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Antitourismus oder Überfahrten nachO.

IaNach O. wollen Sie? Was wollen Sie dort? Wissen Sie auch, wie Sie von dem gottverlassenen Zipfel wieder herunterkommen? Die Insel gibt es doch gar nicht. Sie finden sie auf keiner Karte (dabei ist sie der Endpunkt einer Inselgruppe, und die Luxus-Liner zwängen sich an ihr vorbei), und weder Miller noch Durreil oder Gaitanides haben auch nur eine Zeile an sie verschwendet. In keinem Inseltraumbuch läuft die Color-Werbung. Sie kommen nicht hin; schon gar nicht seit der Ölver-teuerung. Es lohnt sich auch für die Kleinfrachter nicht mehr, die vielleicht mal hinüberzuckelten. Kurz, O. ist Schabernack, ein Inselmärchen, wenn Sie wollen.

Fahren Sie mit? Vielleicht so: Von der Hauptinsel - üppig, von Jahr zu fahr lärmiger, mit städtischem Zentrum - wollen Sie weg. Daß es, im Nordwesten, O. und andere Inseln gibt, haben Sie irgendwie aufgeschnappt. Kein Hafen am Ende der Straße, der Buslinie. Die Einheimischen verlaufen sich zwischen Hecken und Häusern. Eine windschiefe Mole, ein weißhaariger kleiner, stämmiger Mann in einer Nußschale mit schwankendem Mast. Wolkenbündel wälzen sich draußen: zum ersten Mal sehen Sie dunkle Flek-ken, die die Nadellinie des Horizontes unterbrechen. O., ihre Schwestern oder doch nur Einbildung? Ringsum läuft am weiten leeren Strand Welle um Welle aus.

Die Landratten wollen hinüber. Der alte Mann lehnt ab. Kein gutes Wetter. Die Narren feilschen (vergessen wir nicht: der erste Versuch liegt Jahre zurück, es waren magere Zeiten!); der Handel gilt. Der Alte brummt und schimpft, macht aber das Boot los. Rasch bleiben die Kinder und Senioren-Kiebitze, die herbeigehumpelt waren, an der Mole zurück. Jetzt sitzen Sie auf dem Kasten, unter dem der Motor rasselt und knallt. Dahinter steht der Alte, das Steuer zwischen den Beinen. Bald braucht er beide Hände. Aus den Wellen sind schwarze Wände geworden, die sich plötzlich aufrichten, vorbeischwingen und das Boot in eine schwarze Wanne kippen, die sich in wenigen Sekunden wieder in eine gläsernschwarze Wand verwandelt. Festhalten, den nächsten Guß über sich ergehen lassen - hinter Ihnen das Raubvogelgesicht des Alten, der Wand um Wand ansteuert, blitzschnell zu einem Hebel springt, um den tuckernden und tappernden Motor in Gang zu halten.

Das Festland, jetzt hinter Ihnen, schroffes, zackiges Gebirge, ist verschwunden. Schwärze steht wie eine Glocke über dem Auf und Nieder, Blitze leuchten wie das Aderngeflecht eines riesigen unsichtbaren Körpers auf und zucken mit berstendem Krachen wie glühende Mäander herab. Zur Gischt, die über Sie hinwegspritzt, jetzt auch noch Regen, immer heftiger. Wollen Sie immer noch nach O? Aussteigen würden Sie gerne? Sie wünschen sich fort aus dem Märchen, Schluß mit dem ungleichen Kampf gegen den Magen, klatschnaß wie Sie sind, hoppdi-hopp Welle rauf und runter? Wohin fährt Jorgo, der ganz klein gewordene, ' krummbeinige graue Vogel hinter Ihnen? Feste Schatten zur Rechten, Klippen - Land! Ja aber doch nicht O! Das hieße die Inselphantasten von Defoe bis Herzmanovsky-Orlando verleugnen.

