Brennnessel - © Foto: iStock/whitemay

Der Elan der Brennnessel

1945 1960 1980 2000 2020

Brennnessel und Demokratie haben viel gemeinsam. Sie sind unscheinbar und scheinbar auch wehrlos. Aber gerade ihre Feinde und Krisen machen sie stärker.

1945 1960 1980 2000 2020

Brennnessel und Demokratie haben viel gemeinsam. Sie sind unscheinbar und scheinbar auch wehrlos. Aber gerade ihre Feinde und Krisen machen sie stärker.

Für den genialen Verehrer der Natur, Albrecht Dürer, war sie eine Gabe Gottes – und so hat er sie einem Engel in die Hand gezeichnet, der Richtung Himmelsthron unterwegs ist. Heute ist die Brennnessel vom heiligen Gewächs zum Unkraut herabgekommen. Nur wenige wissen, dass sie die Menschen mit ihren weichen Fasern gekleidet, mit ihrem Blattgrün ernährt und ihnen mit lebenswichtigen Stoff en, Vitaminen, Spurenelementen, Ölen zu Wohlbefi nden und Gesundheit verholfen hat. Ein Jungbrunnen für die Alten, ein Lebenselixier für die Siechen.

Vielleicht wird man in diesen düsteren Zeiten zu ihr zurückkehren, denn die Brennnessel ist frei von jeder Infl ationsgefahr: Sie ist immer da und mit einfachsten Mitteln verwertbar. Nicht Krieg noch unterbrochene Lieferketten können ihr etwas anhaben. Sie steht vor der Haustür und wartet auf Wiederentdeckung.

Die Freundschaft zum Philosophen

Die Brennnessel unterhält auch eine Freundschaft zu den Gedanken des Philosophen Henri Bergson, der wie kein anderer Denker für unsere Zeit und ihre Probleme Rat hat, sei es für Klimakrise, Krieg oder Verwüstung. Er lebte an einer Zeitenwende, hin zu den Weltkriegen. Und was er sagte, könnte er auch am Leben einer Brennnessel abgesehen haben. Er lehrte vom „Elan vital“ einer chaotischen, nicht vorhersehbaren, nicht kontrollierbaren Kraft, die jeden Widerstand überwindet – durch Schöpfungskraft. Es geht da auch um das Element der Angst vor der Unvorhersehbarkeit, das damals wie heute die Welt erobert und in das die Gegenwart getaucht scheint. Es mangelt an der Fähigkeit, auf Krisen in einer nachhaltigen und logischen Form zu reagieren, flexibel zu bleiben, anstatt in Furcht zu erstarren. Hier nun kommt die Brennnessel ins Spiel.

Denn sie trägt eine ungeheure Zähigkeit in sich: Versucht man, sie auszureißen, abzumähen, totzuschlagen, chemisch abzutöten, wird sich herausstellen: Nichts hilft. Denn eine Brennnessel wehrt sich doppelt und dreifach. Sie hat unterirdische Ausläufer, und wenn sie an der einen Stelle abgeschlagen wird, wuchert sie sofort an anderer Stelle. Zusätzlich helfen Tausende von Samen, die sich mit der Reife des Sommers selbst aussäen. So ist das auch politisch mit den Ideen von Menschlichkeit und Freiheit. Man kann versuchen, sie auszulöschen, mit Angriff skrieg und Massenmord. Aber umso mehr das Grauen der Gewalt steigt, desto mehr wird die Pfl anze austreiben. Denn erst das totalitäre Schlachten produziert die Gewissheit bei den Bürgern, dass nur die Demokratie die Veränderung zum Besseren und Höheren und zur Ermächtigung des Individuums gegen jede andere Macht in sich trägt. Und das, obwohl sie schwach und unscheinbar erscheint – so unscheinbar wie die Brennnessel.

Für den genialen Verehrer der Natur, Albrecht Dürer, war sie eine Gabe Gottes – und so hat er sie einem Engel in die Hand gezeichnet, der Richtung Himmelsthron unterwegs ist. Heute ist die Brennnessel vom heiligen Gewächs zum Unkraut herabgekommen. Nur wenige wissen, dass sie die Menschen mit ihren weichen Fasern gekleidet, mit ihrem Blattgrün ernährt und ihnen mit lebenswichtigen Stoff en, Vitaminen, Spurenelementen, Ölen zu Wohlbefi nden und Gesundheit verholfen hat. Ein Jungbrunnen für die Alten, ein Lebenselixier für die Siechen.

Vielleicht wird man in diesen düsteren Zeiten zu ihr zurückkehren, denn die Brennnessel ist frei von jeder Infl ationsgefahr: Sie ist immer da und mit einfachsten Mitteln verwertbar. Nicht Krieg noch unterbrochene Lieferketten können ihr etwas anhaben. Sie steht vor der Haustür und wartet auf Wiederentdeckung.

Die Freundschaft zum Philosophen

Die Brennnessel unterhält auch eine Freundschaft zu den Gedanken des Philosophen Henri Bergson, der wie kein anderer Denker für unsere Zeit und ihre Probleme Rat hat, sei es für Klimakrise, Krieg oder Verwüstung. Er lebte an einer Zeitenwende, hin zu den Weltkriegen. Und was er sagte, könnte er auch am Leben einer Brennnessel abgesehen haben. Er lehrte vom „Elan vital“ einer chaotischen, nicht vorhersehbaren, nicht kontrollierbaren Kraft, die jeden Widerstand überwindet – durch Schöpfungskraft. Es geht da auch um das Element der Angst vor der Unvorhersehbarkeit, das damals wie heute die Welt erobert und in das die Gegenwart getaucht scheint. Es mangelt an der Fähigkeit, auf Krisen in einer nachhaltigen und logischen Form zu reagieren, flexibel zu bleiben, anstatt in Furcht zu erstarren. Hier nun kommt die Brennnessel ins Spiel.

Denn sie trägt eine ungeheure Zähigkeit in sich: Versucht man, sie auszureißen, abzumähen, totzuschlagen, chemisch abzutöten, wird sich herausstellen: Nichts hilft. Denn eine Brennnessel wehrt sich doppelt und dreifach. Sie hat unterirdische Ausläufer, und wenn sie an der einen Stelle abgeschlagen wird, wuchert sie sofort an anderer Stelle. Zusätzlich helfen Tausende von Samen, die sich mit der Reife des Sommers selbst aussäen. So ist das auch politisch mit den Ideen von Menschlichkeit und Freiheit. Man kann versuchen, sie auszulöschen, mit Angriff skrieg und Massenmord. Aber umso mehr das Grauen der Gewalt steigt, desto mehr wird die Pfl anze austreiben. Denn erst das totalitäre Schlachten produziert die Gewissheit bei den Bürgern, dass nur die Demokratie die Veränderung zum Besseren und Höheren und zur Ermächtigung des Individuums gegen jede andere Macht in sich trägt. Und das, obwohl sie schwach und unscheinbar erscheint – so unscheinbar wie die Brennnessel.

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