juwelen zackenbarsch - © Foto: iStock / Michel VIARD

Barsche Farbenlehre

1945 1960 1980 2000 2020

Wie uns Phänomene am Juwelen-Zackenbarsch an unsere verschütteten Talente und Möglichkeiten erinnern.

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Wie uns Phänomene am Juwelen-Zackenbarsch an unsere verschütteten Talente und Möglichkeiten erinnern.

Wenn man etwas oder jemanden kennenlernen will, geht das nur sehr schlecht über Hörensagen. Das ist auch bei Farben und Naturphänomenen so. Wenn jemand etwa jauchzt: „Das ist so grün wie der Frühling in Nötsch!“, dann kann niemand etwas mit diesem Satz anfangen, es sei denn, er oder sie waren schon in Nötsch im Frühling. Nicht einmal tausend Blätter von Nötscher Bäumen - nach Wien verbracht - könnten vermitteln, wie grün es dort tatsächlich ist. Man muss also zumindest bei Farben (und bei Menschen) dorthin gehen, wo sie wirklich sind, wenn man sie empfinden möchte.

Oft stößt man dabei auf Überraschungen - etwa, dass sich das Erwartete in etwas vollkommen Unerwartetes verwandelt. Das ist auch bei jenem Korallenfisch der Fall, der für sein Farbenspiel berühmt ist und dadurch zu einer der meistabgebildeten Fischarten wurde. Der Juwelen-Zackenbarsch scheint sein Purpurrot mit blauen Tupfen extra für Fotografen entwickelt zu haben. Man erwartet aufgrund der Pracht, dass einem die Juwelenbarsche seemeilenweit entgegenleuchten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Fisch scheint sich in einer Entfernung von wenigen Metern plötzlich in Nichts aufzulösen.

Wenn man etwas oder jemanden kennenlernen will, geht das nur sehr schlecht über Hörensagen. Das ist auch bei Farben und Naturphänomenen so. Wenn jemand etwa jauchzt: „Das ist so grün wie der Frühling in Nötsch!“, dann kann niemand etwas mit diesem Satz anfangen, es sei denn, er oder sie waren schon in Nötsch im Frühling. Nicht einmal tausend Blätter von Nötscher Bäumen - nach Wien verbracht - könnten vermitteln, wie grün es dort tatsächlich ist. Man muss also zumindest bei Farben (und bei Menschen) dorthin gehen, wo sie wirklich sind, wenn man sie empfinden möchte.

Oft stößt man dabei auf Überraschungen - etwa, dass sich das Erwartete in etwas vollkommen Unerwartetes verwandelt. Das ist auch bei jenem Korallenfisch der Fall, der für sein Farbenspiel berühmt ist und dadurch zu einer der meistabgebildeten Fischarten wurde. Der Juwelen-Zackenbarsch scheint sein Purpurrot mit blauen Tupfen extra für Fotografen entwickelt zu haben. Man erwartet aufgrund der Pracht, dass einem die Juwelenbarsche seemeilenweit entgegenleuchten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Fisch scheint sich in einer Entfernung von wenigen Metern plötzlich in Nichts aufzulösen.

Immer mehr bekommt man den Eindruck, unser Gesellschaftssystem macht aus unseren bunten Fähigkeiten monochrome Eintönigkeit.

Das hat mit der Farbe Rot zu tun, die sich im Wasser ab einer geringen Tiefe und im Abstand weniger Meter in Braun verwandelt, das mit der felsigen Umgebung des Fisches verschwimmt. Die blauen Punkte lösen dazu noch die Umrisse und Konturen des Fisches auf.

So verfolgt das für uns Bunteste und Sichtbarste also eindrucksvoll unsichtbare Zwecke im Habitat aus nicht unwichtigem Motiv: Wer nicht gesehen wird, wird auch nicht gejagt. Biologen nennen dieses Phänomen Somatolyse. Das Ganze funktioniert selbstverständlich nur, wenn die Farben der Umgebung die optische Täuschung unterstützen.

Es stimmt vermutlich, wenn man behauptet, dass unsere menschlichen Talente und Fähigkeiten eine ähnliche Vielgestalt und Buntheit aufweisen, wie das Äußere der Juwelenbarsche. Menschen sind in ihren Anlagen prächtig, divers in ihren Möglichkeiten und ihrem Erfindungsreichtum. Ein jeder hätte tausend Möglichkeiten, ein Leben in der ihm oder ihr gerechtesten Weise zu führen. Doch dann wird diese Vielfalt in einem Einheitsbrei aus gleichgeschalteter Bildung und Arbeitswelt ertränkt. Es ist so, als ob unser Fischlein erblasst oder das Frühlingsgrün der Wälder von Nötsch, das hunderte Facetten und Schattierungen dieser Farbe hervorbringt, ein einziges Gagerlgrün bieten würde. Was bleibt da noch an Möglichkeit zur Erreichung individuellen Glücks? Eine Vielgestalt unter Regentschaft einer gesellschaftlichen Somatolyse - eine gefährliche Farbenleere.

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