Licht in einem der Häuser hinter dem Landungssteg.. Sie treten ein. Die Männer werfen die Karten auf den Tisch und laufen in den Regen hinaus, um zu sehen, welcher Narr diese Esel bei solchem Wetter nach Mitternacht auf ihre Insel bringt. Pech. Es ist einer der ihren. Jorgo hat E. angesteuert, „seine” Insel, und in seinem Haus werden Sie die Kleider wechseln, Kartoffel schälen und Salat zubereiten, während er Betten macht, denn er ist hungrig und seine Katze auch! Und O.? Ich sagte Ihnen doch schon: Kennt keiner. Die Insel gibt es nicht. Reine Erfindung. Ein

Werbegag für eine Sexstory oder ein Parfüm, Marquise von O. oder so ähnlich. Der Buchstabe sagt es schon. Er steht für etwas, was nicht ist.

II.

.•Wir mußten fort von O. Die schönen Tage ... usw. Geblieben waren wir bis zuletzt, hatten das Postschiff, das vielleicht einmal in der Woche vorbeikam, davonfahren lassen. Bei freundlichem Wetter ist die Uberfahrt zur nächstgelegenen Küste der Hauptinsel mit einem Frachtboot leicht zu arrangieren. In einer der letzten Nächte schlug das Wetter um. Der Wind drückte von den Festlandbergen her das Meer zwischen die Insel, ließ Wellenbuckel nach Wellenbuckel gegen die Felsen anrennen. Die Abmachung, uns überzusetzen, wurde von Tag zu Tag verschoben, am allerletzten Tag aufgekündigt. Der Wind war noch heftiger geworden. Nachts pfiff er uns vor, wie er uns auf dem Wasser aufspielen würde. Wir mußten runter von O. Kein Flugzeug wartet auf Leute, die sagen, daß sie von O. kämen und deshalb nicht kommen könnten.

Keiner aus dem halben Dutzend Fischern, die auf O. noch aktiv waren, wollte aushelfen, also schon gar nicht die weniger wetterfesten Frachter. Es war nicht leicht, nach O. zu gelangen. Offenbar war es noch um einiges schwerer, O. nach eigenem Willen zu verlassen. Auch das spricht dafür, daß es die Insel in Wahrheit gar nicht gibt. Es heißt zwar, Jorgo habe anderntags vor Jahren die klammsteifen Inselsucher auf O. an Land gesetzt und sei gleich wieder davongebrummt; und von der diesmaligen Herfahrt würde noch berichtet werden. Wir saßen fest, so will es unser Inselgarn. Würde sich das Meer vielleicht doch etwas beruhigen, sodaß wir einen der Schiffseigner überreden könnten?

Wir trauten unseren Augen nicht: Da schwang doch ein Boot weit zwischen den Wellen, es hielt auf die Insel zu! Kein Wunschbild unsrer Not, die anderen sahen es auch. Das sei die Santa Maria, niemand sonst würde bei solchem Wetter noch draußen sein. Und ihre Männer machen es! Während wir das Gepäck von unserer Bleibe über den Olivenhängen herunterschaffen, hat sich die Nachricht unter den Ansässigen herumgesprochen. Aus der Schar der Neugierigen klettern ein alter und ein junger Mann auf den abgenützten, ungesäuberten Kutter zu den übernächtigen, unrasierten, ruppigen Burschen, die in ihren ungeflickten Pullovern und Hosen einen Groschenroman zu echt sind. Ein reparaturbedürftiges Riesenrad eines Kippschleppers wird festgezurrt, wir schwingen los!

Das Boot könnte die Wellen nicht besser nehmen, nur scheint das Schwingen nicht enden zu wollen. Dem jungen Mann wird übel, das ist schlimm. So hat es den Fremden zu ergehen. Wer jetzt noch nach O. möchte? Vorbei an Felsstrünken, wie kochend massiert sie weißer Schaum. Milchiggrün doch nicht schwächer ist das Fluten die ersten Landbögen und Buchten der Hauptinsel entlang. Die nächstgelegene Landestelle kann bei solchem Wetter nicht angelaufen werden; deshalb schaukeln wir weiter südwärts, immer näher nun dem Steilufer zu. Wir kurven um winkelige Felsen, entkommen der windigen Kälte, tauchen mit einem Schlag auf glattem durchsichtigem Hellgrün in eine Grottenbahn hinein. Dunkles Baumgrün darüber, dahinter Häuser in hellen Farben.

