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Aufmarsch, halbherzig

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„Atomgewicht 94" heißt der erste Roman von Otto Brusatti, Jahrgang 1948. Das Buch, das in diesem Frühling im Verlag NÖ-Pressehaus erscheinen wird, schildert den Aufmarsch von Atomkraftgegnern, ihre Ängste, ihre Diskussionen.

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„Atomgewicht 94" heißt der erste Roman von Otto Brusatti, Jahrgang 1948. Das Buch, das in diesem Frühling im Verlag NÖ-Pressehaus erscheinen wird, schildert den Aufmarsch von Atomkraftgegnern, ihre Ängste, ihre Diskussionen.

Eigentlich wollte ich diesmal gar nicht mitmachen. Ursprünglich. Ich hab mich nämlich schon ein bißchen geniert vor den anderen Leuten, den Bekannten und Renates Familie. Außerdem bin ich so erzogen worden, daß ich mich zurückzuhalten habe, daß ich an das Fortschreiten dessen, was sie (= die Lehrer und Vorbilder, kurz die Ante-Generation) Wachstum nennen, glauben müsse, daß ich Verschiedenes zu akzeptieren habe und daß ich schon gar nicht (auch kein bißchen) aus meiner Umwelt, meiner Herkunft und meiner Zukunft ausbrechen dürfe.

Und selbst wenn ich jetzt da sitze, am Vorabend der Eröffnung, so warte ich nicht in einer von den

sich versammelnden und schon immer größer werdenden Hauptgruppen: den Bios, den Provos, den Ultras. Ich bin überall gern gesehen, ja sogar als Post-Da-maskus-Saulus für ein Aushängeschild rasch akzeptiert. Ein sogenanntes integriertes Gruppenmitglied bin ich aber nicht und nirgends. Doch das liegt ganz an mir (und an Renate).

Das alles hat aber auch seine Vorteile: ich werde in keiner Gruppe erwartet und in jeder bestaunt; ich bin keiner scholastischen Gegner-Ideologie verpflichtet und daher auch nicht zum Gestalter einer besonderen Protestrolle eingeteilt worden. Ich bin der schlichte Gegner von der Straße.

Dabei kam alles so ganz von selbst: unser Zusammenleben, unsere Übereinstimmungen, unsere Herrschaftsansprüche und -abgrenzungen auch im privatesten Bereich, unser auf länger geplantes Zusammenleben.

Dabei empfand ich auch durchaus Zufriedenheiten. Selbst wenn Renate gern erklärt, daß ich mich mit allzuvielen Nebensächlichkeiten beschäftige, daß ich geradezu dem entgegenarbeite, was sie eine Zukunft nennt. , ,

Dabei liebe ich sie, und dabei liebt sie mich (allerdings anders).

Dabei (auch beim Lieben) denke ich immer an fernere Dinge als an ihre nächsten Prinzipien, und dann schäme ich mich ein wenig.

Renate mag es nicht, wenn ich mich für etwas engagiere, von dem sie wenig Ahnung hat.

Heute (früher Nachmittag): Rer

nate brachte mich mit ihrem In-nocenti nur bis vors Akaweh. Nachdem ich sie dazu überredet hatte und darum viel gebeten hatte und ihr Margeriten geschenkt hatte. Dazu noch sechs Gerbera, verschiedenfarbig. Ich mußte also nicht im Bus oder im Demo-Konvoi zum Atommeiler hasten. Ich wurde sozusagen vorgefahren.

Renate blieb keine Minute zu lang. Sie küßte mich ganz leicht auf die Lippen, den Abschied somit vollziehend, sie wiederholte einmal mehr, mich morgen auf keinen Fall abholen zu wollen und zu können, da der Wirbel sicher viel zu groß sein würde, sie blickte mich lediglich noch für Sekunden ironisch an und ersparte es sich daher und damit, noch einmal ihren schon so oft geäußerten Satz (hast du das notwendig, was gibt dir das, Engagement, schön und gut, aber diese Opposition, du willst dich doch schließlich nicht mit dieser Meute solidarisieren, die immer gegen alles ist?) zu wiederholen.

