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Aufklärung bedeutet Abwehr

FURCHE: Wie beurteilen Sie, Herr Wiesenthal, die jüngsten Unruhen in Deutschland gegen Ausländer? Ist das nicht beängstigend?

SIMON WIESENTHAL: Was hier geschieht, darf nicht unterschätzt, muß bekämpft werden. Aber keine Panik. Es ist kein Neonazismus; das wäre sehr leicht zu sagen, nicht wahr? Wenn einem jemand fremd ist, wird das schon Neonazismus genannt. Das sind aber Akte der Provokation, ausgelöst durch frustrierte junge Menschen. Daher müssen wir die Sache auch von der sozialen Seite her sehen. Das sind alleingelassene junge Menschen. Schauen Sie, Demokratien haben keine Jugendprogramme; das haben nur Diktaturen, die bewachen junge Menschen von früh bis abend.

FURCHE: Man kann dabei aber nicht übersehen, daß sich die Jugendlichen auch gegen die Juden wandten. In Sachsenhausen beispielsweise wurde vor kurzem eine Baracke mit einer jüdischen Ausstellung angezündet. In Cottbus hat man ein Denkmal für Judenopfer vom Sockel gestoßen.

WIESENTHAL: Man hat mit dem Nationalsozialismus nicht aufgeräumt. Es waren nur die ersten zwei, drei Nachkriegsjahre, wo man wirklich mit dem Nationalsozialismus abgerechnet hat. Dann kam der Kalte Krieg und es war damit vorbei. Die Frage der Entnazifizierung und der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist zuletzt auf den Plan gekommen, weil die Frage der Verteidigung Europas den ersten Platz eingenommen hat.

In der Bundesrepublik hat man sich sehr bemüht, aber in der DDR haben sich die Leute so benommen, als hätten sie den Krieg gewonnen. Sie sagten: Wir sind die Antifaschisten, oder: Der Faschismus ist besiegt worden. Was wir heute sehen, besonders in der ehemaligen DDR, ist folgendes: Arbeitslosigkeit unter den jungen Menschen, ihre Erziehung in der DDR mit Feindbildern, Bespitzelung der eigenen Eltern und anderer Erwachsener.

Die Geschichte der Verfolgung der Juden ist gleichzeitig die Geschichte des Christentums. Und Reden, die Hitler in den zwanziger Jahren, als er an die Macht gekommen ist, gegen Juden gehalten hat, hätte man in jeder Kirche halten können. Das geht so seit siebzehnhundert Jahren. Als man die Nürnberger Gesetze 1935 beschloß, beruhte das ganz genau auf Beschlüssen christlicher Konzilien gegen die Juden. Natürlich - nach Auschwitz hat die Kirche selbst eingesehen, daß das so nicht weitergeht. Und da gab es einen wunderbaren Menschen, Johannes XXIII., der das Zweite Vatikanische Konzil initiierte, leider aber noch vor dessen Ende gestorben ist. Was unter seinem Nachfolger dann das Konzil sagte, waren Beschlüsse, die politische Rücksichten nahmen - zum Beispiel auf die Christen in arabischen Ländern. Johannes wollte ein volles Glas haben, herausgekommen ist ein halb volles, das heißt ein halb leeres.

Auch der jetzige Papst möchte ein gutes Verhältnis zu den Juden haben, aber das hat sich noch nicht herumgesprochen, nicht einmal unter allen Kardinälen. Es gibt Kardinäle, die gerade im Kolumbus-Jahr die Heiligsprechung von Königin Isabella, einer Mörderin, die Juden vertrieben hat, vorgeschlagen haben. Das sind Dinge, wo noch sehr viel gearbeitet werden muß: Es geht vor allem um eine Rückbesinnung in der Kirche, was alles auf ihr Konto geht bezüglich der Judenverfolgung.

FURCHE: Sie haben gerade die Vertreibung der Juden aus Spanien vor 500 Jahren angesprochen. In Ihrem Buch über Christoph Kolumbus „Segel der Hoffnung" vertreten Sie die These, daß die Nazis bei ihrem Judenhaß einiges von den Spaniern übernommen haben.

WIESENTHAL: Das ist die Sache, daß bei den Nazis alles auf dem Blut beruht: schlechtes Blut, gutes Blut. Das kommt aus Spanien. Der Ariernachweis kommt aus Spanien. Nur damals mußten Leute, die seit Generationen am selben Ort lebten, sieben Generationen nachweisen; und das ging in Spanien bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Die Leute haben es als Sport betrieben, von Ort zu Ort zu fahren, um nachzuweisen, daß sie sieben Generationen haben. Es gibt vieles noch, was bei den Nazis ohne Kennmisse aus der Zeit vorher nicht möglich gewesen wäre.

FURCHE: Wie kann man den wiederaufflammenden Antisemitismus bekämpfen?

WIESENTHAL: Das Buch, das Sie gelesen haben, habe ich auch Kardinal König gegeben. Er hat es in zwei Nächten gelesen. Und König ist wirklich ein wunderbarer Mensch. Er weiß genau Bescheid über die Schuld der Kirche und er sagte mir: Ich habe vieles gewußt, aber so vieles nicht. Aufklärung ist Abwehr. Natürlich spricht man im Kreise der Theologen darüber, man bekennt sich zu den Fehlern. Aber das ist noch nicht bis zum letzten Dorfpriester durchgedrungen.

Mit Simon Wiesenthal sprach Georg Motyle-witz.

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