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Digital In Arbeit

Arbeit muß weniger kosten

1945 1960 1980 2000 2020

In zahlreichen Beiträgen hat sich die FURCHE im letzten halben Jahr mit dem Thema Arbeit auseinandergesetzt. Im folgenden wird eine Bilanz der Aussagen gezogen.

1945 1960 1980 2000 2020

In zahlreichen Beiträgen hat sich die FURCHE im letzten halben Jahr mit dem Thema Arbeit auseinandergesetzt. Im folgenden wird eine Bilanz der Aussagen gezogen.

Wieso ist das Thema Arbeit heute so brennend aktuell? Noch bis in die frühen siebziger Jahre war darüber weder in den Medien noch in der ökonomischen Fachliteratur sehr viel zu finden. Am ehesten gab es damals Debatten über die Verteilung der Produktivitätsfortschritte zwischen den Sozialpartnern. Oder aber es wurde über Wege nachgesonnen, wie man die Knappheit des Arbeitskräfteangebotes überwinden könne. Damals kamen die Gastarbeiter ins Land.

In dieser Hinsicht haben sich die Zeiten gründlich geändert. Seit mehreren Jahren steigt die Arbeitslosigkeit. Eine Trendumkehr ist nicht abzusehen: In den westlichen Industrieländern waren im Vorjahr ungefähr 35 Millionen Menschen ohne Arbeit.

Unterbeschäftigung gibt es aber weltweit. So schätzt der Direktor des internationalen Arbeitsamtes, daß bis zum Jahr 2000 rund eine Milliarde Arbeitsplätze zu schaffen seien, wolle man alle Arbeitswilligen beschäftigen (Nr. 36/83).

Schon diese wenigen Zahlen lassen erkennen, welche Dimension das Beschäftigungsproblem angenommen hat. Es gibt weltweit Anlaß zur Sorge.

Wie sieht nun aber die Lage speziell in Österreich aus? Im internationalen Vergleich schneiden wir relativ günstig ab: Mit einer Arbeitslosenrate von rund vier Prozent lagen wir Mitte des Jahres 1983 deutlich hinter den Spitzenreitern Belgien (16,5 Prozent), Niederlande (12,5), Großbritannien (12,0) und USA (9,7 Prozent) (Nr. 27/83).

Trotz dieser günstigen Optik darf nicht übersehen werden, daß die Arbeitslosenziffern hierzulande stark steigen: Im Juni 1983 lagen sie um 25 Prozent höher als ein Jahr davor. Und heuer wird mit einer weiteren Steigerung von 15 bis 20 Prozent gerechnet.

Noch rascher steigt die Zahl der Notstandshilfe-Bezieher. Sie hat sich von 1982 auf 1983 verdoppelt (auf rund 20.000). Sie erfaßt vor allem jene Personen, die wegen zu lange währender Arbeitslosigkeit kein Arbeitslosengeld mehr beziehen (Nr. 31/83).

Dieser Personenkreis rekrutiert sich vorwiegend aus Berufstätigen mit geringer Arbeitsqualifikation. Auf den Arbeitsämtern gelten diese Personen als nur „bedingt vermittlungsfähig". Ende des Jahres 1983 wurde etwa jeder Dritte der 136.000 Arbeitslosen dieser Kategorie zugerechnet.

Einige Gruppen der Bevölkerung sind in besonderem Maße von der Arbeitslosigkeit betroffen: Da ist zunächst die Jugend zu nennen. Im Vorjahr waren rund 40 Prozent der Beschäftigungslosen 25 Jahre alt oder jünger (Nr. 25/ 83). Diese Zahlen drücken allerdings nicht einmal den ganzen Umfang der Misere aus. In diesen Ziffern scheinen nur Personen auf, die schon in einem Arbeitsverhältnis gestanden haben. Schulabsolventen, die keine Stelle finden, fallen nicht in diese Kategorie.

Ebenfalls besonders schwer betroffen von der Arbeitslosigkeit ist der ländliche Raum. Die sich dort während der letzten Jahre häufenden Betriebsschließungen werden kaum durch neue Betriebsgründungen wettgemacht. Daher ist auf dem Land die Relation zwischen Arbeitssuchenden und offenen Stellen (4,9 zu eins) viel ungünstiger als in den Städten, wo sie 2,3 zu eins beträgt (Nr. 34/83).

Nahezu überall rechnet man damit, daß sich die Beschäftigungsprobleme verschärfen werden — auch in Österreich. Für 1984 wurde eine Arbeitslosenrate von 5,5 Prozent vorhergesagt. Nur in den USA ist derzeit der Trend gegenläufig. Bis Jahresende war dort die Arbeitslosigkeit auf 8,7 Prozent zurückgegangen (Nr. 50/83).

