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Angst und Hab

Das chronische Verkehrschaos in den Straßen der ceylonesischen Hauptstadt Colombo ist einer gähnenden Leere gewichen. Postbüros, Banken, Supermärkte und Kinohäuser, die früher zwölf Stunden am Tag Massen von Kunden bewältigten, werden nur mehr im dringendsten Notfall aufgesucht. Alle öffentlichen Gebäude werden von bewaffneten Wächtern abgeschirmt.

Doch trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ertönen fast täglich Alarmsirenen, entweder, weil tatsächlich eine versteckte Zeitzünderbombe explodierte, oder aufgrund eines anonymen Warnrufs.

Sri Lankas Leiden ist seit bald zwei Jahrzehnten dasselbe und wird wahrscheinlich auch in naher Zukunft keine Besserung finden.

Die nach dem britischen Abzug sozial und wirtschaftlich diskriminierten drei Millionen Tamilen im Norden und Osten der Insel verlangen von der Regierung, der fast ausschließlich Singhalesen, Vertreter der Mehrheitsbevölkerung, angehören, mehr verfassungsmäßige Eigenrechte. Dazu gehören im wesentlichen eine eigene Provinzadministration, ein sprachlich und religiös selbständiges „Homeland“, Landrechte für die Minderheitsbevölkerung und eine eigene Polizeimacht zum Schutz gegen ethnische Unstimmigkeiten.

Die Bedenken des srilankischen Präsidenten Julius Jayawardene gegen eine solche „faktische Trennung“ der Insel sind ebenfalls klar definiert: Für die rasch expandierende Bevölkerung im Süden, mehrheitlich Singhalesen, müssen auch im Norden Siedlungsmöglichkeiten bestehen. Schließlich ist die Ostküste der Insel für Sri Lankas Fischindustrie überlebenswichtig, und Colombo möchte hier freien Zugang haben.

Deshalb verbreitet Jayawardene immer wieder die Theorie, die Tamilen in der Batticaloa-Ge-gend, die im Gegensatz zu den hinduistischen Nordbewohnern muslimischen Glaubens sind, seien der singhalesischen (buddhistischen) Mehrheitsbevölkerung „durchaus freundlich gesinnt“ und wünschten weder eine administrative noch politische Trennung der Insel.

Die abweisende Haltung Co-lombos gegenüber den tamilischen Autonomiewünschen haben seit Jahren arbeitslose Jugendliche im Norden zum Vorwand genommen, ihre Sonderrechte mit der Waffe in der Hand zu erkämpfen. Ihre Nachschubbasis ist die Stadt Madras in Südindien. Wegen Sympathien, die dort zugunsten der leidenden Brüder auf der Nachbarinsel herrschen, kann die indische Zentralregierung unter Rajiv Gandhi die nächtlichen Uberfälle von Südindien nach Sri Lanka nur beschränkt unter Kontrolle halten. Der Zorn der 50 Millionen indischen Tamilen könnte Rajiv Gandhi im Süden das Genick brechen.

. Durch diese Bewegungsfreiheit hat die srilankische Tamilen-Guerilla jedoch strategisch eine günstige Ausgangsposition. Zusätzlich fühlen sie sich im nördlichen Sri Lanka, wo die tamilische Bevölkerung vor den Angriffen der singhalesischen Armee Angst

Sri Lanka: Teilung der Insel? hat, auch als „Freiheitskämpfer“.

Fünfzig, sechzig oder gar hundert Tote pro Tag, darunter Frauen und Kinder, sind in der letzten Zeit, in der Region um die Stadt Trincomalee, keine Seltenheit. Tamilen-Kämpfer überfallen Bauern auf dem Feld, am selben Tag zerren singhalesische Bürgerwehren tamilische Buspassagiere aus ihrem Fahrzeug, entführen sie in den nahegelegenen Dschungel und massakrieren sie.

Angst und Haß haben auf Sri Lanka soweit geführt, daß auch die ständigen Bemühungen des indischen Friedensvermittlers, die beiden ceylonesischen Streitparteien doch noch zu einer Lösung ihrer Autonomiefrage zu bewegen, als hoffnungslos erscheinen. Die Tamilen-Guerilla spricht heute nur noch von einem tamilischen unabhängigen Staat „Ee-lam“ als Endziel.

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