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Apartheid in Brasilien

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Die Schwarzen machen zwar 50 Prozent der Bevölkerung Brasiliens (150 Millionen Einwohner) aus, aber Brasilien kenne eine massive „soziale Apartheid”, betont der Theologe Antonio Aparecida Silva, auch „Padre Toninho” genannt, ein bekannter Vertreter der brasilianischen Schwarzenbewegung.

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Die Schwarzen machen zwar 50 Prozent der Bevölkerung Brasiliens (150 Millionen Einwohner) aus, aber Brasilien kenne eine massive „soziale Apartheid”, betont der Theologe Antonio Aparecida Silva, auch „Padre Toninho” genannt, ein bekannter Vertreter der brasilianischen Schwarzenbewegung.

Erst vor einem Jahrhundert ist in Brasilien die Sklaverei abgeschafft worden...

PADRE TONINHO: Die schwarze Bevölkerung Brasiliens stammt von den ersten Sklaven der Kolonialzeit ab: von 1532 an wurden sie zu Millionen mit Gewalt ins Land gebracht, wo sie als reichlich vorhandene Arbeitskräfte arg ausgebeutet wurden. Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts waren in Brasilien zwei von drei Menschen Schwarze. Anfangs des 19. Jahrhunderts flüchtete die königliche Familie vor der Invasion Napoleons aus Portugal nach Brasilien. Sie verlangte eine Politik, die Brasilien „weißer” machen sollte; also öffnete sich das Land nichtschwarzen Ausländern. Nach dem gesetzlichen Verbot des Sklavenhandels im Jahr 1850 verstärkte sich diese Bewegung. Es kamen viele weiße Einwanderer, in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts besonders Italiener. 1888 wurde die Sklaverei als solche abgeschafft, für die Mehrheit der „frei” gewordenen Schwarzen gab es aber keine Integration.

Für die Schwarzenbewegung in Brasilien erreicht die als schwarz geltende Bevölkerung 50 Prozent der Gesamtbevölkerung (43 Prozent nach der Statistik der offiziellen Volkszählung von 1980). Dazu werden die Mulatten oder Mestizen gezählt; unter dem herrschenden gesellschaftlichen Druck versuchen diese, sich als Weiße zu geben.

Gegenwärtig erlebt man in allen Ländern Lateinamerikas eine Renaissance der Schwarzenbewegungen, die es übrigens schon zur Zeit des Sklaventums gab. Diese Bewegungen beklagen nicht nur die Leiden jener Epoche, sondern entwickeln zukunfts-gerichtete Perspektiven. Sie prangern die Gewalt an, die ihnen heute widerfährt: die vielen schwarzen Kinder, die dezimiert und getötet, Opfer der Polizei werden, die an den Rand gedrängten „favelados”, die landlosen Bauen, die „boias frias”, die von einer Ernte zur andern irren, die beeindruckende Zahl armer Frauen, von denen viele Schwarze sind, Frauen, die in den Ambulatorien am Rande der großen Städte ohne ihr Wissen sterilisiert werden.

Man sterilisiert die armen Frauen gegen ihren Willen?

TONINHO: Es gibt von internationalen Organisationen finanzierte Programme, die diese Praktiken subventionieren. Es geht dabei nicht nur um die breite und unterschiedslose Verteilung empfängnisverhütender Mittel, sondern auch um chirurgische Eingriffe wie das Unterbinden der Eileiter; dies geschieht auf willkürliche Weise mit jungen Frauen, die sich dessen nicht einmal bewußt sind und überhaupt nicht informiert worden sind. Wenn sie etwas merken, sind sie schon sterilisiert... der Arzt sagt ihnen nichts, es ist wirklich Willkür!

Das ist „soziale Eugenik”!

TONINHO: Die nationale Bischofskonferenz Brasiliens (CNBB) hat oft in diesem Sinne protestiert. Besonders in gewissen Gebieten des „Nordeste”, aber auch in anderen Regionen Brasiliens sind sehr viele Frauen zwangssterilisiert worden. Vor allem arme Frauen sind davon betroffen und damit vor allem schwarze Frauen; sie werden am meisten marginalisiert.

Diese Praktiken finden sich in Spitälern, die von Stiftungen und von Stellen, die Gesundheits- oder Geburtenkontrolle-Programme finanzieren, subventioniert werden. Diese Dinge müßten an die Öffentlichkeit gebracht werden. Für die Bischöfe des „Nordeste” ist die Art, wie die Programme zur Geburtenkontrolle angewandt werden, eine sehr große Sorge.

Die Schwarzen in Brasilien werden also diskriminiert...

TONINHO: Zweifelsohne - und das ist eine sehr schwere Anschuldigung: Rassismus. Er ist sehr verbreitet. Es heißt zwar, daß in der brasilianischen Gesellschaft die Durchmischung verschiedener Rassen gelungen ist... Tatsächlich ist aber der Rassismus jene Haltung, die jemandem wegen seiner Farbe oder Ethnie nicht erlaubt, die von der ganzen Gesellschaft produzierten Güter zu nutzen. In Brasilien ist es in Wirklichkeit so, daß die Schwarzen nur schwer Zugang zu diesen Gütern haben. Obschon sie fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sind sie nicht in der Lage, einen anständigen Lebensstandard zu erreichen, wirklich am Leben des Landes teilzunehmen. Es gibt so gut wie keinen schwarzen Mittelstand, er macht nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung aus!

