. Selbst das Kriegsministerium sah dies ein und gab im Mai 1945 das Atombomben-Projekt offiziell auf.

Dann kam am 6. August die Vernichtung Hiroshimas. Die Professoren Nisina, Arahacu und Asada, alle drei Kapazitäten der Nuklearphysik, wurden sofort an den Ort der Katastrophe gerufen, um — wie sie annahmen — zu bezeugen, daß die Stadt durch eine Atombombe vernichtet worden war.

Die Militärs wollten aber etwas ganz anderes von ihnen: Nachdem es den Amerikanern offenbar gelungen war, die Bombe zu bauen, sollte dasselbe auch den Japanern möglich sein. Sie wollten den Physikern jede nur erdenkliche Unterstützung gewähren, den Widerstand fortsetzen und die kaiserliche Familie in den Bergen verstecken, wenn sie innerhalb von sechs Monaten eine eigene Bombe erhielten.

Den Wissenschaftern war diese grenzenlose Unwissenheit der fanatischen Militärs unbegreiflich. Nach längerem Schweigen gab Professor Nisina General Arisue vom Kriegsministerium zur Antwort, in der gegenwärtigen Lage sei es unmöglich, diesen Auftrag anzunehmen. Nicht nur sechs Mo-

„Den Wissenschaftern war die grenzenlose Unwissenheit der fanatischen Militärs unbegreiflich” nate, auch sechs Jahre wären zu wenig, denn es fehle ihnen nicht nur an Uran, sondern auch an elektrischer Energie. Sie hätten — schlicht gesagt — nichts!

Wie bereits erwähnt, hatte die japanische Regierung den alliierten Mächten am 10. August ihre Kapitulationsbereitschaft signalisiert, und am 16. August erteilte Kaiser Hirohito als Oberster Kriegsherr der japanischen Streitkräfte den Befehl zur Feuereinstellung.

Die bedingungslose Kapitulation des Kaiserreichs erfolgte am 2. September 1945 in der Tokio-Bucht auf dem US-Schlachtschiff „Missouri”. Damit war Japan, kaum vier Monate nach der totalen Niederlage des Dritten Reichs in Europa, auch besiegt.

Der Autor ist MUitärhistoriker und Leiter der Stiftung Schweizerische Osteuropabibliothek

Nicht nur wegen der doktrinären Starrheit der späten Stalin-Ära in der Sowjetunion, sondern auch in den USA wurde die Komplexität der politischen und militärischen Wirkungskapazität der Atombombe erst allmählich erkannt. Es entwickelte sich mit zeitlicher Verzögerung ein an den Möglichkeiten nuklearer Rüstung orientiertes strategisches Denken.

Da die amerikanische Verteidigungspolitik nach 1945 von innenpolitisch bedingten personellen und finanziellen Restriktionen gekennzeichnet war, bot sich der

Von RUDOLF HECHT

Aufbau einer militärischen Einsatzkapazität mit Hilfe von Atombomben und einer entsprechenden Einsatzplanung nach dem Vorbild des strategischen Luftkrieges als billigste und scheinbar effizienteste Verteidigungsalternative für die USA an.

Mehr noch als die Planungen amerikanischer Kriegführung in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die sowjetische Konzeption bis zum Tode Stalins mit der im Krieg gegen Deutschland erfolgreich angewendeten massiven Angriffs- und Abnützungsstrategie verbunden.

Die Nuklearwaffe führte nach dem damaligen Verständnis der sowjetischen Führung zu keiner Änderung des Wesens des Krieges; die Atomwaffen wurden vorerst nur als ein Mittel erhöhter Feuerkraft akzeptiert.

In den USA war der Anknüpfungspunkt der Kritik an den Kriegsplänen der vierziger Jahre, daß es zum Korea-Krieg gekommen war und die dortigen hohen Personalverluste nicht hatten verhindert werden können. Es wurde erst allmählich verstanden, daß die Abschreckung mittels der vorhandenen amerikanischen Atomrüstung gegen den begrenzten Krieg nicht glaubwürdig sein konnte und die konventionelle Komponente zu gering war, um an allen potentiellen Konfliktpunkten genügend präsent sein zu können.

