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Auch ohne Saddam gefährlich

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Die erneute Aktion der Amerikaner, Briten und Franzosen gegen Saddam Hussein findet bei den arabischen Staaten weniger Zustimmung als der „Wüstensturm" im vergangenen Jahr, der ja bereits eine tiefe Spaltung der arabischen Welt verursachte.

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Die erneute Aktion der Amerikaner, Briten und Franzosen gegen Saddam Hussein findet bei den arabischen Staaten weniger Zustimmung als der „Wüstensturm" im vergangenen Jahr, der ja bereits eine tiefe Spaltung der arabischen Welt verursachte.

Im Norden des Irak ist de facto bereits ein Kurdistan entstanden, seit die Alliierten militärische Aktionen Bagdads dort unterbunden haben. Die Kurden haben sich eine Volksvertretung gewählt und eine eigene Verwaltung aufgebaut. Das beunruhigt Ankara, weil kurdische Separatisten aus der Türkei nun in jenem Gebiet Zuflucht suchen.

Auch Teheran hat den irakischen Kurden neuerdings mit militärischen Schlägen gedroht, falls sie ein unabhängiges Kurdistan ausrufen sollten. Im arabischen Raum hat sich noch kein einziger Staat und auch keine politische Partei mit den Kurden im Nordirak solidarisiert. Wird nun im Südirak für die dortige schiitisch-arabische Bevölkerung ein ähnlicher Freiraum geschaffen, dann ist der Irak dreigeteilt, und diese Teilung dürfte schnell unwiderruflich werden, entspricht sie doch den natürlichen Gegebenheiten des Landes.

Der 1932 von der britischen Kolonialmacht geschaffene Staat Irak war von vornherein eine politische Mißgeburt ohne Aussicht auf Lebensdauer. Sinnvoller wäre es gewesen, den sunnitisch-arabischen Mittelstreifen, also das Land um Bagdad, mit Jordanien zu verbinden. In seiner jetzigen Form als Klammer für drei antagonistische Bevölkerungsteile könnte der Irak nur als dezentralisierte Bundesrepublik mit hochentwickelter Demokratie weiterbestehen - und dafür fehlen die Voraussetzungen. Diese realpolitischen Gegebenheiten finden jedoch in den arabischen Hauptstädten kaum Beachtung. Dort denkt man allein an den Verlust an Macht, den die Auflösung des künstlichen Staatsgebildes für das Arabertum bedeutet.

Der Irak war der reichste unter allen arabischen Staaten, weil es dort nicht nur Öl, sondern auch reiche und weite landwirtschaftliche Nutzflächen gibt. Dazu kommt noch eine starke Bildungsschicht mit mehr hochkarätigen Wissenschaftlern als irgendein anderer Araberstaat aufzuweisen hat. Schließlich besteht da noch der alte Mythos von der gewaltigen irakischen Armee. Wie kümmerlich diese Armee in Wirklichkeit ist, zeigte sich deutlich während der acht Jahre Krieg mit dem Iran, und der Kuweit-Krieg hätte die Araber eigentlich von ihren letzten Illusionen befreien sollen.

Dennoch besteht die Vorstellung fort, der Irak sei Garant arabischer Stärke. Deshalb

sind auch bisherige Verbündete der USA wie Syrien und Oman gegen eine weitere Schwächung Bagdads. Sogar Ägypten will die weitere Aufteilung nicht unterstützen, offensichtlich fürchtet Präsident Mubarak, durch einen solchen bei den arabischen Massen unpopulären Schritt weiter an Rückhalt im Volk zu verlieren. In Algerien und Tunesien könnte es wieder zu antiamerikanischen Ausschreitungen kommen.

Im Gegensatz dazu hat sich die Haltung Saudi-Arabiens radikal verändert. Während des „Wüstensturms" waren es vor allem die Saudis, die die Amerikaner davon abhielten, Saddams Truppen nachzusetzen und Bagdad einzunehmen. Riad wollte Bagdad ge-

schwächt, aber nicht zerschlagen sehen. Als Schutzwall gegen den Iran sollte der Irak bestehen bleiben. Die ideale Lösung - aus der Sicht der Saudis und der Amerikaner - wäre die Übernahme der Macht durch einen sunnitisch-arabischen Offizier gewesen, also eine Fortsetzung der irakischen Verhältnisse -nur ohne das Abenteurertum Saddams und dessen Brutalität.

Auf keinen Fall wollten die Saudis an ihrer Nordgrenze einen schiitisch-irakischen Staat entstehen sehen, der wenig mehr als ein Vasall Teherans wäre. Khomeini hielt bereits bei seinem Machtantritt im Jahre 1979 eine komplette Verwaltungsgarnitur für den Irak parat, bestehend aus irakischen Schiiten; denn die Ausdehnung seiner Islamischen Republik auf das Nachbarland war für ihn selbstverständlich, besteht doch die Bevölkerung Iraks zu etwa 55 Prozent aus Schiiten.

Im Februar dieses Jahres luden dann aber die Saudis den Chef der irakischen Schiiten, Ajatollah Mohammed Bakr Al-Hakim, aus Teheran nach Riad ein, und dieser scheint König Fahd umgestimmt zu haben; denn nunmehr unterstützt das Königreich die Schaffung einer von irakischem Militär freien Schutzzone für die Schiiten südlich des 32. Breitengrades.

Die neue Position Saudi-Arabiens wurde von einem der führenden Beamten des Sicherheitsdienstes deutlich umrissen, der zugab, daß Riad im Irak eine bleibende Gefahr sehe, auch für die Zeit nach Saddam. Um sich gegen eventuelle zukünftige Vorstöße Bagdads abzusichern, sehe das Königreich sein Heil in der Zerlegung des Irak. Die einzelnen Teile hätten dann genug miteinander zu tun und besäßen auch nicht die Macht, sich südliche Nachbarn einzuverleiben.

Diese Meinung wird von den Kuweitis geteilt, die nur zu gut wissen, daß Bagdads Ansprüche auf Kuweit nicht an die Person Saddam Husseins gebunden sind; hat doch kürzlich sogar die irakische Opposition gegen Saddam die Grenze zwischen Kuweit und dem Irak in Frage gestellt.

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