Sie zog ihre hellbraunen Wildlederhandschuhe an, schlug das Hermes-Tuch knapp um den weißen Hals, beförderte eine dunkle Strähne aus der pickellosen Stirn, schwang sich (im Kostüm mit dunkelblauen Kniestrümpfen, in Schuhen flachen Absatzes und mit langriemiger Ledertasche usw., ein wunderschönes Sacre-Coeur-Bild also) in den Innocenti und brauste allzurasch schaltend ab. Ihre Tracht: ein für mich

durchaus vorbestimmtes Ärgernis.

(Fragen ob Renate) Warum sie und ich? Weil wir so ähnlichen Stammes?

Warum aber immer so viele ganz kleine Probleme?

Weil zwischen uns schon ein Keil ist?

Ein Keil?

Ein Spalt sogar, jener der Denken und Konserve stets trennt und trennen muß?

Warum gibt es dann kein Ende für unseren eheähnlichen Dualismus?

Unsere Vergangenheit prägt, man mag wollen oder auch nicht.

Außerdem gibt es Bequemlichkeiten.

Außerdem noch immer viel mehr Gemeinsames als bei den meisten bukolischen Paaren.

Außerdem immer noch viel Liebe.

Der Nachmittag verging rasch. Ich half einer Gruppe aus Frankreich, ihre Zelte aufzustellen, ich aß mitgebrachte Nüsse untermischt mit ungeschwefelten Rosinen und Bio-Datteln, ich trank eine Flasche Bier (Märzen), und ich lud einen mir ganz fremden jungen Mann aus dem Burgenland zum Mittrinken ein. Er bedankte sich akzeptierend und verschwand nach dem Genuß. Schließlich stieß ich auf eine Gruppe, die sich selbst als junge und engagierte Katholiken bezeichnete.

Ich kannte eine Menge der rund zwanzig jüngeren Leute schon flüchtig, so daß mein Verbleiben und meine rasche Integration kaum auffielen.

Kurz und gut, ich verbrachte auch den Abend in und mit der

Gruppe. Bald holte ich meinen Schlafsack herbei und erhielt einen Liegeplatz zugewiesen. Dann entschied man sich fürs Abendessen. Eine Kiste Bier stand schon unter einer Plane, eine zweite bezahlte ich zum Einstand. Außerdem beteiligte ich mich an einer Kollekte zum Erwerb der restlichen Abend- und Nachtgetränke: fünf Doppler Weiß (Veltliner), drei Doppler Rot (Südbahn), sieben Flaschen Mineralwasser (Römerquelle), zwei Dosen Juice (mit Grapefruits, Orangen).

Eine dreiköpfige Polizeipatrouille näherte sich unserem Lagerplatz, wollte offensichtlich kontrollieren, gescheite Worte predigen und sich überhaupt aufspielen und als Ordnungshüter in kommenden Stunden produzieren. Die Nachtwächter wurden von uns insofern verblüfft, als sie, die sich aufgrund häufiger Erfahrungen viel Volksmurren und An-tipathen ob ihres Auftrittes erwartet hatten, mit großem (ironischen) Beifall empfangen wurden, wir klopften ihnen geradezu auf die Schultern, ihre Wachsamkeit bewundernd, Dankbarkeit wegen ihres so wichtigen Einsatzes noch in so späten Nachtstunden bekundend, uns glücklich preisend, in solch einem Staat wie dem unseren leben zu dürfen, wo Sicherheit und Obsorge herrschten. Die Patrouille lehnte die unter Lob dargebotenen Fleischstücke oder Schnäpse ab und verzog sich konsterniert. Ein rohes Ei flog ihnen zum Abschied nach, traf aber (leider - oder auch zum Glück!) nicht.

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