In diesem Sinn ist der Rassismus in Brasilien ärger als in den USA oder sogar in Südafrika, wenn man etwa den Zugang zu den Universitäten ansieht. Wenn er auch nicht die gleiche „Methodologie” hat, so ist der brasilianische Rassismus doch genauso beklagenswert wie jener Südafrikas. Im brasilianischen Nationalkongreß mit seinen 503 Abgeordneten und 81 Senatoren gibt es heute bloß 20 bis 25 schwarze Abgeordnete. Und viele von ihnen sind erst kürzlich gewählt worden, unterstützt von den Kirchen der Pfingstbewegung, in denen sie Pfarrer sind.

In den weltlichen, militärischen und religiösen Institutionen, besonders in der katholischenoderderlutherischen Kirche - in Brasilien ist dies eine weiße Kirche -, gibt es so gut wie keine Schwarzen.

Ist die katholische Kirche über den Verdacht des Rassismus erhaben?

TONINHO: Bis ins letzte Jahrhundert hatte die Kirche eigene Sklaven, in den Pfarrhäusern, den Klöstern... In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gab es zum Beispiel 92 Klarissen im Desterro-Kloster in Bahia, aber beinahe 200 Sklaven! Heute zählt die katholische Kirche in

Brasilien mit ihrer Hierarchie von rund 350 Bischöfen nicht mehr als fünf schwarze Bischöfe!

Unter ihnen finden sich Dom Jose Maria Pires, Erzbischof von Joäo Pessoa, Dom Aloisio Hilario de Pin-ho, Bischof von Tocantinopolis, und einige weitere Bischöfe „schwarzer” Abstammung wie etwa Dom Jairo Rui Matos da Silva, Bischof von Bon-fim, die sich als Schwarze bezeichnen. Was Dom Lucas Moreira Neves, den Erzbischof von Säo Salvador da Bahia, angeht! Er hat zwar eine schwarze Mutter, steht aber nicht dazu, schwarz zu sein...

Wenn man weiß, daß die große Mehrheit der schwarzen Bevölkerung katholisch ist, dann fragt man sich, warum sie unter den Bischöfen nur so wenig vertreten ist? Man muß in Betracht ziehen, daß vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Seminare nicht oder nurmit großen Schwierigkeiten schwarze Berufungen aufnahmen. Daher sind die schwarzen Priester in Brasilienjung. Vor zehn Jahren gab es kaum 200 bei insgesamt 15.000. Seither hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt. Von November 1991 bis März 1992 gab es schon nur in den Regionen Säo Paulo, Goias, Minas Gerais, Espirito Santo und Rio de Janeiro rund 30 Ordinationen schwarzer Priester.

In den letzten Jahren hat sich also die Kirche - mit der Arbeit an der „schwarzen” Bewußt-werdung und der „schwarzen” Pastoralarbeit - den Armen vermehrt geöffnet; sie ist den Schwarzen intensiver begegnet, die ja zu den Ärmsten gehören. Dies hat ein großes Erwachen schwarzer Priesterberufungen erlaubt!

Gibt es in der Kirche Widerstand gegenüber den schwarzen Berufungen?

TONINHO: Nein. Die Gläubigen sind sehr zufrieden, daß es Priester und Pastoralassistenten aus ihren Kreisen gibt. Die Hauptfrage, die sich bei einem Schwarzen stellt - und das gilt auch für die Indios, die quasi keine eigenen Priester haben - ist die seines Bewußtseins, seiner Art, besonders zu sein, was viel Inkulturation seitens der Ausbildner braucht. Man muß die Kultur dieser jungen Menschen besser kennen, um sie mit ihren Besonderheiten, die unbedingt respektiert werden müssen, begleiten zu können.

Vor einigen Jahrzehnten war es für einen Schwarzen sehr schwierig, in ein Seminar einzutreten. Als ich Rektor der Theologischen Fakultät der Erzdiözese Säo Paulo war, die im ehemaligen Seminar untergebracht war, gelangte eine 60jährige, ganz glücklich, an mich: „Daß es möglich ist, daß heute in diesem Gebäude ein Schwarzer Rektor der Theologischen Fakultät ist! Ich kann es kaum glauben!” Noch kurz vor dem II. Vatikanischen Konzil, war es Schwarzen untersagt, das Seminar zu betreten, außer, wenn es um Hausarbeit ging.

Erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und vor allem nach den großen Generalversammlungen des lateinamerikanischen Episkopats von Medellin und Puebla mit der Option für die Armen ergab sich eine allgemeine Öffnung. Die Kirche war und blieb allerdings rassistisch: In der Tat ist der Rassismus ja keine Frage des Willens oder der Absicht, sondern eine Frage der Praxis.

Das Gespräch führte Jacques Berset (Katholische Internationale Presse-Agentur/KIPA, Fri-bourg).

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