Die Folge war eine Aufteilung der strategischen Funktionen zwischen den USA und ihren nicht-nuklearen Verbündeten durch die neue Administration von Präsident Dwight D. Eisen-hower (1952-1960): Die USA sollten den Ausbau der nuklearen Komponente als Mittel des allgemeinen Krieges besorgen, während begrenzte, lokale Angriffe primär durch die Allüerten abzuwehren gewesen wären.

Diese Prämissen führten zum strategischen „New Look” und der Doktrin der „Massive Retalia-tion” (Massive Vergeltung). Auch hier war zunächst eine begrenzte, lokale und kollektive Verteidigung vorgesehen; erst bei deren Versagen sollte die massive nukleare Vergeltung folgen.

Ende der fünfziger Jahre wurde immer deutlicher Kritik an der Doktrin der „Massiven Vergeltung” wegen ihrer offenkundigen Wirkungslosigkeit zur Abschrek-kung gegen den begrenzten Krieg geübt. Schon zu Beginn der Kennedy/Johnson-Administration (1960-1968) wurde die strategische Doktrin der „Flexible Response” (Flexiblen Reaktion) formuliert, womit die „Massive Vergeltung” nicht abgelöst, sondern durch flexible Optionen für den begrenzten Konflikt ergänzt werden sollte.

Die neue Doktrin verlangte

• eine hoch überlebensfähige strategische nukleare Komponente für den Zweitschlag;

• flexibel einsetzbare Streitkräfte zur Abdeckung des übrigen Spektrums möglicher Angriffe;

• Kontrollierbarkeit des Konfliktablaufes.

Das Ziel war Krisenstabilität, da Eskalationsdominanz wegen sowjetischer Kernwaffen, die Ziele in den USA selbst bedrohen konnten, nicht mehr erzielbar war.

Aufgrund des damaligen technischen Rüstungsstandes waren die von der „Flexible Response” geforderten zielgenauen Einsatzverfahren gegen feindliche strategische Waffen und begrenzte Optionen zur Abschreckung im begrenzten Konflikt nicht erreichbar. Damit beruht die Abschreckung wieder nur auf der gesicherten Vernichtungsfähigkeit (assured destruction) jedes Teiles der strategischen Offensivwaffen (landgestützte ballistische Interkontinentalraketen, auf U-Booten stationierte ballistische Raketen, schwere Bomber) gegen städtisch/industrielle Ziele in der Sowjetunion.

Die Folge war die Konzeption von Mutual Assured Destruction (MAD = Beiderseits gesicherte Vernichtungsfähigkeit) innerhalb der Doktrin der „Flexiblen Reaktion”. Es wurde erwartet, da strategische Überlegenheit nicht erreichbar schien, daß es auch für die Sowjetunion sinnvoll sein müßte, ein Gleichgewicht der strategischen Rüstung auf der

Basis gegenseitiger Zerstörung zu akzeptieren.

Diese Überlegung führte notwendigerweise zu den Rüstungs-steuerungsverhandlungen SALT (Strategie Arms Limit ations Talks), um ein paktiertes Gleichgewicht zu erzielen.

Abschreckung verschob sich von massiver Entwaffnung zu massiver Vergeltung. USA und Sowjetunion schreckten sich gegenseitig glaubhaft ab, die beiderseitigen Territorien wurden zu unangreifbaren Sanktuarien, die Möglichkeit zur Konfliktaustragung verschob sich von der strategischen auf die regionale Ebene.

In den siebziger Jahren wurde durch Fortschritte der Rüstungstechnik die flexible, begrenzte und reaktionsschnelle Verwendung sowie der zielgenaue Einsatz gegen gehärtete Ziele von strategischen Waffen möglich. Die darauf bauende sogenannte Schle-singer-Doktrin (1974) wurde von Präsident Jimmy Carter 1980 als Präsidentendirektive Nr. 59 gebilligt. Diese Ausformung der Flexiblen Reaktion bedeutet:

Abschreckung als Ziel

Abschreckung, das grundlegende Ziel der USA, muß lückenlos auf strategischer wie nicht-strategischer Ebene gewährleistet sein. Die USA müssen über derartige ausgleichende strategische Optionen verfügen, daß ein Gegner überzeugt werden kann, ein Krieg wäre von ihm nicht zu gewinnen.

