Krähe - © Foto:iStock / GlobalP

Krähen-Stolz und Vorurteil

1945 1960 1980 2000 2020

Fortschritt beruht auf der Erkenntnis von Irrtümern. In sozialen Netzen geht es aber derzeit zu wie unter Krähen. Die Irrmeinung verbindet inniger als die Wahrheit.

1945 1960 1980 2000 2020

Fortschritt beruht auf der Erkenntnis von Irrtümern. In sozialen Netzen geht es aber derzeit zu wie unter Krähen. Die Irrmeinung verbindet inniger als die Wahrheit.

Raben und Krähen haben einen schlechten Leumund. Immer wieder gibt es Gerüchte, sie seien mord­lustig gegen Hasen und Lämmer und delektierten sich am jungen Kitz. Glatt gelogen sei das, finden die Anhänger der Raben­vögel, die sie als mystische Seelenträger sehen und von ihrer Menschenähnlichkeit schwärmen, da sie Werkzeuge benützen und sehr verständig seien. Man sieht daraus, wie nahe beieinander das böse Gerücht und die positive Übertreibung liegen können. Trotzdem haben Forscher unlängst ein neues Argument für die Existenz des „Raben in uns“ geliefert. Es geht dabei just um Fama und Nachrede. Rabenvögel, so stellt sich heraus, sind wie Menschen zur Verbreitung von Gerücht und Vorurteil fähig.

Ein Forscher in Connecticut, der sich als Affe verkleidete und sich kurze Zeit aggressiv gegen eine kleine Gruppe Krähen verhielt, stellte fest, dass ihn binnen weniger Monate nicht nur die betroffenen Krähen, sondern alle Krähen der weiteren Umgebung mit furchtbarem Geschrei empfingen. Und des Weiteren, dass fortan grundsätzlich alle Menschen in Affenkostüm den gleichen „Applaus“ erhielten.

Man muss da nicht viel überhöhen, die Vögel beherrschen den Mechanismus der induktiven Schlussfolgerung. Sie schließen vom Einzelfall auf das Ganze und erzählen ihre Theorie (Affe ist Feind) auch ihren Freunden weiter. Induktion ist tatsächlich ein menschlicher Zug. Wir formulieren ebenfalls Theorien (Vorurteile auf höchstem Niveau, wenn man so will) und halten sie so lange, bis sie falsifiziert werden. Das mit der Widerlegung können die Krähen, soweit bekannt, nicht. Und das ist gut so, denn damit stiege die Lernfähigkeit dieser Tiere tatsächlich ins Unheimliche an – unter Umständen bis zu Hitchcocks Horrorstreifen „Die Vögel“. Falsifikation macht einen Großteil unseres Fortschritts aus, also das Wechselspiel aus Fehler und Verbesserung, trial and error, Theorie und Überprüfung. Gerade jüngst beim Thema Corona sind in sozialen Medien aber Assimilationen in Richtung Krähe auffällig. Man beharrt da felsenfest trotz klar widersprechender Fakten auf einem Gerücht, einer Meinung, einem Urteil.

Auf der Ergebnisseite sehen wir dann einen bösen Drosten an der Weltverschwörung stricken, Gates am Impfkarussell drehen und die Medien den Mainstream regulieren. Stets basieren diese Geschichten auf dem Bestemm, eine Meinung gegen alle Widersprüche abzuschirmen. Über Ursachen kann man raten. Vielleicht verbindet Menschengruppen der Irrtum inniger und fester als die Wahrheit. Auf der Verlustseite stehen Fortschritt, Erkenntnisgewinn und Gesprächskultur. Stattdessen herrscht krähenartige Induktion, wildes Gekreisch im Facebookkäfig, so laut wie sonst nur in den Bäumen von Connecticut. Zeit, herabzusteigen.

Raben und Krähen haben einen schlechten Leumund. Immer wieder gibt es Gerüchte, sie seien mord­lustig gegen Hasen und Lämmer und delektierten sich am jungen Kitz. Glatt gelogen sei das, finden die Anhänger der Raben­vögel, die sie als mystische Seelenträger sehen und von ihrer Menschenähnlichkeit schwärmen, da sie Werkzeuge benützen und sehr verständig seien. Man sieht daraus, wie nahe beieinander das böse Gerücht und die positive Übertreibung liegen können. Trotzdem haben Forscher unlängst ein neues Argument für die Existenz des „Raben in uns“ geliefert. Es geht dabei just um Fama und Nachrede. Rabenvögel, so stellt sich heraus, sind wie Menschen zur Verbreitung von Gerücht und Vorurteil fähig.

Ein Forscher in Connecticut, der sich als Affe verkleidete und sich kurze Zeit aggressiv gegen eine kleine Gruppe Krähen verhielt, stellte fest, dass ihn binnen weniger Monate nicht nur die betroffenen Krähen, sondern alle Krähen der weiteren Umgebung mit furchtbarem Geschrei empfingen. Und des Weiteren, dass fortan grundsätzlich alle Menschen in Affenkostüm den gleichen „Applaus“ erhielten.

Man muss da nicht viel überhöhen, die Vögel beherrschen den Mechanismus der induktiven Schlussfolgerung. Sie schließen vom Einzelfall auf das Ganze und erzählen ihre Theorie (Affe ist Feind) auch ihren Freunden weiter. Induktion ist tatsächlich ein menschlicher Zug. Wir formulieren ebenfalls Theorien (Vorurteile auf höchstem Niveau, wenn man so will) und halten sie so lange, bis sie falsifiziert werden. Das mit der Widerlegung können die Krähen, soweit bekannt, nicht. Und das ist gut so, denn damit stiege die Lernfähigkeit dieser Tiere tatsächlich ins Unheimliche an – unter Umständen bis zu Hitchcocks Horrorstreifen „Die Vögel“. Falsifikation macht einen Großteil unseres Fortschritts aus, also das Wechselspiel aus Fehler und Verbesserung, trial and error, Theorie und Überprüfung. Gerade jüngst beim Thema Corona sind in sozialen Medien aber Assimilationen in Richtung Krähe auffällig. Man beharrt da felsenfest trotz klar widersprechender Fakten auf einem Gerücht, einer Meinung, einem Urteil.

Auf der Ergebnisseite sehen wir dann einen bösen Drosten an der Weltverschwörung stricken, Gates am Impfkarussell drehen und die Medien den Mainstream regulieren. Stets basieren diese Geschichten auf dem Bestemm, eine Meinung gegen alle Widersprüche abzuschirmen. Über Ursachen kann man raten. Vielleicht verbindet Menschengruppen der Irrtum inniger und fester als die Wahrheit. Auf der Verlustseite stehen Fortschritt, Erkenntnisgewinn und Gesprächskultur. Stattdessen herrscht krähenartige Induktion, wildes Gekreisch im Facebookkäfig, so laut wie sonst nur in den Bäumen von Connecticut. Zeit, herabzusteigen.

FURCHE-Navigator Vorschau