Rattenporträt - © Foto: iStock / kozorog

Vom Reichtum der Rattenseele

1945 1960 1980 2000 2020

Selbst wenn Ratten Nahrung in Hülle und Fülle haben, gehen sie ab einer gewissen Bevölkerungsdichte zugrunde. Tierische Abwägungen zwischen Wohlstand und Glück.

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Selbst wenn Ratten Nahrung in Hülle und Fülle haben, gehen sie ab einer gewissen Bevölkerungsdichte zugrunde. Tierische Abwägungen zwischen Wohlstand und Glück.

Die Wanderratte ist nicht gerade ein Sympathieträger – vornehmlich deshalb, weil sie mit Seuchen und Unheil in Verbindung gebracht wird: Pest, Typhus, Ruhr, Salmonellen, Cholera und vielen krankmachenden Abscheulichkeiten mehr. 120 ansteckende Krankheiten sind es insgesamt. Der Rattus norvegicus ist also geradezu das Wappentier dieser durchseuchten Wochen.

Freilich hat die Geschichte auch eine andere Seite, da die Ratte kein von Natur aus verseuchtes Wesen ist. Sie ist es erst, seit sie sich mit unseren Abfällen mästet. Der Mensch produziert davon ja unendlich viel mehr als jedes andere Tier. Und je reicher er wird, desto mehr Müll häuft er auf den Gabentisch der Ratte. Aus dieser Perspektive müsste der Mensch nicht Homo sapiens heißen. Eher würde Homo purgamentiens passen. Purgamentum (Müll) hat zudem ­eine charmante Ähnlichkeit mit Purgatorium (Fegefeuer) – ein Blattschuss in Richtung Hölle auf Erden also. Im Sinn der ­Viren- und Bakterienerzeugung stehen, mit einem Satz, wir selbst am Ursprung der Übertragungsfreude, und unser Ekel vor dem Tier zielt eigentlich peinlich gegen unsere eigene Lebensart.

Abgesehen vom Ekel, der sie begleitet, ist die Ratte in vielerlei Hinsicht ein Ebenbild menschlichen Gemeinschaftsdrangs. Sie lebt in Gruppen, gesammelte Nahrung wird nach Hause geschafft, geteilt und gemeinsam eingenommen, die Nachkommenschaft hingebungsvoll gepflegt. Aber Rattus norvegicus ist auch sensibel und selbstregulierend, was seine Verbreitung betrifft.

Wenn es zu viele von ihnen auf engem Raum gibt, setzt ein seltsames Phänomen ein, das die Forschung als „Verhaltenssenke“ bezeichnet: Leben Ratten zu dicht aneinander, steigt die Aggression exponentiell. Das passiert auch, wenn Nahrungsmittel und Wasser in Hülle und Fülle vorhanden und natürliche Feinde nicht vorhanden sind. Zudem sinkt die Fruchtbarkeit der Weibchen, Männchen verweigern die Paarung. Die Rattengesellschaft stirbt aus. Diese Studien werden gerne auf den Menschen übertragen. Demnach stünde unsere Zivilisation vor dem Aussterben wegen Überbevölkerung und Perversion.

Diese Interpretation ist jedoch etwas zu bestialisch geraten, erstens, weil Menschen keine Ratten sind, und zweitens, weil es doch übertrieben ist, jede Agglomeration als Untergangspunkt der Menschheit anzunehmen. Freilich leben die Ratten etwas anderes vor, das man als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen nehmen könnte: dass nämlich Reichtum (an Nahrung) nicht glücklich macht, sondern unter Umständen unglücklich. Und dass das seelische Gleichgewicht mindestens ebenso wichtig ist wie die körperliche Unversehrtheit. Wenn das nun auch noch Eingang in die Seuchengesetze fände, wer weiß, um wie viel besser wir aus der Krise fänden. Der Ratte sei Dank.

Die Wanderratte ist nicht gerade ein Sympathieträger – vornehmlich deshalb, weil sie mit Seuchen und Unheil in Verbindung gebracht wird: Pest, Typhus, Ruhr, Salmonellen, Cholera und vielen krankmachenden Abscheulichkeiten mehr. 120 ansteckende Krankheiten sind es insgesamt. Der Rattus norvegicus ist also geradezu das Wappentier dieser durchseuchten Wochen.

Freilich hat die Geschichte auch eine andere Seite, da die Ratte kein von Natur aus verseuchtes Wesen ist. Sie ist es erst, seit sie sich mit unseren Abfällen mästet. Der Mensch produziert davon ja unendlich viel mehr als jedes andere Tier. Und je reicher er wird, desto mehr Müll häuft er auf den Gabentisch der Ratte. Aus dieser Perspektive müsste der Mensch nicht Homo sapiens heißen. Eher würde Homo purgamentiens passen. Purgamentum (Müll) hat zudem ­eine charmante Ähnlichkeit mit Purgatorium (Fegefeuer) – ein Blattschuss in Richtung Hölle auf Erden also. Im Sinn der ­Viren- und Bakterienerzeugung stehen, mit einem Satz, wir selbst am Ursprung der Übertragungsfreude, und unser Ekel vor dem Tier zielt eigentlich peinlich gegen unsere eigene Lebensart.

Abgesehen vom Ekel, der sie begleitet, ist die Ratte in vielerlei Hinsicht ein Ebenbild menschlichen Gemeinschaftsdrangs. Sie lebt in Gruppen, gesammelte Nahrung wird nach Hause geschafft, geteilt und gemeinsam eingenommen, die Nachkommenschaft hingebungsvoll gepflegt. Aber Rattus norvegicus ist auch sensibel und selbstregulierend, was seine Verbreitung betrifft.

Wenn es zu viele von ihnen auf engem Raum gibt, setzt ein seltsames Phänomen ein, das die Forschung als „Verhaltenssenke“ bezeichnet: Leben Ratten zu dicht aneinander, steigt die Aggression exponentiell. Das passiert auch, wenn Nahrungsmittel und Wasser in Hülle und Fülle vorhanden und natürliche Feinde nicht vorhanden sind. Zudem sinkt die Fruchtbarkeit der Weibchen, Männchen verweigern die Paarung. Die Rattengesellschaft stirbt aus. Diese Studien werden gerne auf den Menschen übertragen. Demnach stünde unsere Zivilisation vor dem Aussterben wegen Überbevölkerung und Perversion.

Diese Interpretation ist jedoch etwas zu bestialisch geraten, erstens, weil Menschen keine Ratten sind, und zweitens, weil es doch übertrieben ist, jede Agglomeration als Untergangspunkt der Menschheit anzunehmen. Freilich leben die Ratten etwas anderes vor, das man als Ausgangspunkt für eigene Überlegungen nehmen könnte: dass nämlich Reichtum (an Nahrung) nicht glücklich macht, sondern unter Umständen unglücklich. Und dass das seelische Gleichgewicht mindestens ebenso wichtig ist wie die körperliche Unversehrtheit. Wenn das nun auch noch Eingang in die Seuchengesetze fände, wer weiß, um wie viel besser wir aus der Krise fänden. Der Ratte sei Dank.

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