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alten Kulissen

werden wird), und der romantischen deutscheR Oper gilt die be- · sondere Liebe, die mit Weber und Schubert und eventuell einer Fortführung der Grazer Wagner-Tradition mit dem Holländer und dem Tannhäuser ihre temporäre Erfüllung finden soll.

Ob man sich irgendwann sogar an Verdis Otello wagen könne, liege - so sagt Brunner - einzig und allein beim neuen Grazer Startenor Müller-Lorenz.

Das heißt also für die Oper zumindest zum Anfang der Ära Brunner, daß man - mit Ausnahme der Übernahmen - auf die reine Belcanto- Oper verzichten wird. Erst im dritten Jahr seiner Intendanz denkt man an Rossini und eben Mozart. Daneben (aber laut Dramaturgie nicht „daneben") steht die Operette, die als klebriger Leim für zaghaft tapsende Publikums-Adepten anderer Schichten dienen muß.

Im ersten Jahr gibt's einmal den Vogelhändler neu, in den folgenden Jahren kommen eine Fledermaus und anderes von Millöcker, Suppe und Zeller hinzu. Das Muß an MehrPublikum und an Mehr-Einnahmen verbrämt und edelt die Aussage, es sei eine besondere Pflicht, die klassische österreichische Operette zu bewahren. Na, und da man annimmt, daß Operette für die einen als Köder zum Theaterbesuch dienen könne, wiid man (auch) Musicals machen: heuer einmal „Chicago", später einmal noch eins und dann noch eins. Viele (diedasThea-

ter an der Wien sich nicht schon gesichert hat) Publikumsmagneten gäbe es ohnedies nicht mehr, und außerdem die Ausstattungskosten . .

„Der neue Theaterspielplan ist kühn und ohne Netz gemacht"

Und natürlich das Ballett, das dem bald ehemaligen Chef des Wiener Opernballetts besonders am Herzen liegt, das aber auch dem Grazer Publikum nach den großartigen Erfolgen Orlikovskys viel näher gerückt ist als in den Jahren davor: das Ballett, so meint Brunner, sei bisher radikal konservativ gewesen, nun sei es an der Zeit, es radikal modern zu machen. Ballett soll nicht mehr Mitläufer sein, sondern besonderer Publikumsmagnet, besondere Attraktion und sogar möglicher Export-Artikel der Grazer Bühnen in andere Staaten. Und hier werden dieselben Regeln gelten wie in Oper und Schauspiel: es sei nicht so sehr wichtig, was gespielt werde, sondern wie etwas gespielt werde. Ob das tatsächlich allein die leeren Sitze füllen hilft, wird abzuwarten sein.

Den Spielplan für die nächste Saison, wie er für das Schauspieihaus verlautbart wurde, bezeichnen die Verantwortlichen als kühn und ohne Netz geplant. Vielleicht sei er sogar zu kühn, ergänzt Brunner, und vielleicht ein wenig zu „deutsch". Und die insistierende Frage befördert zunächst als Sforzando zutage, daß man bewußt an einer österreichischen Sprechbühne eine deutsche Akzentuierung im Ensemble, im Spielplan, als Gegenstück zu Wien gewählt habe, um dann in einem Diminuendo einzugestehen, daß es sich bereits so füge, daß der aus Freiburg stammende und in Frankfurt zuletzt werkende Schauspieldirektor zu

„verösterreichern" und von Graz aus zu denken beginn·e. Marc Günther hat einen gemischten, aber 'Qeachtlichen Spielplan vorgelegt, dem er jüngst - nach heftigen Protesten aus dem Publikum - auch noch · rasch ein Konzept für ein Kinder- und Jugendtheater hinzugefügt hat.

So wird es im ersten Jahr neben" einer Rosei-Uraufführung („Tage des Königs") vier österreichische Erstaufführungen (Lasker-Schüler - „Ichundlch", Kerstin Specht „Das glühend Männla", Walter Serner „Pasada" , Julien Green „Ein Morgerf gibt es nicht") geben und dane:.. ben noch Klassisches und auch Ballett. Späterhin ist, wohl weil Graz die heimliche Hauptstadt der ARGE Alpen-Adria ist und den „Mitteleuropa "-Gedanken besonders pflegt, an die Öffnung in die umgebenden Regionen gedacht: italienische Autoren (etwa Italo Svevo) werden. geplant, slawische oder zumindest slowenisch sprechende Regisseure und Dramaturgen werden eingebunden, Partnerschaften, die auch die Oper beabsichtigt, mit den Theatern von Maribor u1;1d Ljubljana eingegangen - und Günthers italienische Frau hilft mit bei Neuübersetzungen. Der temporäre Verlust der Nebenbühnen drückt natürlich die Quote der Experimentalstücke gewaltig. Da. derzeit (tind wohl für. zwei, dundrei Jahre) der Um- Neubau von Nebenbühnen in der traditionsreichen Grazer Thalia vorangetrieben wird, müssen die alten Nebenbühnen als Probenlokale zur Verfügung stehen.

Ganz neu für Grazer Theaterverhältnisse ist die bewußt geplante Öffnung der Bühnen zur Öffentlichkeit hin. Budgetmittel wurden umgeschichtet und in ein neues, EDV-gestütztes Kartenverkaufssystem, das Terminals in allen regionalen Zentren besitzt, und in ein effizient wirkendes Marketingund Werbekonzept investiert. Ein renommierter Mitarbeiter einer noch renommierteren internationalen Werbeagentur fungiert als Consultant in diesen Berei- · eben, durch die ganz besonders die Jugend, die Studenten und die bisher Theater-Uninteressierten zum Besuch der Vorstellungen animiert werden sollen. Hilfsmittel dabei sind neben dem effektuierten Kartenverkauf eine neue Staffelung der Eintrittspreise (unter Abschaffung der nunmehr funktionslos gewordenen Thea tergemeinschaf ten), die Einführung von Matineen und begleiten-

den Symposien, Kinder-TheaterNachmittage und wirtschaftlich neuorganisierte Abstecher in die steirischen Provinzen. Daß über all den Vorhaben natürlich die große Klage wegen der finanziellen Situation steht, ist wohl ein Spezifikum aller subventionierten Theater: die rund 36 Millionen Bundes ·subventionen sind nicht valorisiert (was derzeit pro anno effektiv einen Kapitalverlust von fast einer Million Schilling darstellt), Pensionen, Orchester und Abferti.gungen seien so große Lasten, daß bloß rund 14 Prozent des Budgets variabel zur Verfügung stehen.

Trotz 'einer Entschuldigungsaktion der Eigentümer Land Steiermark und Stadt Graz per September 1990 wird es auch in der Zukunft nicht möglich sein, etwa die Drehbühne des Schauspielhauses zu reparieren, zumindest eine zweite Bühnentechniker-Schicht zu verpflichten oder „Stars" für Bühne oder Pult zu engagieren. So wird eben die erste Saison des BrunnerTeams nicht nur eine Nagelprobe für Publikumsakzeptanz und Spielplangestaltung sondern ebensosehr auchfürdieQualitätdeswirtschaftlichen Bemühens werden.

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