Das Boot schlüpft aus den Felsriegeln in eine sonnenwarme Bucht, die sich mit einem Halbrund weißen Strandes dem Land, den Bergen zu, öffnen würde, wäre sie nicht vom Geschachtet der Hotels und Restaurants vermauert. Die wüste Santa Maria schiebt sich mit ihrer kuriosen Fracht, dem schwarzen Kippschlepperrad und den dick vermummten Gesellen dahinter zwischen die Badenden, dem Sandstrand zu, wo die Sonnenanbeter wie totgeschlagene Robben oder anderes Wild zur Zähmung liegen, aus der Röstbraterei aber auffahren, sobald der abgeschundene, schrunsige Kutter und seine Besatzung plötzlich wie aus einer anderen Welt über dem Strand auftauchen.

Es wird so blöd, auch indigniert geglotzt, daß wir nicht an uns halten können. Die Kerle von der Santa Maria genießen den Moment vielleicht noch mehr. Sie wollen uns hier absetzen, weil. wir von P., diesem zum Rummelplatz entarteten Naturwunder, am raschesten zum Flugplatz gelangen würden. Jetzt konnten wir wiederum von der Santa Maria nicht herunter. Das Schiff lag zu tief, der Badesteg war zu kurz. Der junge Mann machte die Schlappe auf der Uberfahrt wett: Er stellte sich auf den Steg, hielt den Bug fest, und über seine Schultern schwangen wir uns den Rucksäcken nach in den Sand. Die Santa Maria schob zurück, um zur entlegenen Frachtmole herumzukurven. Der Absprung von O. war geglückt. Und Sie glauben immer noch, daß es O. gibt? Sie wissen doch: Realisten sind beinharte Lügner. dem Faltengesicht, hocken an einem der schwankenden Tische und tafeln, trinken - sie sind vergnügt in dem ächzenden und stinkenden Jammertal.

Die beiden waren das Unwirklichste auf dem stampfenden Spital; es war, als hätte E. T. A. Hoffmann sie in Callots Manier auf die Bretter gestellt. Ihnen war sichtlich egal, wohin der Plemperkahn wackelte. Die beiden, sehen Sie, wußten längst, was Sie immer noch nicht wahrhaben wollen: Es gibt keine Ankunft, keine Heimkehr. O. ist gelogen. Die beiden wollten nicht dorthin, so fuhren sie an O. vorbei. Oder hatte E. A. Poe nicht aufgepaßt, und waren ihm die beiden Altersfratzen von dem „ungeheuren Schiff entwischt, von dem er in der „Flaschenpost” berichtet hat?

IV.

• Oder nehmen wir an, Sie stünden am Bug des Post- und Fracht-, Mann- und Maus-Transporters und hätten O. schon vor sich: Die hochgeschichteten Felsriegel des Merovigli, den langen grünen Rücken, das kecke weiße Schwänzchen des Leuchtturmes auf dem letzten Mugel im Osten! Sie meinen, in wenigen Minuten würde sich das Karussell des Ent- und Beiadens zu drehen beginnen: vom Schiff zu den heranschwärmenden Booten, am Ufer das Hin und Her der Wartenden, der Ankommenden und Abfahrenden zu den Booten, mit der lauten Männchen-Geschäftigkeit der Männer, mit dem Vogelgezeter der Frauen, mit dem Gewurl von Kindern, Kisten, Koffern, Popen ...

Wer O. bislang nicht kannte (und wer könnte schon sagen, er sei in Arkadien gewesen), muß die Insel von ihrem unwegsamsten Teil her, sozusagen von hinten, angehen und so fürs erste einmal hangauf, hangab über den Schutt und das Schwemmholz in Sturzbachrinnen und auf verwachsenen, von klumpigen Kreuzspinnen zugewebten Schlupfpfaden und Sträßchen an verlassenen oder schon verfallenen Katen vorbei überqueren. Und das Ganze wozu? Es gibt kein Sehloß in dem Märchen, kein Dornröschen. Keine Bar, keine Diskothek. Alles in allem, Sie geben auf. O. ist nichts für Sie.

Wie schön es jetzt wäre, gäbe es wirklich Othoni!

Der auch belletristisch tätige Autor ist außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Ost- und Siidosteuropaforschung der Universität Wien.

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