Bartgeier - © Foto: iStock / koekeloer
Animal Spirits

Loslassen auf Geier-Art

1945 1960 1980 2000 2020

Der Bartgeier ist ein König der Lüfte und ein Künstler des Grenznutzens und der Innovation, indem er harte Knochen zu nahrhafter Speise macht.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Bartgeier ist ein König der Lüfte und ein Künstler des Grenznutzens und der Innovation, indem er harte Knochen zu nahrhafter Speise macht.

Lang istʼs her, da war der Geier dem Menschen ein göttlicher Vogel. Vor etwa 4500 Jahren verewigten ihn die Ägypter als Wappentier und als Repräsentation des Kosmos und der Weiblichkeit. Tutenchamun und andere Pharaonen schmückten sich mit ihm und seiner Symbolik. Doch dann ist dieser Vertreter der Habichtsvögel auf den Hund gekommen. Jedenfalls sieht der Evangelist Matthäus­ in den Accipitridae nicht göttliche Huld, sondern ins Federkleid gehüllte Gier, gewürzt mit einer Prise Ekel, da ja „überall, wo Aas ist, sich die Geier sammeln“. So umweht diesen Vogel seit Jahrhunderten der Geruch der Verwesung und verleidet dem Menschen die Sicht auf die nicht geringen Vorzüge dieses Tiers. Nehmen wir als Beispiel den Bartgeier, der auch in den Alpen lebt. Wenn man sich einmal die Kadaver wegdenkt, von denen er sich ernährt, ist das ein Bild von einem Vogel. Man betrachte nur das Kopf-Gefieder im Bild oben. Pfauisch geradezu!

Abgesehen davon ist der Bartgeier ein wirtschaftswissenschaftliches Phänomen. Denn er hat die Konsequenzen des Grenznutzens und die Vorzüge der Innovation besser erfasst als so mancher Mensch. Seine evolutionären Vorfahren mussten sich mit Löwen, Wölfen und anderen klugen Räubern um die Beute streiten. Die Geierahnen wurden verscheucht, verbissen, verletzt. Der Grenznutzen der Beute sank also gemessen am Risiko ihres Erwerbs auf das Existenzminimum des Geiers: Jedes Stück Nahrung mehr als das, was zum Überleben unbedingt notwendig war, schien weniger erstrebenswert. Der Bartgeier behalf sich aus diesem Dilemma mit Innovationskraft. Er entwickelte ein Verfahren, das ihn vom kleinen Opfer eines großen Marktes zum absoluten Marktführer auf einem kleineren Markt macht. Der Bartgeier begann also das zu nutzen, was alle anderen verachteten: Knochen.

Er entwickelte ein Verfahren, diese Knochen zu zerkleinern, indem er sie aus knapp hundert Metern Höhe auf ausgedehnte Felsplatten fallen und dadurch zerbrechen lässt. Das Innovative besteht nicht nur in der Nutzung der Schwerkraft als Werkzeug. Sie beginnt schon bei der Idee selbst: die Beute fallen zu lassen.
Für die meisten Tiere und auch Menschen wäre das absurd. Wie kann man einfach auslassen, was man gerade errungen hat? Wir brauchen schon Meister Eckhart oder Konfuzius, um erinnert zu werden, dass manches Loslassen zum Glück führen kann. In einer sehr rohen Weise freut sich der Geier am Ergebnis dieser Weisheit und am Nährwert der Knochen: 12 Prozent Eiweiß, 16 Prozent Fett, 23 Prozent Mineralstoffe, 50 Prozent Wasser. Das Beste daran: Auf dem Knochenmarkt gibt es keine Konkurrenz und keine Feinde. Und ist das nicht das wirkliche Ziel jeder Marktwirtschaft – loszulassen und in Seelenruhe zu schlemmen?

Lang istʼs her, da war der Geier dem Menschen ein göttlicher Vogel. Vor etwa 4500 Jahren verewigten ihn die Ägypter als Wappentier und als Repräsentation des Kosmos und der Weiblichkeit. Tutenchamun und andere Pharaonen schmückten sich mit ihm und seiner Symbolik. Doch dann ist dieser Vertreter der Habichtsvögel auf den Hund gekommen. Jedenfalls sieht der Evangelist Matthäus­ in den Accipitridae nicht göttliche Huld, sondern ins Federkleid gehüllte Gier, gewürzt mit einer Prise Ekel, da ja „überall, wo Aas ist, sich die Geier sammeln“. So umweht diesen Vogel seit Jahrhunderten der Geruch der Verwesung und verleidet dem Menschen die Sicht auf die nicht geringen Vorzüge dieses Tiers. Nehmen wir als Beispiel den Bartgeier, der auch in den Alpen lebt. Wenn man sich einmal die Kadaver wegdenkt, von denen er sich ernährt, ist das ein Bild von einem Vogel. Man betrachte nur das Kopf-Gefieder im Bild oben. Pfauisch geradezu!

Abgesehen davon ist der Bartgeier ein wirtschaftswissenschaftliches Phänomen. Denn er hat die Konsequenzen des Grenznutzens und die Vorzüge der Innovation besser erfasst als so mancher Mensch. Seine evolutionären Vorfahren mussten sich mit Löwen, Wölfen und anderen klugen Räubern um die Beute streiten. Die Geierahnen wurden verscheucht, verbissen, verletzt. Der Grenznutzen der Beute sank also gemessen am Risiko ihres Erwerbs auf das Existenzminimum des Geiers: Jedes Stück Nahrung mehr als das, was zum Überleben unbedingt notwendig war, schien weniger erstrebenswert. Der Bartgeier behalf sich aus diesem Dilemma mit Innovationskraft. Er entwickelte ein Verfahren, das ihn vom kleinen Opfer eines großen Marktes zum absoluten Marktführer auf einem kleineren Markt macht. Der Bartgeier begann also das zu nutzen, was alle anderen verachteten: Knochen.

Er entwickelte ein Verfahren, diese Knochen zu zerkleinern, indem er sie aus knapp hundert Metern Höhe auf ausgedehnte Felsplatten fallen und dadurch zerbrechen lässt. Das Innovative besteht nicht nur in der Nutzung der Schwerkraft als Werkzeug. Sie beginnt schon bei der Idee selbst: die Beute fallen zu lassen.
Für die meisten Tiere und auch Menschen wäre das absurd. Wie kann man einfach auslassen, was man gerade errungen hat? Wir brauchen schon Meister Eckhart oder Konfuzius, um erinnert zu werden, dass manches Loslassen zum Glück führen kann. In einer sehr rohen Weise freut sich der Geier am Ergebnis dieser Weisheit und am Nährwert der Knochen: 12 Prozent Eiweiß, 16 Prozent Fett, 23 Prozent Mineralstoffe, 50 Prozent Wasser. Das Beste daran: Auf dem Knochenmarkt gibt es keine Konkurrenz und keine Feinde. Und ist das nicht das wirkliche Ziel jeder Marktwirtschaft – loszulassen und in Seelenruhe zu schlemmen?