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Arafats gewagtes Spiel

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PLO-Chef Jasser Arafat ist vor zwei Wochen im libanesischen Tripoli als letzter hinter rund 3000 Getreuen an Bord der griechischen Evakuierungsflotille gegangen. Einmal mehr hat er den Kopf aus der Schlinge ziehen können. Wie aber geht es weiter?

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PLO-Chef Jasser Arafat ist vor zwei Wochen im libanesischen Tripoli als letzter hinter rund 3000 Getreuen an Bord der griechischen Evakuierungsflotille gegangen. Einmal mehr hat er den Kopf aus der Schlinge ziehen können. Wie aber geht es weiter?

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Die Zurückgelassenen vertrauen auf den Schutz der Zentralregierung von Beirut. Diese hat die Verwaltung der Stadt und zugleich die schweren Waffen der Palästinenser übernommen: Raketen- und Granatwerfer, Feldartillerie und einige Panzer. Mitnehmen durften die PLO-Männer außer ihren Frauen und Kindern nur die persönlichen Habseligkeiten und Handfeuerwaffen.

Zum Unterschied von den in Libanon Zurückgelassenen war die endgültige Rettung Arafats und seiner Begleiter noch ungewiß, solange sie sich in Reichweite der israelischen Luftwaffe und Flotte befanden. Wiederholt wurde in Jerusalem unterstrichen, daß sich die Israelis auch von den Amerikanern zu keinem Verzicht auf die Bekämpfung, sprich Vernichtung der geschlagenen PLO zwingen ließen.

Arafat spielte dabei ein gewagtes Spiel um Erfolg oder Tod. Nun ist er aus Tripoli mit noch mehr internationalen Sympathien und Ansehen hervorgegangen als im Vorjahr nach seinem Exodus von West-Beirut. Und nach Ansicht der sonst gar nicht PLO-f reundli-chen Libanesen trugen die israelischen Flottenoperationen gegen den mehr oder weniger hilflosen Palästinenserboß nur dazu bei, seine Terrorvergangenheit vergessen zu machen und ihn zum Helden eines gerechten Freiheitskampfes zu machen.

In Ägypten vor allem war die anti-israelische Stimmung selbst unter Abdel Nasser nie so heftig und allgemein wie jetzt beim Eintreffen der ersten Verwundeten aus Tripoli in Kairo. Und der ägyptische Außenminister Kamal Hassan Ali hat zu Weihnachten bei seinem Amerika-Besuch darüber Klage geführt, daß Israel den Frieden mit Ägypten als Rük-kendeckung für' seine Operationen gegen die PLO mißbrauche und alle Vorkehrungen von Camp David für die Zukunft der Palästinenser blockiere.

Der von französischen Kriegsschiffen und Fliegern bewachte Geleitzug war zunächst im zypriotischen Hafen Larnaka eingetroffen. Bis dahin mußte vor allem mit Torpedoattacken israelischer U-Boote gerechnet werden.

Kritisch war dann nochmals die Fahrt des Großteils der Arafat-Männer nach dem Passieren des Suezkanals in Richtung Nordjemen. Bevor sie dieses südarabische Land erreichten, das schon 1982 das Gros der von den Israelis aus Beirut vertriebenen Palästinenser aufgenommen hatte, mußten sie erst den Operationsradius des israelischen Rotmeerhafens Eilat glücklich hinter sich bringen.

So ganz uneigennützig sind die Jemeniter mit ihrer Gastfreundschaft aber auch nicht. Die kampfbewährten und terrorkundigen PLO-Männer stellen heißbegehrte Legionäre dar, die zur Aufrechterhaltung der eigenen Sicherheit eingesetzt oder auf politische Gegner losgelassen werden.

Auch die von Algerien aus operierenden Saharaui-Partisanen der FPolisario sind für König Hassan von Marokko erst recht zu einer militärischen Gefahr und enormen Belastung der Staatsfinanzen geworden, seit sie auch von Palästinensern ausgebildet und teilweise sogar verstärkt werden. Und PLO-Berater finden sich bei allen Bürgerkriegsparteien und -armeen im Tschad.

Den größten Palästinenserbedarf und -verschleiß hat jedoch Nordjemen, das schon zu einem Drittel von linksradikalen Aufständischen überrollt ist. Seit sich alle oppositionellen Gruppen in der „Nationalen Demokratischen Front" (NDF) zusammengeschlossen haben und vom kommunistischen Volksjemen im Süden unter dem patriotischen Aushängeschild einer „Wiedervereinigung" unterstützt werden, sucht das/ konservativ-militärische Regime von Sanaa sein Heil im Islam und in einer palästinensischen Fremdenlegion.

In letzter Zeit verunsichern die Aufständischen sogar das vitale Fernstraßendreieck zwischen der Hauptstadt, dem Rotmeerhafen Hodeida und dem wirtschaftlich wichtigen Taes. Da wird jetzt frischer Nachschub gebraucht.

Auch Arafat hat sich jetzt nicht zufällig anstelle seines Hauptquartiers in Tunis nach Sanaa und Aden begeben, um erneut als Vermittler zwischen Nord- und Südjemen aufzutreten: Sonst werden in diesem Berg- und Wüstenkrieg seine letzten Reserven aufgerieben.

Es war für den PLO-Chef bei diesem seinem zweiten Exodus aus Libanon binnen 15 Monaten besonders bitter, daß ihn diesmal nicht die erklärten israelischen Gegner, sondern die eigenen arabischen Brüder mit dem syrischen Präsidenten Assad und Libyens Diktator Ghaddafi an der Spitze verjagt haben.

Kaum waren seine Palästinenser aus Tripoli verschwunden, haben sich in Damaskus schon Syrer, Libanesen und Saudis zusammengesetzt, um über die Zukunft eines ,PLO-reinen' Libanon zu verhandeln. Was bewies, daß die sogenannten PLO-Rebellen von Syrien fest an der Leine gehalten werden und sich keine Eigentouren mehr erlauben dürfen.

Nicht zuletzt ist Arafat an seinem von den Entwicklungen der letzten Jahre überholten Konzept einer arabisch-nationalen und sozialen, doch nicht ausgesprochen islamischen Lösung gescheitert, die in einem demokratischen und säkularen Einheitsstaat von Muslimen, Juden und Christen in Palästina gipfeln sollte. Der langjährige PLO-Chef wollte sich den mittelalterlichen Kräften, die von Iran ausgehen, als Mann des Fortschritts weder beugen noch sich mit ihnen anfreunden.

Die Errungenschaften Arafats für die Sache der Palästinenser kann aber auch ein Chomeini jetzt nicht einfach auslöschen, indem er ihn und seine Gefolgschaft aus der Region vertreiben ließ. Auf dem bevorstehenden palästinensischen Nationalkongreß in Algier wird sich mit großer Sicherheit zeigen, daß die Palästina-Araber jetzt erst recht zu Arafat halten, nicht zuletzt jene aus und in den israelisch besetzten Gebieten westlich vom Jordan und im Gazastreifen.

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