In der Sowjetunion wurde eine strategische Debatte erst nach dem Tode Stalins möglich. Hier stellte sich die Kritik in Gegensatz zur Theorie Stalins, wonach dem Faktor Überraschung nunmehr entscheidende Bedeutung zugemessen wurde. Von dieser Prämisse leitete sich die Grundüberlegung der neuen Militärdoktrin her:

Die Sowjetunion muß dem Angriff eines Gegners mit eigener Reaktion zuvorkommen. Das Ziel dieser Initiativstrategie, die einem überraschenden Nuklearangriff entscheidende Bedeutung zuerkannte, war Schadensbegrenzung, seither ein zentraler Faktor sowjetischer Überlegung.

Um diese Schadensbegrenzung zu erreichen, war nach dieser Konzeption die Zerschlagung der feindlichen Streitkräfte primäres Ziel militärischer Operationen. Die Offensivkräfte des Gegners mußten noch in den Ausgangsstellungen vernichtet werden. Ein wesentliches Erfordernis hiezu waren große, konventionelle Landstreitkräfte, über das Maß der Abschreckung hinaus als Voraussetzung für den Sieg.

1958 wurde diese Initiativstrategie durch das Abgehen vom bisherigen Prinzip ausgewogener Streitkräfte zum Primat der Raketen- und Nuklearwaffen geändert. Dieses Einheitskriegskonzept postulierte die kampfentscheidende Bedeutung der Anfangsphase des Krieges, den kurzen Krieg.

1960/61 kam es zur Änderung der Militärdoktrin weg vom Einheitskriegskonzept der unbedingten Eskalation zum allgemeinen Krieg durch vermehrte Beachtung begrenzter und lokaler Kriege. Seither unterscheidet die sowjetische Kriegstypenlehre zwischen Weltkrieg, lokalem Krieg und Volksbefreiungskrieg.

Nach dem Sturz von Chruschtschow blieben die Nuklear- und Raketenwaffen Hauptmittel zum Sieg, es setzte sich aber wieder der Grundsatz der harmonischen Entwicklung der Streitkräfte durch. Die Streitkräfte hatten nunmehr vorbereitet und imstande zu sein, in jedem denkbaren Krieg zu siegen.

Der Erstschlag gegen feindliches Atompotential als Mittel eigener Uberlebenssicherung und Schadensreduzierung wurde nachdrücklich herausgestellt. Entsprechend der langfristig evolutionären Entwicklung der sowjetischen Militärdoktrin muß seither zwischen allgemeinem und begrenztem Krieg unterschieden werden.

Der allgemeine Krieg wird dabei als totaler Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion verstanden, als letzte Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Kapitalismus.

In vermehrtem Maße wird aber die Möglichkeit eines begrenzten Krieges, auch eines nur konventionell geführten, akzeptiert und von der Vermeidbarkeit des allgemeinen Krieges gesprochen. Aber der Nachdruck liegt auch weiterhin im begrenzten Krieg auf nuklearer Kriegführungsfähigkeit; wobei jedoch seit Ende der siebziger Jahre zunehmend stärker die Vermeidbarkeit der Eskalation in die nukleare Dimension im begrenzten Krieg betont wird. Hier wird insbesondere ein möglicher Konflikt mit der NATO bedacht, deren nuklearer Gegenschlag konventionell unterlaufen werden könnte.

Bisher hat die gegenseitige Abschreckung zwischen USA und Sowjetunion und zwischen beiden Paktsystemen in Europa durch die beiderseits bestehende Erkenntnis, sich angedrohtem Schaden nicht entziehen zu können, falls man eigene Ziele offensiv zu erreichen suchen sollte, zweifellos konfliktreduzierend und kriegsverhindernd gewirkt.

Die gegenwärtige amerikanische Administration hat die bereits durch Forschungsprogramme untermauerte Frage gestellt, ob es nicht sinnvoller wäre, Abschreckung durch strategische Verteidigung (SDI) zu erzielen und nicht mehr „assured destruction” (gesicherte Vernichtungsfähigkeit), sondern „assured survi-val” (gesicherte Uberlebensfähigkeit) anzustreben.

Ob aber mehr Sicherheit erreichbar sein wird, wird nicht zuletzt von rationaler strategischer Politik abhängen, die strategische Doktrin, strategische Rüstung und Rüstungskontrollpolitik als Ganzes sieht.

Der Autor ist Leiter der Forschung am Institut für strategische Grundlagenforschung an der Landesverteidigungsakademie in Wien.

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