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Amoralische Despotie

Die nunmehr verfugte Deportation von Nobelpreisträger Andrej Sacharow ist weit mehr als der gewohnte Ubergriff des Sowjetregimes gegen eine Persönlichkeit, die sich für verfolgte Mitbürger einsetzt. Es ist die Beseitigung des letzten Symbols von Hoffnungen auf mehr Menschlichkeit, politische Mündigkeit und bürgerliche Freiheit im kommunistischen Herrschaftsbereich.

Es ist der offene Rückfall in die fünfziger Jahre, der allem Anschein nach mit einem Schlage vernichtet, was menschlicher Opfergeist und selbstvergessenes Sendungsbewußtsein dem Apparat der Unterdrückung in einer ungleichen Auseinandersetzung abgerungen haben.

Es bedurfte erst der letzten entscheidenden Beschlüsse im Kreml, um den Beweis zu erbringen,, daß friedliche Handreichung mit dem Westen so lange ein taktisches Manöver bleibt, als die Konsequenzen echter Detente im Innern und in der Beziehung zur übrigen Welt fehlen.

Das sowjetische Abenteuer in Afghanistan und die Exilierung Sacha-rows sind Ereignisse, die nicht voneinander zu trennen sind. Beides ist

auf lange Sicht geplant gewesen. Der Invasion mußten die Maßnahmen gegen den Lenin- und Stalin-Preisträger, den „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe", das jüngste Mitglied der Akademie der Wissenschaften, auf dem Fuße folgen, nachdem die letzten Rücksichten auf die Weltmeinung gefallen waren.

Beides entspricht der sowjetischen Strategie, wie sie von Lenin entworfen, von Stalin rücksichtslos, von Chrustschow grobschlächtig, von Breschnew verfeinert und versteckt gehandhabt worden ist.

Dabei haben die Machthaber im Kreml, politische wie militärische Führer, niemals verschwiegen, Wonach ihnen, der Sinn steht. Selbst in der Geburtsstunde der Entspannung hat Breschnew vorausgesagt: „Die Entspannung schafft die günstige Voraussetzung für die Ausbreitung der Ideen des Sozialismus."

In der Dritten Welt hat sodann Waf-fen-„Hilfe", mit ostdeutschen und kubanischen Söldnertruppen und schließlich mit eigenen Streitkräften gewährt, der „Ausbreitung der Ideen" nachgeholfen, was schließlich auf ein und dasselbe hinausläuft.

Gerechtfertigt wurden Unterdrük-kung im Innern und Expansion nach außen durch die akrobatische Begriffsaufspaltung von Entspannung in Kooperation und friedliche Koexistenz mit dem Westen auf der einen Seite und in Fortbestand des ideologischen Kriegszustandes auf der anderen. Sacharow hat warnend seine Stimme erhoben, daß es keine Entspannung geben könne, wenn sich die Sowjets in Angola festsetzten, und später wies er auf den Wider-

spruch von Detente und Invasion in Afghanistan hin.

Unter diesen Voraussetzungen war das Entspannungsbekenntnis im Kreml nichts anderes als ein Täuschungsmanöver, das, wenigstens vorübergehend, seinen Zweck erreicht hat: Selbsttäuschung bei den politischen Gegnern, die Moskaus Bekenntnisse so genommen haben, wie sie ausgesprochen worden waren. Wäre der Kreml tatsächlich in die versprochene Epoche des Verständnisses und der Toleranz eingetreten, dann hätte sich das wenigstens im Innern zeigen müssen.

Die fortschreitende Entspannung verschärfte allerdings in Wirklichkeit die Unterdrückung der Menschenrechtskämpfer. Die weltbekannten Dissidenten sitzen nahezu ausnahmslos hinter Gittern, manche von ihnen, wie Juri Orlpw und Anatoli Schtscharanski, wurden in Schauprozessen abgeurteilt. Andere, wie Solschenizyn oder zuletzt Twerdoch-lebow, wurden ins Ausland abgeschoben, wo sie ihre revolutionäre Wirkung verlieren müssen. Auch „offizielle Dissidenten", so genannt, weil sie sich mit dem Regime in irgendeiner Weise arrangiert haben (Roy Medwedew und Lew Kopelew), müssen jetzt mit Verhaftung rechnen.

Sacharow hat in den letzten Jahren eine gewaltsame Aktion der Partei gegen sich selbst nicht ausgeschlossen. Doch das Ziel unermüdlicher Aktivität stand ihm stets höher als die persönliche Sicherheit.

Bis zum 22. Jänner 1980 war die bescheidene Wohnung des Gelehrten im siebenten Stock einer Mietskaserne am Moskauer Ring schräg gegenüber dem Kursker Bahnhof das

JnjlSlliB.die Fäden aller Art von Widerspruch zusammengelaufen sind. Bei Sacharow sammelten sich die Hilferufe von vielen Unbekannten, die unter dem „fortschrittlichsten, Gesellschaftssystem der Geschichte" zu leiden hatten. Insofern war Sacharow, besonders nach Sol-schenizyns Ausweisung, zum Symbol des inneren Widerstandes geworden, das gleichsam auch als Sprachrohr in den Westen diente.

Nun ergießt sich über den Nobelpreisträger der Schmutz von Anschuldigungen, wie er nur von einer amoralischen Despotie erdacht werden kann. Der leidenschaftliche Patriot wird zum Verräter, zum Handlanger des Westens, nur weil er Bedrängten Hilfe leisten will. Er ist im Schmähkatalog Gesinnungsfeind, nachdem er schon in seinen Memoranden von 1970 und 1972 die Theorie der Konvergenz, der Annäherung beider Welten, vertreten hat, was dem ideologischen Diktat vom Fortbestand der weltanschaulichen Auseinandersetzung widerspricht.

Nun hat der innere Widerstand seinen Mentor verloren. Im abgeschiedenen Görki fehlt die Verbindung zu Leidensgenossen und zur freien Welt. Für kurz scheint das Ziel erreicht: Die Pax Sovietica im Inneren, ein Friede, welcher der Stille von Friedhöfen weit näher liegt als die einhellige Zustimmung, wie sie von der Partei erstrebt wird.

Auf lange Frist läßt sich der von Sacharow entfachte Funke freilich nicht mehr ersticken. Militärische und polizeiliche Stärke wirken nicht ewig, wenn die Uberzeugungskraft fehlt. Die Wirtschaft liegt im argen, zumal jetzt westliche Unterstützung ausbleibt. Demoralisierung in der Bevölkerung ist weit stärker als Kräfte in der Gesellschaft, welche die Ankunft des „neuen Menschen" als Idealbild sowjetischer Uberzeugung erwarten.

Terror und Unterdrückung sind schließlich ebensowenig Zeichen der Stärke wie das Säbelrasseln der Militärs, besonders jetzt, da die Ära Breschnew zu Ende geht und der Diado-chenkampf um die Nachfolge eingesetzt hat.

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