Murmeltier - © Foto: iStock / Andrea Izzotti
Animal Spirits

Murmelnd in die „Stille Zeit“

1945 1960 1980 2000 2020

Was uns die Murmeltiere über den Advent und die Ruhe beibringen können.

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Was uns die Murmeltiere über den Advent und die Ruhe beibringen können.

In der Epoche der Universalgelehrten im 16. Jahrhundert waren wir dem Murmeltier noch sehr viel näher verwandt als heute. Der große Georg Agricola siedelte den Großnager der Alpen und den Menschen in jener Gruppe von Lebewesen an, die „zeitweise in Höhlen wohnen“. Murmeltier und Mensch teilten sich brüderlich die Bezeichnung „Troglodyt“. Später färbte der Mensch diese Art des Wohnens mit Erdwärme zum schlechten Charakterzug. Heimito von Doderer etwa beschreibt unter „Troglodyt“ den landläufigen Hausmeis­ter und Blockwart, ein Wesen von unterirdischer Gesinnung und Moral. All das hat nicht das Geringste mit tierischen Höhlenbewohnern und noch einmal weniger mit dem Murmeltier zu tun, das geradezu das Gegenteil des „Homo Troglodytus“ vorlebt.

Zumindest das Alpenmurmeltier (Marmota marmota) besticht durch sein äußerst soziales und ausgeglichenes Familienwesen. Es hat aber seinen Platz in dieser Kolumne nicht wegen seiner hingebungsvollen Gruppentätigkeit gefunden, wegen des solidarischen Aufpassens aufeinander vor grausamen Angreifern (sie pfeifen Adlern etwas). Auch nicht weil sie so drollig pelzig sind und ihr Fett unsere Gelenke von allerlei Schmerz bei Arthrosen befreien kann. Sie sind vielmehr hier und jetzt Kolumnenstars, weil sie vorbildliche Adventfiguren sind. Ihre „Stille Zeit“ dauert mindestens drei, manchmal bis zu neun Monate.

In der Epoche der Universalgelehrten im 16. Jahrhundert waren wir dem Murmeltier noch sehr viel näher verwandt als heute. Der große Georg Agricola siedelte den Großnager der Alpen und den Menschen in jener Gruppe von Lebewesen an, die „zeitweise in Höhlen wohnen“. Murmeltier und Mensch teilten sich brüderlich die Bezeichnung „Troglodyt“. Später färbte der Mensch diese Art des Wohnens mit Erdwärme zum schlechten Charakterzug. Heimito von Doderer etwa beschreibt unter „Troglodyt“ den landläufigen Hausmeis­ter und Blockwart, ein Wesen von unterirdischer Gesinnung und Moral. All das hat nicht das Geringste mit tierischen Höhlenbewohnern und noch einmal weniger mit dem Murmeltier zu tun, das geradezu das Gegenteil des „Homo Troglodytus“ vorlebt.

Zumindest das Alpenmurmeltier (Marmota marmota) besticht durch sein äußerst soziales und ausgeglichenes Familienwesen. Es hat aber seinen Platz in dieser Kolumne nicht wegen seiner hingebungsvollen Gruppentätigkeit gefunden, wegen des solidarischen Aufpassens aufeinander vor grausamen Angreifern (sie pfeifen Adlern etwas). Auch nicht weil sie so drollig pelzig sind und ihr Fett unsere Gelenke von allerlei Schmerz bei Arthrosen befreien kann. Sie sind vielmehr hier und jetzt Kolumnenstars, weil sie vorbildliche Adventfiguren sind. Ihre „Stille Zeit“ dauert mindestens drei, manchmal bis zu neun Monate.

Wäre der weise Hesiod ein Murmeltier gewesen, er hätte gemeint: ‚Vor dem Gedeihen haben die Götter den Schlaf gesetzt – nicht den Schweiß.

Sie ziehen sich Ende September in ihren Bau zurück und schlafen dort über den Winter, indem sie ihren Kreislauf so herunterfahren, dass sie nur noch zweimal pro Minute atmen müssen. Sie sind in diesem Sinn viel konsequenter als die Menschen. Letztere waren schon das ganze Jahr aktiv, werden aber ausgerechnet in dem, was sie „Stille Zeit“ nennen, rasend vor Weihnachtsgeschäftigkeit, hetzen von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Punsch zu Punsch und stopfen einander gefühlte eintausend Mal „Last Christmas“ in die Ohren. Im Murmelbau werden die Ersparnisse aus dem Sommer (Fett) hingegen in aller Ruhe konsumiert und es herrscht in feine Graswolle gebettete Stille.

Und ist nicht der menschliche Advent ähnlich geplant gewesen? Dass man die Arbeit zurückschraubt, sich dabei aber nicht arbeitslos fühlt, sondern arbeitsfrei – und sich vor der Kälte draußen in die warme Stube zurückziehen kann. Draußen dämpft der Schnee den Schall und das allein schon führt beim Menschen nachweislich zur Ausschüttung von Glückshormonen: ein Rückzug also in die wohlklingende Stille.

Auch könnte ein solcher Zustand Anlass für eine sanfte Überprüfung sein, etwa ob die Arbeit, die einen ernährt, noch Sinn gibt und Freude macht? Und was könnte aus solchen Überlegungen nicht alles entstehen? Geänderte Lebenspläne, nachhaltige Karrieren, Zufriedenheit. Und das alles ließe uns auch leichter und besser schlafen – wie Murmeltiere im Advent.