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An einem Tag

Edwin Wolfram Dahl hat seinen sechsten Gedichtband veröffentlicht - wieder die Atemlosigkeit eines Ausgelieferten. Der Salto Mortale ins Wort. Ohne Netz. Zuschauer bleibt da keiner. Man wird mithineingezwungen in den Ablauf eines Tages, eines Augenblicks. Wegzulassen ist an dieser Poesie nichts mehr. In wenigen Worten hämmert Dahl Wesentliches. Um das Fürchten zu lernen, braucht er nicht mehr auszuziehen. Er komprimiert es in einem Wort, wenn's sein muß, in einem Schweigen, „kryptentief".

Den Gedichten, in denen er sich mit „den Deutschen" auseinandersetzt, geht ein Text von Friedrich Hölderlin voraus: „... und wehedem Fremdling, der aus Liebe wandert und zu solchem Volke kommt".

200 Jahre später rechtet Dahl mit dieser „heiligscheinigliedervölki-schen Stammtisch-Nation", ihren „friedlichen Bürgern", rechtet, wie wohl auch Hölderlin, aus Trauer, aus Liebe, wo er keine erwarten darf. „Nimmst deinen Schatten du an?" ist die letzte Frage an sein Volk, bevor er still wird.

Dahl ist ein Verwandter ersten

Grades von Georg Trakl, von Christine Lavant. Das Gedicht an ihrem „Mondspindelgrab", wo er um ihre Heiligsprechung bittet, ist eines der schönsten des Bandes.

„Was bleibet aber -?" Zeit zum Atmen, Fragen über Fragen und die „schrecklich schönen Hoffnungen", die die Engel uns bereiten.

AN EINEM EINZIGEN TAG. Von Edwin Wolfram Dahl. Otto Müller Verlag, Salzburg 1991.96 Seiten, öS 210,-.

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