Sollte der Konjunkturanstieg in den USA nicht Rückwirkungen auf unsere Wirtschaft haben? Ließen sich dadurch die Probleme steigender Arbeitslosigkeit bei uns lösen? Eine Studie des Beirats für Wirtschafts- und Sozialfragen der Paritätischen Kommission ist diesbezüglich nicht allzu optimistisch (Nr. 39/83).

Selbst bei einem Wachstum von jährlich 2,5 Prozent erwartet sie eine Arbeitslosenrate von über sieben Prozent für 1987. Dieser Anstieg ließe sich aber den Modellberechnungen zufolge auf ein Drittel bzw. sogar auf ein Sechstel reduzieren, wenn mann die Arbeitszeit von derzeit 40 auf 38 Wochenstunden verkürzt. Allerdings müßte auf vollen Lohnausgleich verzichtet werden.

Trotz dieser Berechnungen gehen die Debatten über die Sinn-haftigkeit der Arbeitszeitverkürzung weiter, wie ja derzeit das Beispiel Steyr zeigt. In FURCHE Nr. 36/83 trat Sozialminister Daliinger für Arbeitszeitverkürzung als Teil einer umfassenden Strategie ein. Langfristig müsse aber die technische Entwicklung geändert werden. Sie sei „kein unabhängiger und unbeeinflußbarer Prozeß", argumentierte er.

Zu einer ähnlichen Schlußfolgerung gelangte auch der Wirtschaftswissenschafter Professor Bruno Molitor (Nr. 36/83), obwohl er aus konjunkturpolitischen und Kostengründen gegen eine Arbeitszeitverkürzung argumentierte. Auch er sieht eine Chance, die Probleme zu lösen, darin, die Richtung der technischen Entwicklung zu ändern. Es müßte zu einer „Wende vom arbeitssparenden zum mehr kapitalsparenden technischen Fortschritt" kommen.

Betrachtet man jedoch die derzeitige technische Entwicklung, so zeichnet sich keine solche Wende ab. Die neue Generation der elektronischen Datenverarbeitung wird vielmehr, dank ihrer enorm gestiegenen Leistungsfähigkeit, nunmehr auch den Markt der Klein- und Mittelbetriebe erobern. Die mit ihrem Einsatz verbundenen Rationalisierungsmöglichkeiten werden zwangsläufig zu Entlassungen führen (Nr. 39/ 83).

Welche Auswege zeichnen sich in dieser Situation ab? Da ist zunächst der Versuch, Arbeitskraft umzuschulen. Diesbezüglich zeigt jedoch der Österreicher bisher nur mäßiges Interesse: Nur ganz wenige Berufstätige versuchen, im zweiten Bildungsweg ihre Chancen zu verbessern (Nr. 3/84). Uberhaupt ist das Interesse an Weiterbildung sehr gering. Am meisten Anklang finden Kurse der Landesarbeitsämter. Sie erwecken jedoch öfter den Eindruck, getarnte Beschäftigungstherapie für sonst Arbeitslose zu sein.

Immer klarer wird aber auch, daß ein grundsätzliches Umdenken Platz greifen muß. Weil Arbeit einen Eigenwert hat, kann sie nicht nur als Produktionsfaktor behandelt werden. Weil sie dem Leben Sinn gibt, die Menschen zu gemeinsamem Tun zusammenführt, ihnen Gelegenheit gibt, anderen zu dienen, sollte sie nicht nur nach ökonomischen Kriterien beurteilt werden. Zu dieser Auffassung gelangen sowohl Sozialminister Daliinger als auch Bischof Johann Weber und Professor Johannes Schasching SJ (Nr. 30/83,36/83 und 2/84).

Weber und Schasching rufen dabei zu einer Kultur der Solidarität auf.

Hält man sich die Tatsache vor Augen, daß Arbeitslosigkeit weltweit zum Problem geworden ist, und daß auch etwas mehr Wirtschaftswachstum dieses Problem nicht löst, so wird der Ruf nach tiefgreifendem Umdenken plausibel.

Ein solches Umdenken ließe sich durch eine geeignete Wirtschaftspolitik begleiten und fördern: Arbeit müßte im Vergleich zu anderen Produktionsfaktoren billiger werden, ohne daß dadurch die Masseneinkommen allzu stark verringert werden (Nr. 36/83).

Dies könnte durch eine Umschichtung der Abgabenbelastung erreicht werden: Entlastung von Löhnen und Einkommen und Belastung von Energie-und Rohstoffverbrauch sowie von Umweltverschmutzung. Unser immer noch flexibles Wirtschaftssystem würde mit einer veränderten technischen Entwicklung reagieren, bei der technischer Fortschritt nicht gleichbedeutend mit weniger Arbeit wäre.

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