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Digital In Arbeit

Arbeit fiir alle — eine Utopie?

Arbeit für alle — das wäre nun freilich genau das, was wir brauchen. In diesen wundersamen Zeiten, in denen es viel zu tun gibt und dennoch viele „arbeitslos“ sind; in denen wir uns davor fürchten, daß uns Maschinen bei der Arbeit helfen; in denen wir in einem historisch” unvergleichlichen Luxus schwelgen und uns doch zunehmend „arm“ fühlen.

In diesen sonderbaren Zeiten ist das Verhängnis einer weltweiten Wirtschaftskrise über uns herein-

gebrochen und läßt uns nur noch mit Besorgnis über die „Zukunft der Arbeit“ sprechen.

Die Alltagsmeldungen verkünden uns triste Konkurse, Entlassungen, Defizite, Arbeitslose. Zuweilen scheint es sich zu erübrigen, von der „Zukunft der Arbeit“ zu sprechen — sie hat ja keine Zukunft mehr.

Die Wirtschaft der entwickelten Länder ist in eine längerfristige Phase der Stagnation eingetreten. Wer behauptet, daß er ein einfaches Rezept gegen die Arbeitslosigkeit in der Tasche habe, der sagt die Unwahrheit.

Die Arbeitslosigkeit belastet aber die Gesellschaft auf verschiedene, oft nicht recht sichtbare Weise: Nicht von den finanziellen Belastungen ist dabei die Rede, sondern beispielsweise von der „Proletarisierung“ der jüngeren Generation; von der erwachenden Feindseligkeit gegenüber Gastarbeitern; von den Konflikten zwischen Arbeitsbesitzern und Arbeitslosen; von den wechselseitigen Verdächtigungen, daß man sich um Randgruppen nicht schere; daß Arbeitslose ohnehin nur die Faulpelze der Nation seien.

Eine solche Vergiftung des so zialen Klimas kommt zu den individuellen. Leiden hinzu: zu dem verringerten Selbstwertgefühl von Arbeitslosen, ihren Identi- täts- und Rollenkonflikten, ihrer Mischung von Apathie und Aggression, ihrer sozialen Isolierung und ihren familiären Konflikten, der Gefahr von psychosomatischen Erkrankungen, von Alkoholismus, Drogensucht und Kriminalität.

Eines der in jüngster Zeit diskutierten unkonventionellen Mittel zur Verringerung der Arbeitslosigkeit lautet: Wir müssen Vollbeschäftigung durch mehr Freizeit sichern. Könnte uns in der Tat etwas Schlimmeres passieren?

Freizeit ist ein durchaus begehrtes und knappes Gut, umso begehrter, je höher der Lebensstandard ist.

Die Arbeitszeit ist in Österreich in zwanzig Jahren um zwanzig Prozent gesunken. Wenn dies zudem ein probates Mittel zur Arbeitsplatzbeschaffung sein könnte, warum sollte dieser Weg nicht weiterhin beschritten werden?

Aber zehn Prozent weniger Arbeit schafft nicht automatisch zehn Prozent mehr Arbeitsplätze, lautet das Gegenargument. Die Wirkung vermindert sich durch verstärkte Rationalisierung,

durch Überstunden, durch organisatorische Schwierigkeiten,

durch die Steigerung der Arbeitsintensität.

Aber wir können ja die bisherigen Fälle von Arbeitszeitverkürzungen prüfen, etwa die Verkürzung von 45 auf 40 Stunden in den siebziger Jahren.

Dabei ergibt sich, daß — in einem rascheren oder langsameren Anpassungsprozeß — solche Re- - duzierungen tatsächlich weitgehend in neuen Arbeitsplätzen ihren Niederschlag gefunden haben. Simulationsmodelle verschiedener deutscher Institute kommen auch für die gegenwärtige Situation zu positiven Arbeitsplatzeffekten, meist sogar im Falle eines vollständigen Lohnausgleiches.

Nun ist es freilich keine uninteressante Sache, wer eine Arbeitszeitverkürzung bezahlt. Der eingetrocknete Kuchen des jährlichen Wachstums wird nicht so verteilt werden können, daß dem einen die Rosinen, dem anderen nur die Brosamen verbleiben.

Die Unternehmen pflegen jede Zumutung einer Kostenbelastung mit dem Verweis auf die internationale Konkurrenzfähigkeit vom Tisch zu wischen — ein weitgehend übertriebenes Argument, das im Falle des internationalen Gleichschritts in der Arbeitszeitpolitik seine Berechtigung vollends einbüßt.

Andererseits ist auch den Arbeitnehmern ein solidarisches Lernopfer, wenn auch unter Beachtung unterschiedlicher Belastungsfähigkeit, zuzumuten:

Wenn wir bedenken, daß die Reallöhne im letzten Jahrzehnt immer noch um 50 Prozent gestiegen sind, mögen Einbußen von fünf Prozent die heile Konsumwelt noch lange nicht zum Einsturz bringen.

Eine österreichische Untersuchung rechnet, daß eine Arbeitszeitverkürzung um eine Stunde rund 50.000 Arbeitsplätze im Verlauf von drei Jahren schaffen würde. Das sind immerhin fast zwei Prozent der Beschäftigten in Österreich.

Solidarische Arbeitsteilung bedeutet somit auch: Wir erhalten mehr vom begehrten Gut Freizeit und müssen keine Arbeitslosen- und Wohlfahrtsgelder mehr bezahlen.

Sollte das Schlimmste, was uns bevorsteht, wirklich der „Zwang zur Freizeit“ sein?

Arbeitslosigkeit ist ein Aspekt jener strukturellen Störungen und jener inneren und äußeren Verunsicherung, mit denen wir in den achtziger Jahren konfrontiert sind.

Auch die langfristige Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist eingebettet in Überlegungen darüber, wie die Gesellschaft ausse- hen soll, in der wir leben möchten, und beruht auf einem sozialen Konsens, der auf Wissen um Gesetzmäßigkeiten und Handlungsspielräume aufbaut.

Dr. Manfred Prisching ist Assistent am Institut für Soziologie der Universität Graz. Der Beitrag ist ein Auszug aus einem Referat anläßlich der Jahrestagung des steirischen Kummer-Instituts.

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