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Aufbruch bei derJugend

1945 1960 1980 2000 2020

Das Thema „Jugend und Kirche“ gilt stets als heißes Eisen. Hier nehmen der Jugendreferent in der Bischofskonferenz und ein KJ-Funktionär in FURCHE-Interviews Stellung.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Thema „Jugend und Kirche“ gilt stets als heißes Eisen. Hier nehmen der Jugendreferent in der Bischofskonferenz und ein KJ-Funktionär in FURCHE-Interviews Stellung.

FURCHE: Herr Bischof, was ist aus den 80.000 jungen Leuten, die vor einem Jahr ins Wiener Stadion gekommen sind, eigentlich geworden?

KAPELLARI: Feste sind selten, aber der Alltag vor- und nachher lebt in hohem Maße von ihrer Schubkraft. Die 80.000 jungen Christen haben die erfreuliche und bestärkende Erfahrung mitgenommen, daß in Österreich viel mehr Gleichaltrige entschiedene Christen sein wollen, als man üblicherweise annimmt. Die praktischen Konsequenzen dieser Erfahrung im Herkunftsmilieu — Pfarren, Jugendzentren, Studentengemeinden, Gruppen der Katholischen Jugend und der apostolischen Bewegungen— sind statistisch nicht erhoben. Nicht alle Gruppen, die sich nachher spontan gebildet haben, werden lebensfähig gewesen sein, und nicht alle, die an den Sonntagen nach dem Katholikentag wieder zum Gottesdienst gekommen sind, werden - durch Predigt und Liturgie ergriffen — bei dieser Praxis geblieben sein. Im ganzen hat sich aber die pastorale Situation im Bereich der Jugend sicher verbessert.

FURCHE: Kann man von einem neuen religiösen Aufbruch sprechen?

KAPELLARI: Nach der Studentenrevolution und der umfassenderen „Kulturrevolution“ der späten sechziger Jahre hat es gegen die Erwartung der meisten Religionssoziologen einen neuen religiösen Aufbruch bei der Jugend gegeben, der allerdings nur zum Teil in den Kirchen beheimatet werden konnte. Diesem großen Primärschub folgten etliche Nachschübe. In diesen Bewegungen scheint das spirituell-emotionale Element über das ethisch-politische und die Frage nach einer Vermittlung zwischen Glaube und Wissen zu dominieren. Ich sehe darin eine Notstandsmaßnahme des Heiligen Geistes gegenüber Tendenzen zu spiritueller Auszehrung. Junge Leute haben auf schöpferische Weise das Beten wiederentdeckt, das Reden mit dem „Sanctus Spiritus in no-bis“.

FURCHE: Bringt diese Betonung des Emotionalen nicht die Gefahr mit sich, daß diese jungen Leute sich der Verantwortung für die Gesellschaft entziehen und als intellektuelles Ferment ausfallen?

KAPELLARI: Junge Leute sind üblicherweise etwas einseitig. Die Synthesen gelingen erst später. Die Einseitigkeit jener, die Gott und das Gebet entdeckt haben und sich radikal auf diese Erfahrung einlassen, während das Interesse für politisch-ethische Fragen vorerst eher gering ist, scheint mir allerdings erträglicher zu sein als das Gegenteil. Ein wirklich von Gott Ergriffener ist auch ein liebender Mensch. Er wird sich zunächst mindestens um den behinderten Gleichaltrigen nebenan kümmern und ohne ihn zu überspringen eines Tages auch die globalen Fragen des Friedens und der internationalen Gerechtigkeit entdecken.

FURCHE: Die politisch-ethisch angestrengten jungen Leute erscheinen Ihnen ohne Rückkopplung ins Gebet und Sakrament gefährdeter, die Fülle des Christlichen auf Dauer zu verfehlen?

KAPELLARI: Diesen Eindruck habe ich tatsächlich und kann ihn durch etliche Erfahrungen aus meiner Tätigkeit als Hochschulseelsorger begründen. Ein Christ, der diesen Namen verdient, tut natürlich auch überdurchschnittlich viel Gutes, und zwar nicht nur karitativ, sondern auch in der Bemühung um strukturell gerechtere Zustände. Aber diese ethischen Bemühungen stehen unter dem erlösenden Vorbehalt, daß — wie Bernanos gesagt hat—alles Gnade ist und eben nicht Leistung. Das Wissen darum erneuert sich im betenden Eintauchen in Gott. Wo diese Praxis fehlt, erscheint ein logisch perfektes, aber in der Praxis totalitäres Lösungsmodell als das einzig mögliche. Es verschwindet der Humor und mit ihm auch die Liebe.

FURCHE: Wie könnte die Kirche für mehr Jugendliche anziehender werden?

KAPELLARI: Sicher nicht so, daß sie alle emotionellen oder theoretischen Erwartungen durch geschmeidige Anpassung erfüllt. Diese Erwartungen sind übrigens recht widersprüchlich. Einerseits sollte die Kirche in Fragen der ökonomischen Gerechtigkeit revolutionär unangepaßt sein, wobei die Fragen nach den Nebenwirkungen oft gar nicht gestellt werden. Andererseits sollte sie sich stärker den Trends zur Lustmaximierung öffnen. Das letzte Wort der Bibel redet von der Liebe: Gott ist Liebe. Aber im Blick auf das Ganze der Heiligen Schrift ist das doch eine zugleich sanfte und strenge Liebe. Christliche Erziehung und Seelsorge soll mit beidem vertraut machen.

FURCHE: Welche Chancen geben Sie einer sogenannten „offenen Jugendarbeit“?

KAPELLARI: Auch in schwierigen, dem Glauben sehr entfremdeten Milieus darf die katholische Jugendarbeit nicht so offen sein, daß sie keinen starken religiös und kirchlich gesinnten Kern hat. Wer die anderen mit offenen Türen zu sich einlädt, der muß auch etwas Eigenes anzubieten haben, muß in sich selbst ruhen können, weil er in Gott ruht.

Einigen jungen Leuten, die mich gefragt haben, was sie tun müßten, um eine katholische Jugendgruppe zu gründen, habe ich gesagt, bevor sie nach außen gingen, sollten sie selbst eine Kerngruppe sein, die miteinander betet, auch wochentags einmal die Eucharistie mitfeiert und sich selbst besteuert, ohne nach außen viel davon zu reden. Dann erst werden sie stark genug sein, um auch anderen den Weg zu Christus, zur Kirche zu zeigen. Und sie müssen auch ihr Wissen um den Glauben vertiefen, um nicht sich selbst und die ihnen Anvertrauten fremden und glaubensfeindlichen Ideologien auszuliefern.

FURCHE: Als Studentenpfarrer haben Sie dem ,J?rinzip Haus“ für die Jugendseelsorge einen wichtigen Rang gegeben. Ist dieses Prinzip auch auf andere Jugendmilieus übertragbar?

KAPELLARI: Heimat ist, was jeder Mensch hat oder sucht. Heimat bei Gott, Heimat bei Menschen. Im ergreifenden Wort „Wenn einer mich liebt, wird mein Vater ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ sagt Jesus, daß sogar Gott beim Menschen Heimat sucht. Jugendprobleme in der Kirche und anderswo lösen helfen, setzt die Bereitschaft voraus, andere bei sich wohnen zu lassen. Christenhäuser, Pfarrhäuser, auch Bischofshäuser sollten in diesem Sinn offen sein. Ich versuche es, für mich jedenfalls so zu halten.

Das Gespräch mit dem Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt führte Leonore Rambosek.

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